Kino

"Unsere Erwartungen müssen realistisch sein"

Die Botschaft, die vom ersten Tag der CineEurope ausging, war klar: Das Kino kommt zurück - daran ließen gerade auch die Studiovertreter nicht den geringsten Zweifel. Deutlich wurde mitunter aber auch, dass der sprichwörtliche Schalter nicht einfach umgelegt werden wird.

18.06.2020 13:47 • von Marc Mensch
Aktuell steht "Mulan" als erster Tentpole-Release nach der Corona-Krise im Kalender - und soll in Deutschland am 27. Juli starten (Bild: Walt Disney)

Die Stimmung zu heben, wie es UNIC-CEO Laura Houlgatte formulierte, war erklärtes Ziel der Online-Ausgabe der CineEurope, die mit einer gut zweieinhalbstündigen Mischung aus Live-Beiträgen und aufgezeichneten Videobotschaften am 17. Juni startete und nach Angaben der Organisatoren von über 1200 Branchenteilnehmern verfolgt wurde. Und in diesem Sinne durfte man es sicherlich als Erfolg werten, dass es insbesondere auch aus Richtung der Studios nicht an aufmunternden Botschaften mangelte.

Besonders viel Einsatz zeigte hierbei Warner, die unter anderem zwei jener prominenten Filmemacher*innen sprechen ließen, deren neue Werke zu den ersten gehören sollen, mit denen das Kino sich zurück in die Herzen der Besucher spielt: Patty Jenkins (Wonder Woman 1984") und Christopher Nolan, der ausführlich über die Arbeit an Tenet" sprach. Ob es bei den aktuellen Startterminen bleibt? Diesbezüglich darf man die Botschaften wohl als positive Signale werten, eine Bestätigung stellen sie aber nicht dar - zumal explizit kein Datum angesprochen wurde. Was übrigens auch für die Podiumsdiskussion mit führenden Vertreter*innen von Walt Disney und Sony galt, hier machte der Moderator sogar ausdrücklich deutlich, dass man derartige Themen nicht anschneiden wolle.

Immerhin waren Nolans Ausführungen ein klares, unmissverständliches Bekenntnis dazu, dass für einen großen Film wie "Tenet" eine Kinoauswertung nicht zur Disposition steht: "Wenn ich auf all die Filme zurückblicke, die ich bislang gedreht habe, dann ist dieser hier womöglich derjenige, der am stärksten auf das Publikumserlebnis auf der großen Leinwand geeicht ist. Es ist ein Film, dessen Bilder und Töne man absolut in einem Kino genießen muss - und wir können es nicht erwarten, dass Sie sehen können, was wir auf die Beine gestellt haben."

Herausragende Filme sind es denn auch, die nach Einschätzung von Cathleen Taff (President Distribution, Walt Disney Studios) wichtiger sein werden denn je. "Es wird zunächst wahrscheinlich eine gewisse Skepsis geben", erklärte sie mit Blick auf das Zuschauerverhalten nach der Pandemie, "und deswegen müssen wir bei dem, was sie zum Kinobesuch bewegt, noch mehr als bislang leisten." Wenn das gelinge, werde sich die positive Botschaft verbreiten - zumal es ein grundlegendes Bedürfnis der Menschen sei, ihre Häuser zu verlassen.

Letzterer Einschätzung schloss sich auch Steven O'Dell (President Sony Pictures) an: "Die Leute können die allergrößten Fernseher im Wohnzimmer stehen haben und raufen sich dennoch die Haare darüber, wann sie wieder nach draußen kommen. Das liegt in der Natur der Menschen, wir sind dazu bestimmt, uns sozial zu verhalten - und das ermöglichen uns Kinos." Tatsächlich habe die kinolose Zeit nach Einschätzung von O'Dell den Menschen nur umso deutlicher vor Augen geführt, welchen Unterschied das Kinoerlebnis mache. Bestätigt sieht er sich in dieser Ansicht unter anderem durch die Erfahrungen, die Sony mit dem Re-Release von Little Women" in Dänemark gemacht habe. Dort sei der Zuspruch für den Film sogar noch höher gewesen als zu Beginn des Jahres. Für O'Dell ein klares Zeichen in Richtung der "Miesmacher". Sony jedenfalls glaube fest an das Kinoerlebnis und präsentiere 2021 nicht umsonst die "größte Slate in der Geschichte des Studios". Jedes Mal, wenn jemand oder etwas die Filmindustrie herausgefordert habe, sei diese der Herausforderung mit "wehenden Fahnen" begegnet.

Vergleichbare Jubelarien wollte Taff - wenngleich sie ebenfalls Optimismus ausstrahlte - dann doch nicht anstimmen, vielmehr fiel ihre Analyse stellenweise vergleichsweise nüchtern (und wenn man ehrlich ist, damit nur umso wertvoller) aus. Sie erklärte, dass "realistische Erwartungen" gefragt seien - und dass Verleiher wie Kinobetreiber gleichermaßen wenigstens für eine Übergangszeit neu bewerten müssten, was "Erfolg" bedeute.

Eine Einschätzung, die ganz zu den Prognosen passte, die David Hancock vom Marktforschungsunternehmen Omdia präsentierte. Dort geht man aktuell davon aus, dass die Krise das weltweite Kinogeschäft alleine in diesem Jahr zwischen 20 und 31 Milliarden Dollar kosten könnte. Aktuell liege man gegenüber dem Vorjahr weltweit um rund 70 Prozent zurück, die derzeit "beste Schätzung" von Omdia besagt, dass das weltweite Boxoffice auf das Gesamtjahr gesehen gegenüber 2019 um rund 58 Prozent fallen wird - und dass es schon aufgrund der ganz unterschiedlichen Vorgehensweisen in den Märkten und der nur graduellen Lockerungen erhebliche Zeit dauern werde, bis der Kinomarkt wieder in Sphären wie vor der Pandemie vordringen könne, was ihn 2021 weitere vier Milliarden Dollar kosten könne.

Ein etwas zu konservativer Ausblick? Zumindest Kinepolis-CEO Eddy Duquenne stellte die Situation in einem deutlich erfreulicheren Licht dar. Tatsächlich seien die ersten Signale aus Märkten, in denen die Kette wieder eröffnet habe, "sehr positiv" ausgefallen. In der Schweiz habe man am vergangen Samstag sogar Ergebnisse erzielt, die über jenen eines durchschnittlichen Samstages vor der Pandemie gelegen hätten. Sicherlich erfreulich zu hören - auch wenn dies nur wenig mit den Erfahrungen gemein haben dürfte, die hier in Deutschland aktuell gemacht werden. Überzeugt zeigte sich Duquenne jedenfalls davon, dass die Krise bestehende Trends im Kinomarkt beschleunigen werde, namentlich die Konsolidierung und die zunehmende Fokussierung auf Premiumerlebnisse.

Zumindest einem wesentlichen Schritt in Richtung "Konsolidierung" scheint die Pandemie unterdessen einen Strich durch die Rechnung gemacht zu haben, schließlich hat Cineworld als weltweit zweitgrößte Kinokette der Welt gerade erst die Übernahme des kanadischen Marktführers Cineplex abgesagt. Cineworld-CEO Mooky Greidinger ging auf diese Entwicklung erwartungsgemäß nicht ein und nutzte die Zeit lieber, um seinerseits positiv nach vorne zu blicken. Zwar gehe er davon aus, dass auch die ersten Monate 2021 noch nicht einfach sein werden, aber er sei überzeugt, dass man im Laufe des kommenden Jahres zu alter Stärke zurückfinden werde.

Was die aktuellen Maßnahmen anbelangt, steuerte Greidinger zudem einen interessanten Gedanken bei, der illustrierte, wie schmal der Grat zwischen dem Schaffen von Vertrauen und Verunsicherung der Gäste sein kann: "Wir dürfen es nicht übertreiben, wir dürfen keine Krankenhausatmosphäre schaffen, die die Leute ununterbrochen daran erinnert, dass sie Angst vor dem Virus haben müssen."

Ein wenig überraschen konnte, dass der sprichwörtliche "Elefant im Raum" - namentlich die viel diskutierten Ankündigungen bezüglich möglicher Anpassungen der Auswertungsstrategien - bei dieser Konferenz zunächst nicht einmal ansatzweise adressiert wurden. Die singuläre Ausnahme bildete David Hancock - und wenigstens in diesem Punkt war seine Botschaft aus Sicht der Kinobetreiber rundum erfreulich: Denn das Vertrauen in das Kino als Auswertungsplattform hat sich in der Krise nachhaltig darin ausgedrückt, dass man den Löwenanteil der Filme - und insbesondere die wirklich großen Titel - lieber um Monate verschoben habe, als sie einer PVoD-Auswertung zuzuführen. Wobei Hancock ausdrücklich auch die Flexibilität von Ländern wie Frankreich hervorhob, wo die besonders strikte Fensterregelung temporär aufgehoben wurde, um unter anderem eine Verbreitung von Filmen zu ermöglichen, denen die Krise mitten in ihre laufende Kinoauswertung gefahren war

Dass das Kino einstweilen auch in der Wiederanlaufphase als Ort attraktiv genug sei, um selbst mit Repertoire nennenswerte Zahlen erzielen zu können, unterstrich Andrew Cripps (President International Distribution Warner Bros.). So habe man unter anderem mit Filmen aus dem "Harry Potter"- und dem DC-Universum sowie mit Werken von Christopher Nolan "überaus ermutigende" Ergebnisse erzielt (während z.B. aktuell aus dem Cinecitta zu hören ist, dass höheren Besucherzahlen für eine lange Der Herr der Ringe"-Nacht nur die Auflagen hinsichtlich der maximalen Saalbelegung im Wege stünden).

Das Kino jedenfalls habe viel überlebt, so Cripps: Kriege, Krisen, konkurrierende Technologien - und es werde auch diese Pandemie überleben.