Kino

"Es gibt kein virtuelles Kino!"

Wie kommt das Kino aus der Krise - und muss es sich grundlegend verändern? Fragen über die wir mit dem Vorstandsvorsitzenden der AG Kino-Gilde, Christian Bräuer, sprachen.

25.06.2020 11:56 • von Marc Mensch
Christian Bräuer (Bild: David von Becker)

Kurz bevor mit Berlin am kommenden Dienstag nun auch das letzte Bundesland die Wiedereröffnung der Kinos genehmigt, offenbaren sich immer größere Abweichungen bei den Regelungen der einzelnen Bundesländer. Vor allem die oftmals sehr restriktiven Auflagen haben neben dem Fehlen hochkarätiger Neustarts dafür gesorgt, dass der Großteil der deutschen Kinos eine Wiedereröffnung erst im Juli anpeilt. Wie kam es zu dieser Situation - und wie geht es nun weiter? Darüber sprachen wir mit Christian Bräuer, dem Vorstandsvorsitzenden der AG Kino-Gilde, Präsident der CICAE und Geschäftsführer der Yorck-Kinogruppe.

BLICKPUNKT: FILM: Zwischen dem frühsten und dem spätesten Wiedereröffnungstermin liegen jetzt mehr als sieben Wochen, NRW kippte den Mindestabstand am selben Tag, an dem man in Bayern mit Maskenpflicht und strikter Begrenzung der Zuschauerzahl loslegte. Kann man derart gravierende Unterschiede noch nachvollziehen?

CHRISTIAN BRÄUER: Besser wäre es natürlich gewesen, wenn man, wie es eigentlich vorgesehen war, im Anschluss an die Bund-Länder-Abstimmung vom 6. Mai zunächst einmal mit den Kinoverbänden über Konzepte und Auflagen gesprochen hätte, die Gesundheitsschutz und die Gegebenheiten vor Ort in Einklang bringen - um dann auch ausreichend Vorlauf für die Umsetzung zu geben. So ist es leider nicht gekommen, vielmehr konnte man mitunter den Eindruck gewinnen, dass ein förmlicher Terminwettbewerb ausgerufen wurde, der dann aber auch teils realitätsferne Regelungen mit sich brachte. Das ist aber letztlich Ausdruck des Föderalismus, der Vor- und Nachteile hat, wie wir gerade wieder sehen können. Es ist also sicherlich nicht ideal gelaufen - aber ich denke, dass man die Debatte über die Termine rückwirkend als überschätzt betrachten muss, zumal sich ja beileibe nicht nur in Deutschland zeigt, dass sich viele Betreiber nicht an frühestmöglichen Terminen orientieren, sondern an der wirtschaftlichen Machbarkeit. Die Auflagen haben sich als der viel wichtigere Punkt erwiesen, weil sie einen rentablen Betrieb oftmals per se nicht zulassen. Das war das eigentlich Entscheidende, das versäumt wurde: Sicherheit und Wirtschaftlichkeit innerhalb einer klaren Perspektive in Einklang zu bringen. Aber wir hoffen, dass sich an dieser Stelle noch etwas tut - denn es gibt durchaus Signale, dass man womöglich schon bald über Mindestabstände von einem statt 1,50 Metern spricht, wie das ja auch in Frankreich, Italien, der Schweiz und Österreich gehandhabt wird. Damit wäre uns schon sehr geholfen.

BLICKPUNKT: FILM: Die AG Kino-Gilde hat sich frühzeitig für einen späten Termin Anfang Juli stark gemacht. Sehen Sie sich angesichts der Entwicklungen der jüngsten Wochen in diesem Kurs bestätigt?

BRÄUER: Uns ging es stets darum, dem Markt und vor allem den Verleihern ein ganz klares Signal zu geben und Planbarkeit zu gewährleisten. Wir wollten nie verhindern, dass jemand früher öffnet. Es ging vielmehr darum, einen verlässlichen Termin zu definieren, ab dem Kinos bundesweit wieder zur Verfügung stehen - gerade auch vor dem Hintergrund der Annahme, dass zu diesem Zeitpunkt ein Spielbetrieb unter realistischeren Bedingungen, als dies aktuell in vielen Ländern der Fall ist, stattfinden kann. Der Termin war nie Bremsklotz, sondern klares Commitment, auf das die Verleiher setzen konnten - was sich im Arthouse-Segment ja z.B. mit der Terminierung von "Undine" auf den 2. Juli oder jetzt "Berlin Alexanderplatz" auf den 16. Juli ausgezahlt hat. Vor allem aber handelte es sich bei unserer Erklärung um eine "Graswurzelbewegung", die vor allem von jenen Kinos befeuert wurde, die bereits hätten spielen können, aber erkannt haben, dass es unter den gegenwärtigen Bedingungen keinen Sinn ergibt.

BLICKPUNKT: FILM: Können Sie dennoch Stimmen verstehen, die nun monieren, dass diese Strategie zu weiteren Startverschiebungen lokaler Produktionen geführt und damit das sprichwörtliche Henne-Ei-Problem verschärft hat?

BRÄUER: Das Gegenteil ist doch der Fall. Bis vor Kurzem war in etlichen Ländern nicht klar, wann wieder unter welchen Auflagen gespielt werden kann. Diese offene Situation hätte leicht zu weiteren Verschiebungen führen können, wir haben demgegenüber ja vielmehr ein Maß an Sicherheit geschaffen. Ganz abgesehen davon, dass sich die Termine der Studio-Releases am Heimatmarkt und den internationalen Märkten insgesamt orientieren, hat sich doch gerade in den vergangenen Wochen gezeigt, dass es die Auflagen und damit einhergehenden Kapazitätsbeschränkungen sind, die das eigentliche Problem darstellen. Niemand muss einen August-Start verschieben, weil zahlreiche Kinos auf den 2. Juli setzen. Und sind wir doch ehrlich: Was hätten frühere Wiedereröffnungstermine denn gebracht? Wir sehen doch, wie katastrophal die Zahlen in den meisten Kinos aktuell sind. Eine beherzte Filmherausbringung braucht Strategie und Zeit. In diesem Sinne war der Juli der realistische Termin.

BLICKPUNKT: FILM: Agieren Verleiher Ihrer Ansicht nach denn noch zu zurückhaltend?

BRÄUER: Das ist tatsächlich ein Henne-Ei-Problem. Ich habe durchaus Verständnis für Verleiher, die gerade bei großen Filmen großes Risiko schultern. Auf der anderen Seite geht es ohne gute neue Filme einfach nicht. Ohne hinreichendes Programm hat Kino nie funktioniert, von daher sind die jetzigen Zahlen auch nicht aussagekräftig. Wir hoffen vor allem, dass unsere Partner im Verleih die Zeit nun nutzen, um die kommenden Starts bestmöglich vorzubereiten und zu planen. Dass wir auch den ganzen Sommer über echte Zugpferde brauchen, steht außer Frage.

BLICKPUNKT: FILM: Wie stehen Sie zu den Planungen für eine Branchenkampagne zur Wiedereröffnung?

BRÄUER: Wir stehen dazu mit den Verleihern im engen Austausch. Ich denke, dass bereits ein sehr interessantes Konzept entwickelt wurde, an dessen weiterer Ausfeilung wir gerne mitwirken. Es muss darum gehen, Vertrauen in die Kinos zu schaffen; vor allem aber darum, den Ort in den Fokus zu rücken. Damit wäre meiner Ansicht nach enorm viel gewonnen - und dafür gibt es ja durchaus Rückenwind: Denn es ist doch vor allem der Ort, den die Mensch so vermisst haben, der stets als selbstverständlich hingenommen wurde. Wir sollten auf der grundsätzlichen Wertschätzung für diese Begegnungsstätten, auf unserer Stärke als analoger Raum, aufbauen. Und dabei nicht zuletzt in den Fokus rücken, dass Kino gelebte Diversität und Vielfalt ist. Kino ist ein Angebot für Alle, egal welcher Herkunft, welchen Alters. Ich denke, dass die Expertise aus dem Arthouse dieser Kampagne nur nutzen kann, denn bei uns sind ja nicht unbedingt immer die Filme die große Marke, sondern es ist der Ort, der das Vertrauen schafft.

BLICKPUNKT: FILM: Gibt es denn einen Zeitrahmen?

BRÄUER: Die Anschubfinanzierung durch die FFA ist grundsätzlich bewilligt, was wiederum die Chance erhöht, auch Unterstützung durch die BKM oder das Wirtschaftsministerium zu erfahren. Den Start sehe ich eher im späten Sommer bzw. frühen Herbst. Lieber eine solide geplante, als eine übers Knie gebrochene Kampagne.

BLICKPUNKT: FILM: Wie bereitet sich die Yorck-Gruppe konkret auf die Wiedereröffnungen vor?

BRÄUER: Bei uns herrscht natürlich große Freude darüber, dass es jetzt bald wieder losgeht. Wir sind zunächst am 12. Juni mit dem ARTE Sommerkino Kulturforum gestartet, das schon mehrfach ausverkauft war, wenn auch bei eingeschränkten Kapazitäten. Es ist in jedem Fall auch ein guter Probelauf. Unseren Wiedereröffnungstermin hatten wir in Abstimmung mit den Berliner Filmkunstkinos ja schon verkündet, bevor der Senat seinen Beschluss getroffen hat - und wir bekamen sofort tolles Feedback von den Kunden. Die Zeit haben wir genutzt, um die Umsetzung der Auflagen auf Basis von Hygienekonzepten, die allen individuellen Besonderheiten der Kinos gerecht werden, vorzubereiten. Der aufwändigste Baustein war dabei die Entwicklung einer neuen App, die nun auch Nutzern unseres Kinoabos die Online-Buchung ermöglicht und die auch der Rückverfolgbarkeit dient. Generell haben wir in den vergangen Wochen weiter in unsere digitale Infrastruktur investiert, das war für uns schon vor Corona ein zentrales Thema. Und natürlich stehen wir in engem Kontakt mit den Verleihern, um unsere Programmplanung voranbringen zu können.

BLICKPUNKT: FILM: Hegen Sie die Hoffnung, dass nicht zuletzt das Beispiel NRW noch vor Wiedereröffnung Ihrer Kinos für weitere Lockerungen in Berlin sorgt - oder geht man dort am Ende zu forsch vor?

BRÄUER: Wir haben natürlich die Hoffnung, dass es Anfang Juli, wenn in Berlin die nächste Anpassung der Corona-Verordnung ansteht, bei weiterhin beherrschbaren Infektionszahlen zu weiteren Lockerungen kommt. Ich sehe NRW diesbezüglich durchaus als gutes Beispiel. Denn was ist elementar, wenn man ein möglichst normales Leben in Zeiten der Corona-Pandemie erreichen will? Hygiene und Rückverfolgbarkeit. Beides ist im Kino exzellent zu gewährleisten. Auch wissen wir inzwischen, dass ein fester Sitzplatz bei einer Veranstaltung, in der man sich auf das Geschehen auf der Leinwand oder Bühne konzentriert und sich nicht unterhält, ein so entscheidender Faktor ist, dass am Platz nicht nur auf eine Maske, sondern auch auf den Mindestabstand verzichtet werden kann - zumindest jenem von 1,50 Metern.

BLICKPUNKT: FILM: Angenommen, die Kapazitäten wären noch um die Zeit der ersten Blockbuster-Starts herum massiv eingeschränkt: Was würde das für kleinere Filme bedeuten?

BRÄUER: Das ist ein Punkt, der uns durchaus bewusst ist. Wenn die Kapazitäten zu gering sind, würde das eine das andere ausstechen, das wäre schon im Sinne der Vielfalt sehr traurig. Aber ohne besucherträchtige Filme geht es nicht, auch weil sie Zugpferde sind, die andere Filme mitziehen. Von daher hoffen wir nicht nur, dass es keine weiteren Verschiebungen gibt, sondern dass wir spätestens zum Start von "Tenet" nicht mehr über Kapazitätsprobleme sprechen müssen. So wie es aktuell ist, ist ein wirtschaftlicher Kinobetrieb jedenfalls nicht darstellbar.

BLICKPUNKT: FILM: Welche Lehren sind aus der Krise zu ziehen? Muss sich Kino verändern - und vor allem den digitalen Raum erobern?

BRÄUER: Veränderung war schon immer Teil der Branche. Tatsächlich hat sich das Kino auch immer weiterentwickelt. Unsere Erlösstruktur erlaubt es uns nicht, stets in Allem die Speerspitze zu bilden, aber wenn wir Innovationen angehen, dann nachhaltig. Natürlich wissen wir heute nicht, wie sich unser Markt nach der Corona-Pandemie strukturiert, auch weil wir nicht wissen, wie lange diese uns noch beeinträchtigt. Im Grunde sehen wir aber schon jetzt, dass die Krise Entwicklungen beschleunigt, die bereits davor angestoßen waren. Dazu zählt natürlich die fortschreitende Konzentration der Marktmacht. Und schon länger beobachten die Studiobosse ebenso wie wir Programmkinos, dass man sich mit Mittelmaß nicht mehr durchmogeln kann, da die Content-Überflutung mit dem nun noch präsenteren Streaming noch stärker ins Gewicht fällt. Sich konsequent auf unsere Stärken zu besinnen, wird entscheidend sein - und in diesem Punkt habe ich während der Krise tatsächlich große Fortschritte beobachten können. Ich spreche von der digitalen Kundenkommunikation als dem entscheidenden Schlüssel zum Publikum. Ein Feld, das nun oftmals aus der Not heraus beschritten wurde, weil man mit dem Publikum in Kontakt bleiben musste. Ich glaube weniger an die Vermischung von Online und Offline, Kino ist Kino und Streaming ist Streaming. Aber an digitalen Kommunikationstools führt kein Weg vorbei: Denn sie helfen uns, unsere Programme noch besser an den Wünschen des Publikums auszurichten und ihm den richtigen Film zur richtigen Zeit vorzuschlagen, so wie das Streaming-Dienste auch können. Viele Kinos müssen jetzt schon alleine deshalb in die digitale Infrastruktur investieren, um die Kontaktverfolgung zu gewährleisten. Da wäre es doch nur konsequent, auch gleich den zweiten Schritt zu gehen.

BLICKPUNKT: FILM: Sie glauben nicht an die Vermischung von Online und Offline. Aber es steht doch das Argument im Raum, dass die Kinos weniger Schaden genommen hätten, wenn sie ihr Angebot in den digitalen Raum verlängert und selbst offeriert hätten, was nun etliche Dienste tun: Streaming unter Beteiligung der Kinos.

BRÄUER: Die Wahrheit ist doch, dass das von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht einmal im Ansatz funktioniert hat. Was da bei den Kinos ankommen sollte, lohnte meist kaum die Abrechnung. Da soll uns der "Systemsprenger"-Kinotag als Erfolg verkauft werden, doch die rund 2000 Zuschauer hätten Kinos nach der Verleihung des Deutschen Filmpreises in kürzester Zeit um ein Vielfaches getoppt. Ganz zu schweigen von den Erlösen. Ich möchte mich in diesem Punkt ganz Tom Quinn, dem CEO des großartigen Verleihs Neon (der in den USA u.a. "Parasite" herausbrachte, Anm.d.Red.) anschließen, wenn er sagt: Es gibt kein virtuelles Kino! Virtuell ist virtuell, Kino ist Kino. 'The two shall never meet'. Das ist kein Schuss gegen Streaming, sondern von der Wertschätzung für die gegenseitigen Geschäftsmodelle geprägt. Wir finden es gut, wenn sich jeder darauf konzentriert, das noch besser zu machen, was er besonders gut kann. Deshalb haben wir in der Yorck-Kinogruppe auch mit MUBI zusammengearbeitet - weltweit als erste Kinos auch mit einer gezielten Aktion während der Corona-Krise - weil man dort ein interessantes Modell fährt, welches die Filmtheater respektiert. Aber ich habe auch in meiner Eigenschaft als CICAE-Präsident europaweit Kinobetreiber danach befragt, was ihnen in der Krise wirklich geholfen hat. Und an allererster Stelle wurde stets die digitale Kundenkommunikation genannt, während man aus alternativen Geschäftsmodellen keinen nennenswerten wirtschaftlichen Nutzen ziehen konnte. Auch eine aktuelle Studie sollte uns leiten: Keine Herausbringung wirkt so nachhaltig wie eine Kinoauswertung. Voraussetzung ist, dass der Film es qualitativ hergibt. Aber für einen guten Film wird sich die Kinoherausbringung auf lange Sicht immer lohnen.

BLICKPUNKT: FILM: Könnten die Erfahrungen mit digitalen Auswertungen in der Corona-Krise Argumente für einen flexibleren Umgang mit Sperrfristen liefern?

BRÄUER: Ich halte es für extrem schwierig, aus dem Verhalten während des Lockdowns Schlüsse für die Zeit danach zu ziehen. Man sieht doch schon jetzt, dass die Menschen ihr Verhalten wieder ändern. Paradebeispiel sind Lieferdienste, mit denen Restaurants Teile ihres Umsatzes retten konnten, die sich jetzt aber oft schon nicht mehr lohnen. Streamingdienste sind sicherlich ein Gewinner der Krise - wobei hinter dieser pauschalen Feststellung auch die Realität lauert, dass die vergangenen Wochen auch zu einer Entzauberung führten und die Verbraucher nicht unbegrenzt Dienste abonnieren wollen. In diesen Streaming Wars, in denen gerade viele Fördermittel erfolglos verbrannt werden, als Kino punkten zu wollen, halte ich nicht für klug. Und was an der Forderung nach einer Verkürzung oder gar Aufhebung von Sperrfristen innovativ sein soll, kann ich nicht erkennen. Es geht um die Verlagerung von Erlösen. Das Verlangen, Exklusivität für Kino zusammenzustauchen oder Streams auf Webseiten anzubieten, ist viel zu vereinfacht gedacht und geht jedenfalls an den wahren Herausforderungen vorbei. Mit der Verkürzung des Kinofensters wäre nichts gewonnen, ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal für den Kinorelease aber verloren. Und wenn der erste Slot der Auswertungskaskade leidet, zieht das alles danach runter. Viel bedeutender ist es, gute Datensätze zu haben, das macht das Re-Marketing zum Heimkinostart später einfach.

BLICKPUNKT: FILM: Selbst wenn sich der Markt erholt: Droht die Corona-Krise nicht massive Spätfolgen hinsichtlich der künftigen Investitions- und damit Innovationsfähigkeit zu entfalten - zumal insbesondere Hilfen, die nicht als Zuschuss gewährt wurden, Probleme nur in die Zukunft verlagert haben?

BRÄUER: Das Risiko für die Kinos ist in der Tat weiterhin enorm. Schon deshalb, weil wir nicht sagen können, in welcher Phase der Krise wir uns eigentlich befinden. Wir wissen nicht, wie lange es dauert, bis man medizinische Ansätze zur Eindämmung des Virus hat, ob eine zweite Welle kommt und wie stark sie ausfällt. Deshalb geht es natürlich zuerst darum, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und zumindest jetzt den Fokus auf den Erhalt des Bestehenden zu legen und die kulturelle Infrastruktur zu sichern. Es war wichtig, dass die Politik an dieser Stelle schnell reagiert hat, wofür mein Dank nicht zuletzt Kulturstaatsministerin Monika Grütters gilt. Jetzt müssen wir hoffen, dass die von der Bundesregierung angekündigten Programme zielgerichtet aufgesetzt werden. Denn wenn die Hilfen ins Leere laufen, dann wird es in der Tat noch etliche Insolvenzen zu beklagen geben. In der ersten Phase geht es um Liquidität, in der zweiten dann aber tatsächlich darum, Innovationsfähigkeit herzustellen. Denn die Weichen für die Zeit nach der Corona-Pandemie werden jetzt gestellt. So müssen wir zum Beispiel an die Förderung jener innovativen digitalen Instrumente denken, mit denen das Kino eine ganz neue Nähe zu seinem Publikum schaffen kann. Man muss sich aber nicht nur Gedanken um die Kinos machen. Sondern natürlich auch um deren Programm. Wir müssen uns fragen, wie der deutsche Film gestärkt aus der Krise gehen kann, wie er innovativer und interessanter wird.

BLICKPUNKT: FILM: Was ihre Unterstützung anbelangt, haben Kinos ja einen Fürsprecher an höchster Stelle, den Sie unlängst treffen konnten.

BRÄUER: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist schon seit jeher sehr stark für die Kultur und den Film aktiv, tatsächlich ging die Initiative zu diesem Treffen von ihm aus. Es ging ihm darum, ein nachhaltiges Zeichen zu setzen: Kultur ist systemrelevant, sie leistet einen unverzichtbaren Beitrag für unsere Demokratie! Und es hat mich zutiefst beeindruckt, welche Wertschätzung er der Kultur entgegenbringt - gerade auch der privat Organisierten. Um ihn zu zitieren: "Kino ist Kultur und Kultur braucht Unterstützung. Unterstützung natürlich am liebsten durch Zuschauerinnen und Zuschauer, aber solange das nicht der Fall ist, auch durch die Politik." Für diese klare Haltung bin ich zutiefst dankbar.

BLICKPUNKT: FILM: Mit ihrem jüngst bestätigten Termin steht die Filmkunstmesse nun als erster großer und nicht-virtueller Branchentreff im Kalender. Schon die Planung dürfte eine enorme Herausforderung sein...

BRÄUER: Das ist sie in der Tat, aber wir sind überzeugt, es umsetzen zu können. Wir planen auf Basis des aktuellen Sachstandes und hoffen auf Lockerungen, die den Ablauf noch deutlich erleichtern werden. Die größte Herausforderung stellt das Rahmenprogramm dar, wo wir teils auf ergänzende dezentrale Konzepte setzen und doch Atmosphäre schaffen und vor allem Begegnungen ermöglichen wollen. Denn gerade die sind wieder bitter nötig. Die Filmkunstmesse wird eine große Herausforderung, aber eine, die es sich lohnt, in Angriff zu nehmen. Denn wir verstehen die Veranstaltung auch als Signal an die Branche, nach vorne zu schauen. Und endlich wieder auf die große Leinwand!

Das Gespräch führte Marc Mensch