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Valentin Holch: "Wir haben viele Szenen umgeschrieben"

Für Produzenten bleibt die Corona-Pandemie eine große Herausforderung. Valentin Holch von win win Film hat die unterbrochenen Dreharbeiten zur NDR-Miniserie "Da is' ja nix" gerade zu Ende gebracht. "Die Einhaltung der Regeln", so Holch, "sichert unsere Zukunft."

25.06.2020 15:50 • von Frank Heine
Valentin Holch von win win Film spürt jetzt schon die Engpässe beim Perosnal (Bild: privat)

Freitag, der 13. März 2020 wird Valentin Holch wohl für immer im Gedächtnis bleiben. An diesem Tag hat der Produzent von win win Film den Dreh zur NDR-Miniserie "Da is' ja nix" abgebrochen. Am Montag darauf waren ihm, seinem Co-Produzenten Christoph Bicker von der Polyphon und Produktionsleiter Frank Huwe klar, dass es unverantwortlich wäre, weiterzudrehen, wenn das ganze Land wegen der Corona-Pandemie heruntergefahren wird. Die Dreharbeiten wurden auf unbestimmte Zeit unterbrochen.

Nun hat Holch den Dreh am 15. Mai wieder hochgefahren - unter Corona-Bedingungen. "Da is' ja nix", Drehbücher von Georg Lippert, Regie: Matthias Steurer, erzählt von einem Hochstapler-Paar, das nach Insolvenzen in Bayern nun in einem eigenbrötlerischen Dorf in Norddeutschland windige Geschäfte machen will: mit Einnahmeversprechen durch einen Touristenboom im Nirgendwo. "Als wir im Februar unseren Dreh im Kreis Harburg, auf dem Land vor den Toren Hamburgs, begannen, konnte man in der winterlichen Vegetation der norddeutschen Landschaft die Trostlosigkeit des Daseins erkennen, an diesem Ort, wo nichts ist", erzählt Valentin Holch. Nun im Mai ist das natürlich ganz anders. Trotzdem haben wir den Dreh wieder aufgenommen, weil wir die begonnene Reise jetzt mit allen Teamkollegen fortführen können. Im Laufe des Jahres wird es wegen all der Verschiebungen große Personal-Engpässe geben. Die sind schon jetzt zu spüren."

Die entscheidende Frage für die Wiederaufnahme der Dreharbeiten war, ob die unter das Versammlungsrecht fallen oder nicht, ob das Filmteam als ökonomische Einheit angesehen wird. "Wir sind wie eine Art Wanderbaustelle", argumentierten Holch und Produktionsleiter Frank Huwe gegenüber den Behörden. Das Amt für Arbeitsschutz genehmigte das vorgelegte Konzept. Die Produktion muss gewährleisten, dass alle Vorschriften zu Hygiene und Abstand eingehalten werden. Deshalb haben win win Film und Polyphon einen externen Hygiene-Beauftragten mit an Bord geholt. "Das klingt nach Hygiene-Polizei", so Holch, "aber es ist tatsächliche eine Hilfe, wenn da jemand immer wieder 'Achtung' schreit. Nichts wäre schlimmer, als wenn der Dreh durch eine Unachtsamkeit gestoppt würde."

Die Regeln sind streng. Die Schauspieler kommen mit eigenem Fahrzeug oder einem von der Produktion gestellten Wagen an den Set, eine Sammelabholung ist nicht möglich. Jeder Schauspieler hat einen eigenen Raum. Die Kleidung für den Drehtag wird zur Kabine gebracht, Schauspieler und Schauspielerinnen ziehen sich selbst an. Vor Dreh kontrollieren die Mitarbeiter der Kostümabteilung, ob alles stimmt. Sie dürfen die Schauspieler nicht anfassen. Nach Drehschluss wird das Kostüm wieder eingesammelt und gereinigt, ebenso der Raum der Schauspieler. Weil die Kosmetiker-Branche wieder arbeiten darf, können auch die Maskenbildner wieder schminken und frisieren, mit FFP2-Maske und Face-Shield. Die Schauspieler dürfen nur nacheinander ins Maskenmobil, nach jedem Schminkvorgang muss es desinfiziert werden. "Unser Fuhrpark ist viel größer geworden, unsere Basis wegen der vielen Fahrzeuge auch", berichtet Holch, "aber ich besorge lieber einen zweiten Maskenwagen, als dass wir zu viel Zeit verlieren. Der Aufwand ist deutlich höher geworden und verursacht natürlich auch Kosten." Die Toilettenwagen wurden mit Warmwasserzulauf aufgerüstet. Um sie entsprechend den Auflagen nach jedem Toilettengang zu desinfizieren, musste ein weiterer Mitarbeiter eingestellt werden.

Am Set arbeiten die einzelnen Departments streng getrennt. Wenn die Beleuchter das Licht eingerichtet haben, können die Ausstatter den Raum drehfertig machen, dann ist die Kameraabteilung dran. "Man könnte denken, diese Arbeitsweise verlangsame den Dreh, aber das konnte ich bisher nicht feststellen. Es ist eine Frage der Disziplin und der Absprachen. Und ich habe ein super Team. Jetzt steht sich niemand mehr auf den Füßen. Andererseits: Die kleinen, feinen Korrekturen hier und da, dieses finale Fummeln, all das kann nicht mehr stattfinden."

Team und Cast tragen den ganzen Arbeitstag über Mund- und Nasenschutz. Nur für den eigentlichen Take nehmen die Schauspieler die Masken ab. Der Abstand von 1,5 Metern muss überall, auch während der Interaktion eingehalten werden. Szenen mit Nähe oder gar Körperkontakt sind nicht möglich. Selbst bei einer Overshoulder-Einstellung kommt der Kameramann dem Schauspieler zu nahe. Doch Valentin Holch hat Glück. Seine beiden Hauptdarsteller, Johanna Christine Gehlen und Sebastian Bezzel sind ein Paar, kommen also aus einem Haushalt. Somit ist sogar Küssen vor der Kamera erlaubt.

"Wir entwickeln eine neue Form der Achtsamkeit beim Drehen", sagt Holch. "Und wir haben viele Szenen umgeschrieben und Situationen verändert, um den Regeln gerecht zu werden. Sollen sich zwei Schauspieler die Hände schütteln, müssten sie vorher in Quarantäne. Das ist nicht durchführbar, dabei kann ein Händedruck für eine Szene wichtig sein. Wenn sich die Schauspieler vorher und nachher die Hände waschen und desinfizieren, sollte man denken, das ginge. Aber es ist zurzeit noch gegen die Regeln und an die halten wir uns."

Für alle Projekte bis zum Jahresende hat Holch die Drehbücher mehrfach auf Szenen überprüft, die den Corona-Regeln zuwiderlaufen. Liebkosungen und Berührungen fliegen raus. Bei mehreren Personen müssen die Szenen draußen spielen oder die Räume groß sein. Ein Dreh in einem Wohnmobil ist nur schwer zu bewältigen. "Corona-Drehen verändert das Framing, auch die Dramaturgie. Wir überlegen uns Lösungen durch Close-ups, indem wir Bilder anders auflösen, durch den Schnitt. Wir drehen auf jeden Fall mehr Großaufnahmen. Das finde ich allerdings nicht schlimm. Ich schaue den Schauspielern meiner Produktionen gern ins Gesicht." Für den Dreh einer Liebesszene müssten die Schauspieler getestet werden und dann in Quarantäne. Danach gäbe es wieder einen Test und einen weiteren nach der Liebesszene. "Dieser Aufwand ist nicht zu bewerkstelligen, zumal die Tests teuer sind", sagt Holch. Man darf also gespannt sein, wie viele Schauspielerpaare demnächst gemeinsam besetzt werden.

Schon im Juni beginnt Holch mit zwei neuen Produktionen. Im Schwarzwald werden acht Folgen als Fortsetzung der ARD-Familienserie "Tiere bis unters Dach" gedreht, dann stehen drei neue Folgen der NDR-Serie "Neues aus Büttenwarder" an, beides Produktionen der Polyphon, die Holch mit win win Film exekutiv betreut. "Für den Dreh im Schwarzwald war sowieso vorgesehen, dass wir Teammitglieder in Ferienwohnungen unterbringen. Das ist schon fast wie eine Quarantäne. Aber einfordern kann ich die Einhaltung von Quarantäne rechtlich von den Mitarbeitern nicht. Bei unserem jetzigen Dreh gehen alle sehr verantwortungsvoll mit der Situation um. Wenn wir einen Coronafall hätten, müssten wir vermutlich alle in Quarantäne. Das wäre eine Katastrophe. Auch wenn uns vieles nervt, wie etwa der Mundschutz, sichert die Einhaltung aller Regeln unsere Zukunft."

Ein Drehstopp wegen Corona kann bisher nicht versichert werden. Auch die jetzt wieder aufgenommenen Dreharbeiten werden für die Produzenten teuer. Sechzehn Drehtage schlagen doppelt zu Buche. Über die Details der Abrechnung der Kosten, die durch Drehabbrüche wegen der Pandemie entstanden sind, verhandeln Produzentenallianz und Sender noch. Die Mehrkosten, die bei Drehs durch die vielfältigen Auflagen entstehen, gehen zulasten der Produzenten. "Ich glaube nicht, dass sich unsere Mehrkosten in den Kalkulationen einpreisen lassen, auch wenn den Sendern die Problematik bewusst ist. Es gibt einfach nicht mehr Geld im Markt", glaubt Holch.

Trotzdem ist Holch zuversichtlich. "Zu drehen ist eine Herausforderung, es ist anstrengend, aber es ist möglich. Das Gruppengefühl beim Team, das man ja sonst von Drehs kennt, ist einer fürchterlichen Distanz gewichen, wie ja die Gesellschaft insgesamt nun sehr distanziert ist. Das ist sehr gewöhnungsbedürftig. Aber die Kolleginnen und Kollegen gehen mit all den Anforderungen hervorragend um. Die Leidenschaft ist da."

HERDIS PABST