Kino

US-Kinogänger fordern Maskenpflicht ein

Nachdem AMC dafür in die Kritik geraten war, Schutzmaßnahmen an den Vorgaben der einzelnen US-Staaten zu orientieren, führt die größte US-Kinokette mit Wiedereröffnung ihrer Standorte flächendeckend Maskenpflicht im Saal ein. Andere Ketten ziehen mit.

22.06.2020 12:21 • von Marc Mensch
Gesundheitsschutz und Politik in einem Atemzug zu nennen, ging für AMC nach hinten los (Bild: AMC)

Vergangene Woche hat AMC, die weltweit größte Kinokette, ihre Pläne für die Wiedereröffnung ihrer rund 600 Häuser in den USA vorgelegt. Demnach sollen zum 15. Juli rund 450 Standorte und der Rest "rechtzeitig" zum US-Start von "Mulan" am 24. Juli und Tenet" am 31. Juli eröffnet werden.

An sich eine gute Nachricht, die allerdings bereits dadurch ein wenig überschattet wurde, dass sich insbesondere hinsichtlich der wichtigsten Märkte New York und Los Angeles noch keine belastbaren Aussagen treffen lassen - und die Meldungen zum Infektionsgeschehen in den USA keineswegs nur positiv sind, auch wenn mancher neue Negativrekord der vergangenen Tage statistische Besonderheiten aufweist, die die Aussagekraft erheblich schmälern. Zudem ließ CEO Adam Aron im Gespräch mit dem US-Branchendienst "Deadline" durchblicken, dass eine weitere Verschiebung von "Mulan" und "Tenet" vermutlich auch Folgen für die aktuellen Pläne des Kinobetreibers haben würde.

Was die Verkündung der Wiedereröffnungspläne indes zum PR-Fehlgriff machte, waren Aussagen, die Aron hinishtlich des Hygienekonzepts der Kette gegenüber "Variety" traf.

Dabei fällt dieses ausgesprochen umfangreich aus - und sieht an einigen Stellen sogar noch etwas umfassendere Maßnahmen vor, als sie beispielsweise in Europa vorgesehen sind. Unter anderem wurden elektrostatische Sprühgeräte angeschafft, um die lückenlose Desinfizierung der Säle zu gewährleisten; Concessions-Käufe können nur noch bargeldlos bezahlt werden (während das Sortiment eingeschränkt wird, um Wartezeiten zu minimieren) und sollen in den kommenden Wochen und Monaten im Großteil der 600 Standorte auch vorab über die Website oder die App ermöglicht werden. Selbstverständlich ist die Saalkapazität reduziert. AMC will in Phase 1 nur mit 30 Prozent der Sitzplätze operieren, in Phase 2 dann 40 Prozent, zum Labor Day Anfang September hofft man auf 50 Prozent erhöhen zu können um in Phase 4 (Vollbesetzung) dann rechtzeitig zu Thanksgiving Ende November eintreten zu können.

Knackpunkt im Gespräch war jedoch die Maskenpflicht. Demnach hatte AMC (wie auch andere Ketten) vorgesehen, dort Maskenpflicht im Saal - mit Ausnahmen für den Verzehr - vorzusehen, wo dies von den Behörden vorgeschrieben ist, in anderen Bundesstaaten jedoch darauf zu verzichten. Klingt nicht per se unverantwortlich und entspricht auch dem Vorgehen in Deutschland. Und es macht sich an dieser Stelle offenbar überdeutlich bemerkbar, dass die USA härter getroffen wurden als andere Länder, auch wenn die Mitte Juni laut einer WHO-Studie bilanzierten 365 Toten pro einer Million Einwohner noch weit hinter Ländern wie Frankreich (454), Schweden (500) Italien (571), dem Vereinigten Königreich (626) oder gar Belgien (837) zurücklagen.

Womöglich war es auch die spezifische Formulierung, die Aron gewählt hatte, die die Gemüter aufbrachte, nachdem ähnliche Pläne anderer Ketten zuvor keine vergleichbaren Reaktionen hervorgerufen hatten. Wie dem auch sei: Auf die Aussage, man wolle sich hinsichtlich einer Maskenpflicht nicht in eine "politische Kontroverse" ziehen lassen, folgte in sozialen Medien ein Aufschrei, der laut genug ausfiel, um AMC seine Vorschriften umgehend ändern zu lassen. Noch schneller hatte nur die Kette Alamo Drafthouse reagiert, die bereits unmittelbar bei Aufbranden des sprichwörtlichen "Shitstorms" erklärt hatte, die Frage des Gesundheitsschutzes nicht als "politisch" anzusehen und an sämtlichen Standorten auch im Saal das Tragen der Maske vorzuschreiben. Kurz nach AMC zog dann auch Regal, US-Tochter der weltweit zweitgrößten Kinokette Cineworld nach und änderte seine Maßnahmen entsprechend.

Unabhängig davon, ob Aron seine Worte nun besonders geschickt gewählt hatte oder nicht, muss man aber doch zur Kenntnis nehmen, dass seine Erklärung durchaus ein Problem adressiert, das sich bis zu einem gewissen Maße negativ auf die Besucherzahlen in den Wochen nach Wiedereröffnung auswirken könnte. "Wir dachten, es sei kontraproduktiv, wenn wir auch solchen Leuten das Tragen von Masken vorschreiben, die zutiefst davon überzeugt sind, dass das unnötig ist", hatte Aron die ursprünglich gewählte Linie gegenüber "Variety" erläutert - und tatsächlich liegt auf der Hand, dass eine Maskenpflicht das Publikum spalten könnte. In jene, die das Gefühl zusätzlicher Sicherheit überhaupt erst den Kinobesuch antreten lässt - und jene, die Vergnügen nicht mit einer solchen (gefühlten) Einschränkung der persönlichen Freiheit in Verbindung gebracht sehen wollen. Dass die Frage einer Maskenpflicht auch bei deutschen Kinogängern unterschiedliche Reaktionen hervorruft, hatte vor etlichen Wochen bereits eine Studie von S&L gezeigt.

Im Gespräch mit "Deadline" hatte sich AMC-CEO Adam Aron übrigens noch vor der Kontroverse zu den Spekulationen über einen bevorstehende Pleite der Kette geäußert, die auf Basis einer Börsenmitteilung die Runde gemacht hatten. Darin betonte er, dass man über ausreichend Liquidität verfüge, um eine weltweite Schließung sämtlicher Standorte bis Ende November durchzustehen. Anleger umfassend über mögliche Risiken aufzuklären sei indes angezeigt, wenn man nicht über genug Liquidität verfüge, um einen kompletten Einnahmeausfall über ein volles Jahr hinweg aufzufangen. Daran habe sich AMC gehalten.