Film

US-Weihnachtsduell der Giganten: "Herr" gegen "Harry"

19.11.2001 16:04 • von Jochen Müller

Nicht nur wegen der Nachwirkungen des 11. September bereiten sich die US-Studios auf eine Weihnachtssaison vor, die radikal anders ist, als man das aus den vorangegangenen Jahren kannte. Die klassische Wintersaison, in der Hollywood mit künstlerisch hochstehenden Prestigeprojekten einen deutlichen Gegenakzent zu den bunten Popcornfilmen des Kinosommers setzte, ist endgültig passé. Das hängt sicherlich auch zwingend damit zusammen, dass die beiden voraussichtlichen Topfilme des Winters wohl jeweils mehr einspielen werden, als es "Shrek", der Topfilm des Sommers, taten. Eigentlich schon jetzt unvorstellbar, dass "Harry Potter und der Stein der Weisen" (Warner, 22. November) und "Der Herr der Ringe - Teil 1: Die Gefährten" (Warner, 19. Dezember) bei Einspielergebnissen unter 300 Mio. Dollar bleiben werden. Beiden traut man zu, wenigstens in die Nähe des ewigen Boxoffice-Champions "Titanic" (kam in der Saison 1997/98 auf insgesamt 600 Mio. Dollar) zu kommen. Die Konzentration auf diese zwei unbezwingbar erscheinenden Titel hat natürlich unmittelbaren Einfluss auf die Positionierung der weiteren Filme.

Obwohl das Thanksgiving-Weekend gemeinhin als lukrativstes Wochenende des gesamten Jahres gilt, wagen sich mit dem Tony Scott-Thriller "Spy Game mit Robert Redford und Brad Pitt sowie der Actionkomödie "Ritter Jamal - Eine schwarze Komödie" (Fox, 4. April 2002) mit Martin Lawrence nur zwei aussichtsreiche Titel mit Wide Releases in den Dunstkreis der "Potter"-Flutwelle. Das sorgt für ein empfindliches Vakuum an Titeln, zumindest bis ab dem ersten Dezember-Wochenende die Flut von Oscar-Kandidaten anrollt, die sich zum Jahreswechsel gegen "Der Herr der Ringe 1" zu behaupten hat.

Tatsächlich standen für Dezember-Titel die Aussichten auf eine Oscar-Nominierung noch nie besser. Denn während sich in den vergangenen Jahren bereits im Lauf des Jahres immer schon eine Reihe von Academy-Award-Kandidaten zu Wort gemeldet hatte, sucht man anno 2001 bislang vergeblich nach hochkarätigen Schwergewichten (mögliche Ausnahmen: "Moulin Rouge", "Memento", "The Others"). Das erhöht die Chancen für die künstlerisch wertvollen Filme, die bis Silvester anlaufen werden, zumal manch ein Geheimfavorit wie "Gangs of New York" im Zuge der Aufregung um die Terrorattentate auf 2002 verschoben wurde. Freie Bahn also für Filme wie Michael Manns Muhammad-Ali-Biopic "Ali", mit dem sich Will Smith als ernst zu nehmender Schauspieler etablieren will, Frank Darabonts bittersüßes Drama "The Majestic" (Warner, 14. März 02) mit Jim Carrey, das sich auf originelle Weise mit der schwarzen Liste auseinander setzt, und Ron Howards Melodram "A Beautiful Mind" (UIP, 28. Februar 2002) mit Oscar-Gewinner Russell Crowe als Princeton-Mathematiker, der mit Geisteskrankheit zu kämpfen hat. Berechtigte Oscar-Hoffnungen macht sich auch Lasse Hallström mit seiner Bestseller-Verfilmung "Schiffsmeldungen" (Concorde), in der Kevin Spacey und Julianne Moore zu sehen sind, das Todesstrafendrama "Monster's Ball" mit Billy Bob Thornton und "Iris", in dem Judi Dench und Kate Winslet als Schriftstellerin Iris Murdoch zu sehen sind. Als besonderer Leckerbissen sollte sich Wes Andersons erster Film seit seinem Kulthit "Rushmore" erweisen: "The Royal Tenenbaums" (Buena Vista, 28. Februar 2002), mit Gene Hackman, Ben Stiller und Gwyneth Paltrow sensationell besetzt, erzählt die skurrile Geschichte einer Familie von Genies und verspricht, einer der originellsten Filme des Jahres zu werden.

Zum Duell der Superstars wird es in den beiden Remakes "Ocean's Eleven" (Warner, 10. Januar 2002) und "Vanilla Sky" (UIP, 24. Januar 2002) kommen. Bei ersterem handelt es sich um Steven Soderberghs Neuinterpretation des Rat-Pack-Klassikers "Frankie und seine Spießgesellen", in der George Clooney, Brad Pitt und Julia Roberts auf Raubzug durch die Casinos von Las Vegas geschickt werden. Und Cameron Crowe schickt seinen "Jerry Maguire"-Star Tom Cruise in "Vanilla Sky", einem Remake von Alejandro Amenábars mysteriösem Thriller "Abre los ojos", durch ein mysteriöses Katz-und-Mausspiel über Identität und Realität, das keine einfache Antworten bereithält. Dass neben leichten Komödien wie "Joe Somebody" (Fox, 18. April 2002) mit Tim Allen, "Jimmy Neutron - Der mutige Erfinder" (UIP, 21. März 2002), "Nicht noch ein Teenie-Film!" (Columbia TriStar Film, 21. Februar 2002) oder humorvollen Romanzen wie "Kate & Leopold" mit Meg Ryan und Hugh Jackman auch noch das Genre des patriotisch gefärbten Kriegsfilms Einzug hält in den Kinowinter, ist einer der offensichtlichsten Nebeneffekte des US-Kriegs gegen Afghanistan. So wurden einerseits Filme wie "The Time Machine" auf spätere Termine verschoben, um überarbeitet zu werden, andererseits will man die Stimmung im Volk ausnutzen, um mit den eigentlich für 2002 vorgesehenen Filmen "Behind Enemy Lines" (Fox, 31. Januar 2002) und "Black Hawk Down" (Senator, 4. April 2002) zu punkten, nachdem die Reaktionen bei Testvorführungen bereits hervorragend waren. Während in "Behind Enemy Lines" mit Gene Hackman und Owen Wilson die Geschichte eines über Feindgebiet abgeschossenen US-Piloten thematisiert wird, geht es in Ridley Scotts "Black Hawk Down" um den US-Einsatz in Somalia im Jahr 1993. Balsam für geschundene amerikanische Seelen, wenn Konflikte binnen zwei Stunden erfolgreich gelöst werden können. Mehr davon darf man im Jahr eins nach "Harry Potter" und "Der Herr der Ringe" erwarten, in dem die Topboxoffice-Anwärter die üblichen Verdächtigen sein dürften: "Krieg der Sterne 2" - und die Fortsetzungen von "Harry" und "Herr".