Film

Interview mit der Network Movie-Doppelspitze: "Wir haben keinen Freifahrtsschein beim ZDF"

14.08.2003 17:15 • von Jochen Müller

Blickpunkt:Film: Wie kam es zu Ihrer neuen Partnerschaft? Was bedeutet diese personelle Veränderung für Network Movie?

Jutta Lieck-Klenke: Unsere Zusammenarbeit begann bereits als Reinhold Elschot noch stellvertretender Fernsehspiel-Chef des ZDF war und ich "Bella Block" als Producerin entwickelt und betreut habe. Seitdem hat sie sich mit den Network Movie/Objectiv Film-Koproduktionen "Einsatz in Hamburg" und "Verbotene Küsse" sehr schön und produktiv weiter entwickelt. Für mich hat dieser Wechsel eine sehr attraktive neue Chance dargestellt, in einem anderen Kontext mit Reinhold Elschot zusammen zu arbeiten und gemeinsam eine Firma wie Network Movie zu leiten und mit anderen Programmideen noch stärker gemeinsam auf den Markt zu treten.

Reinhold Elschot: In unserem Business-Plan war immer vorgesehen, dass wir nach drei bis vier Jahren eine Doppelspitze haben würden. Ich hätte mir niemanden anders als Jutta Lieck-Klenke dafür vorstellen können. Eine Doppelspitze ist ja keine unheikle Angelegenheit, da sie auch leicht zu einer Konkurrenz-Situation führen kann. Das gibt es bei uns nicht. Wir kennen uns sehr lange und sehr gut, haben auch gemeinsam sehr viele Erfolge gehabt. Jutta Lieck-Klenke ist eine sehr erfahrene Produzentin, die große Erfolge im Fernsehen verantwortet hat. Für mich ist es jetzt, obwohl wir größer werden, ein entspannteres Arbeiten. Gemeinsam können wir die Expansion, die diese Firma vor sich hat, viel besser bewältigen und können noch mehr und noch bessere Produktionen herstellen.

"Bis zu zehn Prozent des ZDF-Fiction-Budgets"

BF: Auf Network Movie entfielen 2002 fünf Prozent des ZDF-Fiction-Budgets, die Firma machte mit 15 Mitarbeitern einen Umsatz von ca. 15 Mio. Euro. In welchem Maße soll das Unternehmen expandieren?

RE: Wir könnten, so sagt man uns, bis zu zehn Prozent des ZDF-Fiction-Budgets bekommen, wenn es uns gelingt, so viele tolle Projekte unterzubringen. Wir setzen uns aber nicht mit jedem Vorschlag durch. Das ZDF ist ein Produzenten-Sender, neunzig Prozent des Fiction-Budgets entfallen auf den sogenannten freien Markt - sogenannt, weil dies auch Produktionstöchter anderer Senderverbünde meint. Wir haben keinen Freifahrtsschein, es gibt auch keine Garantie-Zusagen. Das konnte man z.B. bei unserer Serie "Zwei Profis" sehen: Wir hätten sie gerne fortgesetzt, aber das ZDF gab kein grünes Licht, weil den Verantwortlichen die Quoten der ersten Staffel nicht gut genug erschienen. Jetzt entwickeln wir neue Formate für den Sendeplatz.

BF: Wie wird die Arbeitsteilung bei dieser Doppelspitze aussehen? Wird es geographische Schwerpunkte geben?

JLK: Nein. Wir sind nicht standortgebunden, was die Produktionen angeht. Die Arbeitsteilung ergibt sich sehr organisch. Wir kommen beide eher von der kreativen oder inhaltlichen Seite, insofern machen wir es von den einzelnen Projekten abhängig, wer sie produziert und wo sie gedreht werden.

BF: Bei unserem letzten Gespräch kündigten Sie, Herr Elschot an, dass sich der Produktionsschwerpunkt der Firma von den TV-Movies auf die Serien verlagern werde.

RE: Das ist eine Reaktion auf die Erfordernisse des Marktes. Die Sender geben weniger TV-Movies in Auftrag, weil sie sich offensichtlich nicht so gut amortisieren. Wir werden auch weiterhin TV-Movies produzieren, aber die Expansion wird im Serienbereich vollzogen werden. Wir produzieren die Serie "SOKO Köln", haben gerade die erste Staffel der Sitcom "Halt durch, Paul!" produziert, dazu kommen "Girl Friends" und "Die Albertis" und für 2004 steht eine weitere Serie an.

BF: Frau Lieck-Klenke, Sie haben stante pede bei Network Movie mit den Produktionsvorbereitungen des ZDF-Zweiteilers "Die Albertis" nach dem gleichnamigen Roman von Christian Pfannenschmidt begonnen, der in der Folge zu einer Serie werden soll.

JLK: Ich habe von Anfang an bei Trebitsch mit Christian Pfannenschmidt zusammengearbeitet, nur "Die Albertis" war uns in gewisser Weise "durch die Lappen gegangen", da Network Movie die Rechte bekam. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass ich über diesen Umweg doch dazu komme, die Verfilmung zu produzieren. Es hat sich gut ergeben, das es ein Projekt ist, dass ich hier sofort übernehmen konnte. Wir produzieren jetzt die zwei 90-Minüter und direkt im Anschluß daran beginnt Christian Pfannenschmidt die Drehbücher für die Serie zu schreiben.

"Girl Friends" im Rucksack

BF: Ungewöhnlich ist, um gleich bei Herrn Pfannenschmidt zu bleiben, dass eine erfolgreiche Produktion den Produzenten wechselt, wie es bei "Girl Friends" der Fall ist: Die Serie wird in Zukunft von Network Movie produziert.

RE: Ganz so ist es nicht: Jutta Lieck-Klenke war die Produzentin der "Girl Friends" und ist es auch weiterhin. Zum Weg der "Girl Friends" gibt es eine Vereinbarung unter den handelnden Parteien, darüber wurde Stillschweigen vereinbart. Nur so viel: es ist einvernehmlich passiert und nicht im Konflikt, was uns wichtig war.

JLK: Ich habe früher bei Rowohlt Bücher herausgegeben, da war es z.B. etwas völlig Normales, dass ein Autor sein "Schicksal" an einen Lektor knüpft und mit ihm den Verlag wechselt. Ähnlich ist es bei uns auch der Fall: Es war der ausschlaggebende Punkt, dass Christian Pfannenschmidt und ich sehr lange und gut zusammen arbeiten, so dass dieser Wechsel von ihm quasi mit vollzogen wurde, weil es für ihn eine vertraute und positive Voraussetzung war für seine weitere Arbeit.

BF: Das bedeutet "Girl Friends" hat eine Chance über diese Staffel hinaus?

JLK: Oh ja. Das hat sich vielleicht in der Vergangenheit etwas anders dargestellt. Vor dem Neustart im Jahr 2002 war es so, das Christian Pfannenschmidt die "Girl Friends" ursprünglich nicht weiterschreiben wollte. Er wollte vermeiden, dass sich die Serie - wie es anderen Serien passiert - tot läuft. Da ich der gleichen Meinung war, haben wir uns damals ganz selbstbewußt hingestellt und gesagt, "Wenn's am Schönsten ist, ist Schluß, dann werden alle die Serie in positiver Erinnerung haben". Auf der anderen Seite hat Christian Pfannenschmidt so viele Ideen und schreibt so differenziert auf Charaktere hin, dass ihm nie die Stoffe für Geschichten ausgehen. Wir haben natürlich auch erkannt, wieviel es wert ist, wenn eine Serie erfolgreich ist und wieviel es heute bedeutet, eine Marke wie "Girl Friends" aufgebaut zu haben. Jetzt wollen wir sie mit allem Qualitätsbewußtsein weiter entwickeln.

BF: Die Amerikaner machen es ja auch erfolgreich vor, z.B. in "E.R. - Emergency Room", wo das Personal auch über die Jahre gewechselt hat und die Serie dennoch weiterhin auf hohem Niveau funktioniert.

JLK: Ich würde mir wünschen, dass die Serien in Deutschland so betrachtet würden, wie in Amerika: nämlich als hohe Schule des Fernsehens.

TV-Movies als Opfer der Spar-Quote

BF: Auch das ZDF muss sparen. Entwickeln Sie verstärkt preiswertere Produktionen?

JLK: Darüber machen wir uns heftige Gedanken, das ist ja nicht ganz leicht. Wenn man die Qualitäts-Ansprüche und deutlich geringere Produktionskosten unter einen Hut bringen will, muss einem erst mal was einfallen.

RE: "SOKO Köln" ist ein Beispiel dafür. Eine extrem erfolgreiche Produktion, die preiswert ist und dennoch gut aussieht. Die Sender werden weniger Geld haben und wir müssen darauf reagieren, indem wir Programmformen finden, die Qualität bieten und attraktiv sind, aber weniger Geld kosten. Das ist schwierig. Ich denke, viele TV-Movies, die im mittleren Bereich lagen, werden der Spar-Quote zum Opfer fallen. Wir werden weiterhin Events haben, die mit gewissen Schauspielerinnen und Schauspielern verbunden sind, und wir werden neben hochpreisigeren Serien wie "Girl Friends" und "Die Albertis" auch verstärkt die deutlich preiswertere Serie anbieten.

BF: Stirbt das "ordinäre" TV-Movie aus?

RE: In Amerika sind die TV-Movies, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bereits seit vielen Jahren aus dem Programm verschwunden. Dieser Prozess hat uns mit Verspätung nun auch erreicht. Der Grund liegt auf der Hand: die Einzelmovies sind sehr teuer und der Erfolg ist jedes Mal ungewiss.

JLK: Bei uns wurde der Niedergang des TV-Movies durch "Wer wird Millionär?" forciert, denn ein Programm wie das von Günther Jauch passt für den deutschen Zuschauer wie handgenäht. Man muss schon Enormes zustande bringen, damit sich ein Fernsehfilm dagegen quotenmäßig behaupten kann.

RE: Die Fernsehfilme des ZDF sind nicht schlechter geworden, aber sie haben weniger Quote, weil "Wer wird Millionär?" dagegen steht. Wo früher sechs Millionen einschalteten, sind es jetzt dreieinhalb bis vier. Wenn wir Events dagegen setzen - wie "Nachtschicht" oder "Rette deine Haut" - gelingt uns ein Quoten-Erfolg, aber das kann nicht immer klappen. Man kann nicht fünfzig Mal mit so einer Besetzung gegen Jauch antreten, das wäre zu teuer und zudem - wenn alles Event wäre, wäre nichts mehr Event.

"Reihen sind unser Ticket in die Zukunft"

BF: Wie steht es mit Ihrem Vorhaben, Montagsfilme stärker auf Reihentauglichkeit "abzuklopfen".

RE: Reihen sind für uns ein Ticket in die Zukunft. Wir werden verstärkt Reihen produzieren, weil sie für die Zuschauer eine größere Verlässlichkeit bieten als Einzelstücke. Die erfolgreichen Reihen "Einsatz in Hamburg" und "Nachtschicht" werden im nächsten Halbjahr fortgesetzt. Wir entwickeln "Prinz und Paparazzi" für Sky Dumont nach seinem eigenen Buch, zudem Reihen mit Mariele Millowitsch und Natalia Wörner.

BF: Network Movie hatte in der Vergangenheit bereits für Sat das TV-Movie "Am Ende der Hochzeitsnacht" produziert. Wollen Sie in Zukunft auch vermehrt für andere Sender arbeiten?

JLK: Wir entwickeln Projekte für die ARD und auch wieder für Sat.1.

BF: Werden Sie neben "Der Besuch des Leibarztes" nach dem Roman von Per Olof Enquist und "Schade um das schöne Geld" von Lars Becker, die Sie derzeit entwickeln, weitere Kinoprojekte in Angriff nehmen?

JLK: Wir haben einiges in der Entwicklung, überlegen jedoch bei jedem Projekt doppelt und dreifach, damit es nicht untergeht im Meer der deutschen Kino-Flops.

RE: Gerade größere Projekte wie "Der Besuch des Leibarztes" würden wir dann auch gemeinsam produzieren.

Schätze, die es noch zu bergen gilt

BF: Wie sieht es mit internationalen Koproduktionen aus?

RE: Die internationalen Koproduktionen können ein Gegenpol zu den Event-Movies sein - sehr preiswert und dennoch attraktiv. Wir glauben, dass im europäischen Fernsehen noch Schätze liegen, die bisher nicht gehoben wurden. Wir setzen die Reihe der Mankell-Verfilmungen fort. Wir haben die Romanrechte an "Der Mann der lächelte", "Die Brandmauer" und "Mittsommermord". Es gibt weitere Koproduktionen mit Skandinavien, mit Italien und Spanien. Dabei setzen wir auf die Zusammenarbeit von nur zwei Koproduzenten, denn in dieser Größenordnung kann man sich noch gut über einen Stoff austauschen.

JKL: Der Kostendruck und die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben zu einer interessanten Entwicklung in diesem Bereich geführt. Das Beispiel der Besetzung Sophie von Kessel und Alain Delon in unserer Koproduktion "Frank Riva" hätte sich früher keiner ausgedacht. Heute ist es sogar möglich, z.B. eine spanische Koproduktion mit einem deutschen Regisseur zu machen. Auch das wäre früher schwer durchsetzbar gewesen. Das ist ein interessantes neues Modell, um in Zukunft kostengünstigere und attraktivere Primetine-fähige Programme zu produzieren.

BF: Was stehen für aktuelle Projekte an?

RE: "Ein Mann für den Dreizehnten" mit Sandra Speichert wird ab Ende August in Berlin gedreht, gefolgt von dem Haupstadt-Thriller "Die letzte Vorstellung" von Matti Geschonneck mit Heino Ferch in der Hauptrolle. Danach kommt "Schwestern zum Glück", das erste Fernsehspiel in dem Anja und Gerit Kling zusammen spielen werden, Regie führt Manfred Stelzer.

JLK: Und dann gibt es natürlich auch noch ein paar schöne Projekte, über die wir jetzt besser noch nichts sagen.