Film

Robert Schwentke zu "Tattoo"

22.03.2002 12:33 • von Jochen Müller

Blickpunkt:Film: Warum haben Sie sich für Ihr Regiedebüt einen Genrefilm ausgesucht?

Robert Schwentke: Ein Genrefilm gibt mir die Möglichkeit, abgründige Geschichten, die außerhalb des sozialen Kontrakts spielen, umzusetzen. Ein Thriller oder Krimi bietet sich regelrecht dafür an, sich mit menschlichen Abgründen zu beschäftigen. Ich habe eine gewisse Affinität zu solchen Filmen, schließlich bin ich in den Siebzigern mit Filmen wie Sidney Lumets "Der Anderson-Clan", Alan J "Zeuge einer Verschwörung" und Arthur Penns "Die heiße Spur" aufgewachsen, die mich sehr geprägt haben.

BF: Mit "Tatoo" assoziiert man eher US-Serienkiller-Filme wie "Das Schweigen der Lämmer" und "Sieben" …

RS: Ich glaube, dass sich auch diese Filme auf die Klassiker der Siebziger beziehen lassen. Zumindest war das mein Eindruck, als ich in den USA studierte.

BF: Sie haben Ihr Filmstudium am Columbia College und am American Film Institute absolviert. Mit welchen Erfahrungen sind Sie zurückgekehrt?

RS: Als ich 1989 beschlossen hatte rüberzugehen, war das ein trauriges Jahr für den deutschen Film. Ich hatte das Gefühl, dass amerikanische Filme zumindest formal viel besser sind als die europäischen, inhaltlich allerdings nicht. Dennoch war ich so beeindruckt, dass ich mich fragte, ob man das nicht erlernen könnte, um dann zurückzukommen und Filme mit ästhetischem Anspruch und formaler Geschlossenheit, aber mit anderen Inhalten machen zu können.

BF: Hätten Sie auch in den USA arbeiten können?

RS: Für mich stand immer fest, dass ich zurückkomme, weil es drüben doch sehr maschinell zugeht. Ich schrieb Drehbücher, die nie umgesetzt wurden. Man wird zwar extrem gut bezahlt, aber es war auch eine Frustrationsquelle.

BF: Zurück in Deutschland, machten Sie sich einen Namen mit Drehbüchern für "Tatort"-Folgen. Ist es Zufall, dass Sie sich in "Tattoo" erneut mit dem Polizeialltag beschäftigen?

RS: Grundsätzlich finde ich den Polizisten als Kunstfigur sehr interessant. Ich habe mit Cops in Deutschland und Amerika viel Zeit verbracht und sie bei ihren Einsätzen begleitet. Dennoch stammt die Grundidee zu "Tattoo" nicht von mir. Ich wurde gefragt, ob ich daraus ein Drehbuch verfassen könnte. Das war zu einem Zeitpunkt, als ich beschlossen hatte, nie wieder für andere zu schreiben. Also sagte ich, dass ich es nur tun würde, wenn ich auch Regie führen dürfte. Zum Glück haben sich die Produzenten Lounge und StudioCanal Produktion darauf eingelassen.

"Anatomie" hat bei der Finanzierung geholfen

BF: Warum wollten Sie nicht mehr für andere schreiben?

RS: Ich wollte schon immer Regie führen und fing mit dem Schreiben an, um ein Drehbuch für mich zu verfassen. Das war noch in den USA, aber leider ist der Film nicht zustande gekommen. Aus der Notwendigkeit, Geld zu verdienen, musste ich weitere Drehbuchjobs annehmen. Schließlich war ich so gut im Geschäft, dass kein Produzent auf die Idee gekommen wäre, mich als Regisseur zu verpflichten. Also musste ich das selber in die Hand nehmen.

BF: Ist "Tattoo" nicht auch ein Film, der nach dem Erfolg von "Anatomie" auf der deutschen Horrorfilmwelle mitreitet?

RS: Ich bin mir sicher, dass uns "Anatomie" bei der Finanzierung geholfen hat, aber wir sind auf der letzten Welle der Euphorie mitgeritten. Das Filmbiotop Deutschlands ist gerade Veränderungen unterworfen. Viele befürchten, dass ihre Filme nicht funktionieren. Man ist vorsichtiger geworden, vielleicht auch, weil das Genre Horror nicht als deutsch definiert wird. Was ich nicht nachvollziehen kann, denn die besten Genrefilme, die ich kenne, sind in den zwanziger Jahren in Deutschland entstanden.

BF: Nach "Tattoo" haben Sie sofort wieder einen Regiejob übernommen und die Tragikomödie "Eierdiebe" inszeniert.

RS: Sicherlich spielte dabei eine Rolle, nicht als Genre-Regisseur angesehen zu werden, und vor allem, weiterhin als Regisseur arbeiten zu können. Ich hätte keine Lust gehabt, noch einen Thriller zu inszenieren. Die Gefahr, dass sich dadurch eine gewisse Funktionalität einschleichen könnte, wäre mir als Regisseur zu groß.

BF: War Ihnen nach einem so düsteren Film wie "Tattoo" gleich wieder zum Lachen zumute?

RS: Das war natürlich anstrengend. Aber das ist mein Humor. In "Tattoo" gibt es auch Momente, die ich sehr lustig finde, doch die Zuschauer wissen nicht, ob sie lachen dürfen. Wenn etwa in der Pathologie die Gedärme aus dem Leib gerissen werden, ist das nicht ernst gemeint. Ich habe aus einem anderen Grund das Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen: Einerseits ist da meine Affinität zum Arthouse-Kino, andererseits mag ich Genrefilme wie im Mainstream-Bereich. Ich hoffe, dass "Tattoo" irgendwo dazwischen liegt.