Film

Regisseur Wes Anderson zu "Die Royal Tenenbaums"

25.02.2002 13:27 • von Jochen Müller

Blickpunkt:Film: Sie erzählen in Ihren Filmen Geschichten exzentrischer Außenseiter. Wie kommen Sie auf diese Figuren?

Wes Anderson: Sie sind immer eine Mischung aus realen Figuren und meiner Fantasie. Bill Murrays Figur in "Die Royal Tenenbaums" basiert beispielsweise auf Oliver Sacks, ein ebenso brillanter wie exzentrischer Mann. Oder Danny Glover: Bei ihm dachte ich an eine Mischung aus meinem Vermieter und Kofi Annan. Tatsächlich habe ich ihn sogar meinem Vermieter vorgestellt - und er revanchierte sich, indem er mich mit Kofi Annan bekannt machte.

BF: Mit welcher der vielen Figuren nahm "Royal Tenenbaums" seinen Ausgang?

WA: Richie Tenenbaum, der Tennisspieler, war der Erste. Mir schwebte eine Szene vor, wie er auf dem Tennisplatz während eines großen Finales einen Zusammenbruch hat. Ich hatte keine Ahnung, wie dieser Moment in einen Film passen sollte, aber die Idee gefiel mir. Die Geschichte nahm erst Form an, als ich mir das Familienoberhaupt Royal einfallen ließ.

BF: Gab es einen Punkt, an dem Ihnen klar wurde, dass Sie nicht mehr einfach nur Ideen sammelten, sondern an einem neuen Filmprojekt arbeiteten?

WA: Das war, als ich den Prolog aufschrieb, in dem die Familiengeschichte erzählt wird. Tatsächlich war der Film bis zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als nur eine Kollektion von Einfällen, Figuren, Situationen und Bildern. Aber mit dem Prolog begann sich das Chaos wie von selbst zu ordnen.

BF: Welchen Stellenwert hat Familie für Ihren Film?

WA: Familie ist der wichtigste Aspekt. Ich kann mich für all das Visuelle und die Gestaltung der Szenen begeistern. Aber der Film erhielt erst zu dem Zeitpunkt Gewicht, als ich den Eindruck hatte, dass ich persönliche Ideen über Familie und Familienbeziehungen untergebracht hatte. Der Film steckt voller widersprüchlicher Ideen, aber etwas kristallisiert sich heraus: Familie formt eine Person auf eine Weise, die sich nicht mehr ändern lässt. Sie erschafft Bedürfnisse, denen man den Rest seines Lebens gerecht werden muss.

BF: Wie sieht es mit der Familie Anderson aus?

WA: Meine Mutter ist der Mutter im Film tatsächlich sehr ähnlich, aber mein Vater ist ganz anders als Royal: Er ist ein viel sanfterer Mensch. Da ich drei Brüder habe und ein mittleres Kind bin, identifiziere ich mich am meisten mit Margot Tenenbaum, die von Gwyneth Paltrow gespielt wird. Diese Dynamik hat etwas ganz Spezielles. Und natürlich ist sie als Autorin die Kreative der Familie.

BF: Ihre Soundtracks sind vorbildlich. Haben Sie die Musik bereits beim Dreh im Kopf oder blättern Sie später Zuhause in Ihrer Sammlung?

WA: Beides trifft zu. Manches habe ich schon früh im Kopf, andere Songs suche ich später aus, um die Atmosphäre zu unterstützen. Bei "Die Royal Tenenbaums" war der Nico-Song These Days der erste. Er ließ mich wissen, dass die Stimmung des Films ernster, düsterer sein würde. Und er hing eng mit New York zusammen, wie auch die meisten anderen Lieder - von John Lennon, Paul Simon oder The Ramones.

BF: Sie hatten ursprünglich zwei Lieder der Beatles geplant.

WA: Es war unmöglich, die Rechte zu bekommen. Aber das entpuppte sich als Vorteil. Die Instrumentalversion von Hey Jude, die wir einspielten, passte viel besser zu den Bildern und dem Off-Erzähler. Mit Gesang wäre es einfach zu viel geworden. Und am Schluss sollte I"m Looking Through You laufen. Als Ersatz fand ich Everyone von Van Morrison. Die Suche dauerte sehr lang, aber das Ergebnis gefällt mir genauso gut.

BF: Sie sind ein Texaner, der nach New York gezogen ist. Gibt es Verbindungen?

WA: Überhaupt nicht. Als ich in Texas lebte, war ich immer völlig fasziniert von New York. Die Version der Stadt, die man im Film zu sehen bekommt, kommt sicherlich meiner Vorstellung von damals und all den Büchern und Filmen, die ich über New York gelesen und gesehen hatte, näher als die Realität.

BF: Entspricht New York Ihren Erwartungen?

WA: Ich habe die Stadt dazu gezwungen. Ich habe mir all die Ecken ausgesucht, die sich mit meiner Vorstellung decken, und meide den Rest.

BF: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Ihrem Koautor Owen Wilson?

WA: Die ändert sich von Film zu Film. Mal schreibt er etwas mehr, mal ist er mehr als Schauspieler involviert - wie in "Die Royal Tenenbaums". Wir haben einen ganz bestimmten Humor gemeinsam, mit dem wir uns gegenseitig beeinflusst haben und der alle drei Filme miteinander verbindet.

BF: Würden Sie sagen, dass Ihre drei Filme im gleichen Universum spielen?

WA: Kann man so sehen. Ich selbst habe immer das Gefühl, dass die Figuren aus meinem Erstling "Bottle Rocket" mühelos in "Rushmore" auftauchen könnten oder Max Fischer aus "Rushmore" ein lange verschollener Cousin der Tenenbaums sein könnte, der sich bei der Familie einnistet.