Film

Edgar Reitz über "Heimat 3": "Sieben Jahre lohnender Kampf"

03.04.2003 12:28 • von Jochen Müller

Blickpunkt:Film: Wie ist der aktuelle Stand bei "Heimat 3"?

Edgar Reitz: Wir haben vor ziemlich genau einem Jahr mit den Dreharbeiten begonnen. Von den sechs Teilen sind vier abgedreht. Wir sind im Augenblick dabei, für diese vier Teile den Rohschnitt zu machen und werden im Juni die Dreharbeiten zu den im Sommer spielenden Teilen wieder aufnehmen. Nach Drehende wird etwa ab Oktober die Postproduktion fortgesetzt. Wir hoffen bis August, September 2004 fertig zu sein, damit die ersten Pressevorführungen stattfinden können, möglicherweise auch eine Kinopremiere auf einem Festival.

BF: Zeigen Sie bei dieser Vorabpremiere einen Zusammenschnitt der sechs Teile?

ER: Nein, der Film ist nur in seiner vollen Länge gültig. Es würde sich anbieten, dass man jeden Tag der Woche einen Teil zeigt, so dass die Zuschauer ein Dauerticket erwerben können. Vielleicht spielt man den Film zeitversetzt in zwei Kinos, so wie wir es bei "Heimat 2" auch gemacht haben, etwa in Italien mit großem Erfolg. Das ist ein Wuschtraum, denn "Heimat" ist natürlich kein Konkurrent für den kommerziellen Mainstream im Kino. Man muss da natürlich Kinos finden, die so etwas auch mitmachen.

BF: Lassen Sie uns zu den Anfängen zurückkommen. Ab wann war für Sie klar, dass "Heimat" eine Trilogie wird?

ER: Der Gedanke kam mir, während wir "Die zweite Heimat" drehten, weil das "Wende-Jahr" 1989/90 mitten in den Dreharbeiten lag. Wir haben sogar Szenen auf der damaligen Transitstrecke durch die DDR gedreht. Wir waren mitten in diesem Geschehen und konnten es nicht aufgreifen, weil es nicht zu der Theamtik passte. Da entstand der Gedanke, es sollte eine Trilogie werden, weil sich dieser Teil der deutschen Geschichte als Hintergrund absolut anbot. 1993 unmittelbar nach der Ausstrahlung der "Zweiten Heimat" schrieb ich das erste Manuskript für "Heimat 3" und bemühte mich um Kontakte zu den Fernsehanstalten. Damals noch zum WDR. Aber dort war keine Gesprächsbereitschaft anzutreffen, was damit zusammenhängt, dass "Die zweite Heimat", obwohl mit Preisen überhäuft und in der ganzen Welt bewundert, die Quotenerwartung nicht erfüllt hatte.

"Der WDR hat sich verweigert"

BF: Wie ging es dann weiter?

ER: In den folgenden zwei Jahren, 1995 bis 96, habe ich das neue Projekt dennoch weiter entwickelt. Aber der WDR, mit dem ich mein ganzes Leben produziert hatte, hat sich verweigert. Im Jahre 95 kam dann der erste Kontakt mit dem damaligen Südwestfunk zustande. Ich habe in vier Jahren, 1996 bis 99, den Stoff in elf verschiedenen Fassungen geschrieben. Die ersten alleine, ab 97 dann mit Thomas Brussig als Koautor. 1999 gab es dann erstmals grünes Licht, 2000 sollten die Dreharbeiten beginnen. Dann wurde das Ganze aber wieder abgeblasen. Es sind Dutzende von dramaturgischen Gutachten eingeholt worden.

BF: Sie meinen Gutachter, die von den Sendern bestellt wurden?

ER: Ja, um festzustellen, ob es sich um ein "primetimefähiges" Programm handle. Es kamen nochmals eineinhalb Jahre Kampf auf mich zu. Wir arbeiten jetzt also seit neun Jahren an diesem Projekt. Zur Fertigstellung werden es volle zehn Jahre sein, und davon sind sieben Jahre Kämpfe um die Finanzierung.

BBC als Partner im Gespräch

BF: Wie setzt sich die Finanzierung zusammen?

ER: Ich musste die Hälfte der Produktionsmittel durch private und öffentliche Beteiligungen zusammenbringen, das hat dazu beigetragen, die Bedenken von Senderseite aufzuweichen. Diese Hälfte setzt sich zusammen aus Mitteln meiner Koproduzenten - der Münchener Weltvertriebsfirma Arri Media, von Record Pictures in London, von Nedfilm in den Niederlanden, aus zahlreichen Fördergeldern u.a. des FFF Bayern, der Mitteldeutschen Filmförderung, von Media II, der Förderung der Europäischen Union und dem European Script Fund, aus kulturellen und wirtschaftlichen Fördermitteln des Landes Rheinland-Pfalz, und nicht zuletzt auch durch Eigenbeteiligung meiner Produktionsfirma und Rückstellungen der Regie- und Produzentengagen. So etwas zu machen und zu wollen, ist vom persönlichen Einsatz her ein ziemliches Extrem. Ich frage mich nachträglich, wie man das so viele Jahre lang schaffen konnte.

BF: Mit der positiven Rezeption der beiden ersten "Heimat"-Verfilmungen im Ausland ist wohl der Grundstein für die ausländischen Partnerschaften gelegt worden. Wie erklären Sie sich das?

ER: Das ist sehr unterschiedlich gewesen. In Italien war "Heimat 1" kein so großer Erfolg, die Italiener lieben hingegen "Heimat Due", und zwar leidenschaftlich. Das ist in Deutschland umgekehrt. Warum? Im Mittelpunkt der "Zweiten Heimat" stehen junge Künstler, und Italiener mögen nun einmal Künstler. Sie identifizieren sich gerne mit ihnen. Die Deutschen misstrauen den Künstlern, weil sie in ihnen eine Freiheit verkörpert sehen, die bedrohlich wirkt. In Frankreich und allen romanischen Ländern war der Film ein Erfolg. Interessanterweise auch in Fernost und in südamerikanischen Ländern. Die Ursachen dafür sind mir nicht bekannt. Insgesamt wurden beide Film-Zyklen in über 40 Länder exportiert. Standards, wo beide Teile sehr erfolgreich gelaufen sind, bilden etwa Skandinavien und England. Die BBC ist deshalb auch heute wieder als unser Partner im Gespräch.

BF: "Heimat" kann wohl mit Fug und Recht als Lebenswerk bezeichnet werden?

ER: Das wird es dadurch, dass man so viele Jahre damit verbringt. Natürlich hätte ich in der gleichen Zeit ein paar Dutzend normale Spielfilme machen können. Aber das ist reine Theorie. Jedes andere Projekt hätte ja nach "Die Zweite Heimat" die gleichen Schwierigkeiten angetroffen. Es gibt in Deutschland kaum einen Kinofilm, der ohne Fernsehbeteiligung zustande käme. Deshalb fallen die eigentlichen Entscheidungen darüber, was auch fürs Kino produziert wird, in den Redaktionsstuben. Insofern ist es schicksalhaft, wenn man bei den Fernsehanstalten als Risikofall gilt. Für mich ist es jetzt entscheidend, diese Mauer endlich zu durchbrechen. So gesehen haben sich die sieben Jahre Kampf gelohnt.

Vom Regieassistent zum Produzent und Kompagnon

BF: Haben Sie viele Menschen vor wie hinter der Kamera von den vorangegangenen Produktionen mit in die neue "Heimat" genommen?

ER: Es gibt neben den Hauptfiguen Hermann und Clarissa, die wieder von Henry Arnold und Salome Kammer gespielt werden, einige Figuren, die fortgesetzt werden. So z.B. Hermanns Brüder, die mit denselben Schauspielern besetzt wurden, die sie in "Heimat 1" gespielt haben, Matthias Kniesbeck und Michael Kausch. Aber es gibt auch viele neue Figuren, die von neuen Darstellern verkörpert werden. Auch mein wichtigster Partner, Robert Busch ist wieder dabei. Bei "Heimat 1" war er noch Regieassistent, bei "Heimat 2" Co-Regisseur und Casting-Direktor, jetzt ist er Produzent, mein Kompagnon und Partner in meiner Firma und leitet in unnachahmlicher Weise die Produktion. Auch einige Teammitglieder von früher sind wieder dabei. Die meisten Mitarbeiter sind aber neu.

BF: Mit nur sechs Teilen wird "Heimat 3" im Vergleich zu den elf- bzw. 13-teiligen Vorgängern recht kurz geraten. Kommen sie damit zurande?

ER: Es sollten ursprünglich sieben Teile werden, dann haben die Sender aber signalisiert, fünf Teile "Heimat" seien genug. Schließlich haben wir uns auf sechs Teile geeinigt. Ein Mehrteiler von elf oder dreizehn Teilen wie damals, das ist heutzutage Utopie. Stoff dafür wäre allerdings vorhanden gewesen, in den ersten Entwürfen hatte ich zehn Teile angepeilt.

BF: Gab es auf der langen Wegstrecke dieser Produktion besonders freudige Erfahrungen?

ER: Allerdings! Die bisherigen Dreharbeiten haben in völliger Freiheit statt gefunden. Ich konnte die Arbeit so angehen, wie ich es mir gewünscht habe, ohne jegliche Beeinträchtigung von Außen, weder von den Fernsehanstalten noch den ausländischen Geldgebern. Auch die Redaktionen haben sich respektvoll im Hintergrund gehalten, so dass ich sagen kann, es war eine produktive und auch schöne Zeit, in der sich das Werk so entwickeln konnte, wie es sein soll. Es war monatelang sehr strapaziös, aber das sind Dreharbeiten immer. Man hat in einem Produktionsjahr nicht einen freien Tag und arbeitet oft 16, 17 Stunden am Tag. Auch die meisten Mitarbeiter hatten diese Bereitschaft in sich und haben mich spüren lassen, dass sie bei einem Projekt mitarbeiten, das sie als einmalig empfinden..

BF: Mit wem tauschen Sie sich am Drehort aus?

ER: Wenn ich mich unsicher fühle, suche ich Rat bei Freunden. Ich zeige ihnen Ausschnitte, gebe ihnen etwas zu lesen, frage nach Meinungen. Man ist ja nie einsam in einer Produktion. Das Team besteht aus 60 bis 70 Personen. Darunter sind hoch intelligente Leute, die in jeder Arbeitsphase mitdenken. Meine wichtigsten Partner sind Robert Busch und meine Frau, die Schauspielerin und Sängerin Salome Kammer, deren Rat mir besonders wichtig ist, weil sie einen enormen Kunstverstand besitzt

"Gute Filme drohen Fremdkörper zu werden"

BF: Was, außer der Quoten-Hypothek des Vorläufers, hat der aktuellen Produktion das Leben so schwer gemacht?

ER: Es gibt im Fernsehprogramm kaum mehr Ereignisse, die durch filmkünstlerische oder erzählerische Qualitäten herausragen. Was in der Hauptsendezeit über die Kiste flimmert, verrät die übliche Vorgeschichte von schwerfälliger Projektgenehmigung oder angsterfüllter Stoffbewilligung. Eine bürokratische Unentschlossenheit und Scheu, die Verantwortung einzelnen Persönlichkeiten anzuvertrauen, verhindern die künstlerische Hochleistung. Die Einschaltquotenschraube ist der Ausdruck tiefgreifender Unsicherheit. Man muß befürchten, dass gute Filme mehr und mehr Fremdkörper im Fernsehprogramm werden. Dieses "Fremdkörpergefühl" gegenüber Filmkunst hat sich bereits voll auf die Zuschauer übertragen.

BF: Aber es gibt diese "Fremdkörper" noch.

ER: Es gibt sie noch, gottlob!. Es kommt aber nicht mehr vor, dass das übrige Programm zu den künstlerisch oder inhaltlich bedeutsamen Filmen in Beziehung tritt. Ich vermisse die Verbindungsglieder, die Einbettung besonderer Filme in das Programm. Es fehlen die Abstufungen, durch die sich die Zuschauer aufgefangen fühlen. Wenn ich durch die Kanäle zappe, scheint überall die gleiche Rastlosigkeit zu herrschen. Arte und 3sat bilden zwar die Ausnahme, sie leiden als Kulturkanäle aber darunter, dass sie nur und nichts anderes, als die Ausnahme sein dürfen.

BF: Spiegelt sich ihrer Ansicht nach die Verflachung auch im deutschen Fernsehfilm, wie er sich heute darstellt, wider?

ER: Zwischen "Fernsehfilm" und "Film" kann und will ich eigentlich nicht unterscheiden. Es gibt für mich eine Kulturgeschichte des Films, die hat vor hundert Jahren begonnen und hat über die Jahrzehnte unsterbliche Werke hervorgebracht. Diese Kulturgeschichte ist für mich verpflichtend. Sie hat die Kraft gehabt, alle anderen Künste zu beeinflussen. Wer sich bei dem Film, den er gerade macht, an der Filmgeschichte und ihren Werken messen will, dem gehört meine besondere Achtung. Das internationale Kino bringt immer noch jedes Jahr wundervolle Filme zustande, die sich dieser Herausforderung stellen und dem historischen Maßstab genügen. Für den Fernsehfilm oder die neue Gattung "TV-Movie" gibt es (noch?) keinen vergleichbaren Horizont.