Film

Otto Meissner behauptet sich als Unabhängiger

06.06.2002 16:49 • von Jochen Müller

"Als Produzent muss man sich auf Serien konzentrieren, damit etwas hängen bleibt", erklärt Otto Meissner - mit seiner Novafilm einer der wenigen unabhängigen Produzenten in Deutschland - den wirtschaftlichen Baustein seines Erfolgs. "Schließlich hat man auch eine Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern, denn mit TV-Movies verdient man kaum Geld." Neben dem seit 16 Jahren laufenden "Landarzt" produziert Meissner aktuell noch "Für alle Fälle Stefanie" (seit acht Jahren bei SAT), "Der letzte Zeuge", "Tierarzt Dr. Engel" (in der sechsten Staffel) sowie eine neue Anwaltsserie - jeweils für das ZDF. In der Endfertigung befindet sich das Movie "Vinzenz & Claire" für die Degeto mit Götz George und Gudrun Landgrebe in den Titelrollen. Den Erfolg der lang laufenden Serien sieht Otto Meissner in ihrer kontinuierlichen Anpassung an den Wandel der Zeit. "Wir modernisieren den 'Landarzt" jedes Jahr", erzählt Meissner. "Wir schauen, was es Neues gibt, schreiben junge Leute rein und ältere raus, und auf dem Land gibt es immer genügend Probleme, mit denen sich junge Leute auseinander setzen müssen."

Die ständige Suche nach neuen Blickwinkeln auf Erzählweise und Themen, aber auch die Anstrengungen um ausgearbeitete, publikumswirksame Charaktere zählt Meissner zu den Erfolgsfaktoren. So erzählt "Der letzte Zeuge" Krimigeschichten aus der Opferperspektive und der schon 1998 entstandene "Zielfahnder" (ab Herbst auf Sat 1) das Ergreifen und die damit verbundenen Schwierigkeiten von flüchtigen Verbrechern in aller Herren Länder. "Ohne eine gute Figur ist keine Geschichte möglich", erklärt Meissner. "Die Figur ist das wichtigste Element, bei ihrer Entwicklung muss ich mir überlegen, welche Geschichten ich mit ihr und über sie erzählen kann." Die Entwicklung neuer Serien wird von Novafilm vorfinanziert, von der hauseigenen Entwicklungsabteilung betrieben und dauert etwa ein Jahr. Viele Ideen stammen von Meissner selbst, der die Kontrolle über alle Entwicklungen in seinem Haus sowie die Drehbücher behält. Dabei ist Teamgeist gefragt: "Wir entwickeln gemeinsam mit unseren Dramaturgen und Autoren. Es ist wichtig, sich nicht nur auf ein Urteil zu verlassen."

Zurzeit befinden sich vier TV-Movies und zwei Serien in der Entwicklung, darunter "Frau Dr. Stein" für die ARD mit einer Lehrerin im Mittelpunkt. "Die Serien müssen aktuell sein", sagt Meissner, "deshalb werden wir bei 'Frau Dr. Stein" die Diskussionen, die durch die Bluttat von Erfurt entstanden sind, berücksichtigen. Dies ist gesellschaftspolitisch wichtig - aber nicht nur, weil das Thema eine andere Relevanz erhalten hat." Die veränderten Aspekte und Ansatzpunkte wirkten sich auf das gesamte Konzept aus und machten nun eine komplett neue Herangehensweise an die Charakterisierung notwendig.

"Alle Produktionen ruhen auf dem Vertrauen zwischen Redaktion und Produzent, das sollte man natürlich nicht enttäuschen", erklärt Meissner, der mit der Zusammenarbeit seiner Hauptauftraggeber ZDF, ARD und SAT.1 sehr zufrieden ist. Doch nicht jede Serie wird ein Erfolg, oder sie passt plötzlich nicht mehr zur Programmfarbe. So wanderte die für ProSieben produzierte Serie "Zielfahnder" nach langem Warten zur Schwester SAT.1 und die Bundestags-Sitcom "Die Hinterbänkler" vom ZDF ebenfalls zu SAT.1 (ab Herbst). Im Fall der "Hinterbänkler" musste Novafilm die Rechte zurückerwerben. Für Meissner steht außer Frage, dass nichts sein Haus verlässt, das nicht den eigenen Sorgfalts- und Qualitätskriterien entspricht. Gefallen ihm die Muster nicht, lässt er nachdrehen. "Das wird dann zwar teurer, doch letztendlich rechnet es sich."

Bundestags-Sitcom vom ZDF zu SAT.1

Trotz des Komforts und der relativen Sicherheit, die Novafilm durch ihre Serien hat, ist auch Otto Meissner von den finanziellen Problemen der Branche betroffen. Bei "Für alle Fälle Stefanie" steigt zwar der Herstellungspreis, da die Attraktivität der Serie durch bekanntere Schauspieler erhöht wird, aber der Abnahmepreis ist nach Erhöhungen in den vergangenen Jahren nun eingefroren. Also wird der Ausgleich in den Produktionsbedingungen gesucht: Der Aufwand, den 50 bis 55 Bilder pro Folge und viele Außenaufnahmen verursachen, wird zurückgefahren oder es wird auch mal an der Besetzung gespart. Die Nichtpartizipation an Rechten sieht Meissner - wie die gesamte Branche - als entscheidenden Punkt, der die Weiterentwicklung der Produzenten in Deutschland verhindert. "Zum Produzenten kommt nichts zurück", kritisiert er. "Das Urheberrecht wurde zwar geändert, doch für den Produzenten wird nichts getan."