Film

Wim Wenders und Peter Schwartzkopff gründen Verleih

17.02.2004 18:07 • von Jochen Müller

Peter Schwartzkopff trat im letzten Herbst als Koproduzent mit der Reverse Angle International GmbH an die Stelle des bisherigen Koproduzenten Road Movies Filmproduktion und sicherte sich damit die Auswertungsrechte in den nicht englischsprachigen Territorien für die sieben mit Vulcan koproduzierten Musikdokus. Die dazu veröffentlichte CD-Sammlung "Martin Scorsese Presents The Blues: A Musical Journey" wurden als Best Album Notes und Best Historical Album gerade mit einem Grammy ausgezeichnet. Antoine Fuquas Konzertfilm mit Blueslegenden und zeitgenössischen Musikstars, "Lightning in a Bottle", der als achter Film den Abschluss der Filmreihe bildet und den Bogen zur Gegenwart schließt, lief im Berlinale-Wettbewerb außer Konkurrenz. Wenders' Blues-Film "The Soul of a Man" wurde im Talent Campus präsentiert. "The Soul of a Man" soll nun am 6. Mai als erster Film der Reihe in Zusammenarbeit mit Filmwelt mit etwa zehn Kopien in den deutschen Kinos gestartet werden.

Eigener Verleih spielt den Blues

"Die Testvorführungen liefen sehr gut", freuen sich Schwartzkopff und Wenders. Danach folgen "The Road to Memphis" und "Feel Like Going Home", bis im Sommer "Lightning in a Bottle" in Openair-Kinos anlaufen wird. Mit Ottfilm, das die "Blues"-Filme ursprünglich im Kino auswerten und "The Soul of a Man" im November 2003 starten sollte, habe "man sich freundlich geeinigt", so Schwartzkopff. Der Film lief bereits letztes Jahr in den italienischen Kinos (Mikado) und lockte knapp 90.000 Besucher in Frankreich (Bac Films' Wild Side) in die Filmtheater. Um den Video- und DVD-Vertrieb kümmert sich in Deutschland MC One.

Nach den von Wenders als seine "drei B-Filme" bezeichneten "Buena Vista Social Club", "BAP - Viel passiert" und dem Blues-Film wendet er sich wieder fiktionalen Geschichten zu. Er ergänzt: "Ich habe nie beabsichtigt, Musikspezialist zu werden." So arbeitet er noch bis Ende April in Berlin am Schnitt von "Land of Plenty", seinem bis dato "politischsten Film" - und die erste gemeinsame Produktion von Reverse Angle und der auf Digitalfilme spezialisierten und mit dem Independent Film Channel (IFC) liierten US-Firma Independent Digital Entertainment (InDigEnt), die mit den Sundance-Gewinnern 2002, "Tadpole" und "Personal Velocity", auf sich aufmerksam machte. "Der Film muss noch im Herbst vor den US-Wahlen ins Kino - sonst ist er obsolet", betont Wenders. Wenders' erster digitaler Spielfilm entstand sehr spontan, aus Empörung "über die sehr verkorkste politische Situation nahe am McCarthyismus". Von der ersten Idee bis zum Dreh vergingen nur sechs Wochen. Mit Michael Meredith schrieb er in vier Wochen das Drehbuch "um eine Familienzusammenführung im Amerika des George Bush zwischen Patriotismus und Paranoia". Gedreht wurde ab Ende September 2003 mit John Diehl und Michelle Williams drei Wochen in Los Angeles und New York. Franz Lustig schaffte mit der DV-Cam 42 Einstellungen pro Tag. Möglich war die reibungslose, schnelle Produktion nur dank des Engagements und der Begeisterung des Teams, lobt Wenders. Nach dem Schnitt werden in den USA Spezialeffekte eingearbeitet und das Digitalmaster auf Cinemascope kopiert. Um den US-Verleih bemüht sich Fifty-Fifty-Partner InDigEnt, mit dessen Produzenten man "die Überzeugung teilt, dass das digitale Kino die Zukunft des unabhängigen Films bedeutet", so die Geschäftsführer von Reverse Angle. Außerdem beteiligt die Firma von u.a. Gary Winick und Jake Abraham die Mitarbeiter. "40 Prozent der Erlöse gehen ans Team", präzisiert Schwartzkopff und führt aus, dass er und Wenders an der Internationalisierung dieses Modells arbeiten. Reverse Angle wird wahrscheinlich auch "Land of Plenty" in die deutschen Kinos bringen.

Digitalproduktion für politisches Statement

Wie der Verleih in Zukunft weiter operieren wird, werde sich nach den Erfahrungen mit den "Blues"-Filmen ergeben. Auch über die Ausrichtung der von Ute Schneider und Schwartzkopff betreuten Reverse Angle Factory in Köln wird nachgedacht. Die ursprünglich noch bei Road Movies für die Radikal-digital-Filme gegründete Factory wird auch weiterhin schwerpunktmäßig Projekte wie "Fast Food" mit digitaler Technologie produzieren. Die Factory bereitet außerdem mit "Inkarnation" den nächsten Film von Marc Ottiker ("Halbe Miete") und in Zusammenarbeit mit Prokino "Cubanissimo" vor. Diese Projekte werden wahrscheinlich nicht digital produziert. Auch die nächste große Produktion von Wenders und Schwartzkopff, "Don't Come Knocking", die allein von Reverse Angle gestemmt wird, wird von Kameramann Phedon Papamichael ab Sommer auf Film gebannt werden. Wenders begann die Zusammenarbeit mit seinem "Paris; Texas"-Drehbuchautor Sam Shepard vor drei Jahren. Shepard und Jessica Lange werden die Hauptrollen übernehmen.