Kino

KOMMENTAR: By any means necessary

Black Lives Matter. Dies ist ein Fakt. Unumstößlich. Eindeutig. Nicht verhandelbar. Was verhandelbar sein muss, ist unser Umgang damit.

11.06.2020 07:18 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Black Lives Matter. Dies ist ein Fakt. Unumstößlich. Eindeutig. Nicht verhandelbar. Was verhandelbar sein muss, ist unser Umgang damit. Was weiter möglich sein muss, ist eine Diskussion darüber, wie wir mit der rassistischen Vergangenheit - und mehr noch: Gegenwart! - der westlichen Zivilisation umgehen. Erwarten Sie von mir keine endgültigen Antworten darauf, schon gar nicht in läppischen 2500 Zeichen. Weil ich in diesem Moment selbst ringe und mich frage, was ich besser machen kann. Was wir alle besser machen können, was der richtige Weg ist, um das Krebsgeschwür Rassismus nachhaltig zu beseitigen. Sich dieses Ziel zu setzen, ist einfach. Das ist die Minimalanforderung, "by any means necessary". Wie man das erreicht, ist schon nicht mehr ganz so simpel. Sieht man sich, wie Spike Lee - der in dieser Ausgabe anlässlich seines neuen Films Da 5 Bloods" von dem britischen Journalisten Kaleem Aftab porträtiert wird - es provokativ in Do the Right Thing" formuliert hat, auf der Seite von Martin Luther King oder Malcolm X? Soll es der friedliche oder der militante Weg sein?

Als Aktivisten am 7. Juni in Bristol die Statue des britischen Sklavenhändlers Edward Colston, der für die Versklavung von 80.000 schwarzen Menschen verantwortlich war, ins Hafenbecken der Stadt stürzten, argumentierten die Tories, dies sei eine "schändliche" Aktion gewesen: Colstons Statue sei wegen der vielen guten Dinge, die er getan habe, die finanzielle Unterstützung von Schulen und Armenhäusern, aufgestellt worden. Das Gegenargument ließ nicht lange auf sich warten: Wie würde man sich fühlen, wenn jetzt dem Päderasten Jimmy Savile, langjähriger Moderator der BBC-Musikshow "Top of the Pops", ein Denkmal gesetzt würde, weil er sich für Kinderstationen in Krankenhäusern engagierte? Wie soll man nun umgehen mit Meisterwerken der Filmgeschichte, die dem Rassismus und Totalitarismus das Wort geredet haben? "Die Geburt einer Nation" von D W Griffith ist die Wiege des Erzählkinos - und ein Loblied auf den Ku-Klux-Klan. "Olympia" von Leni Riefenstahl begründet, wie wir heute Sportevents sehen - und verherrlicht das Dritte Reich. Nun hat Warner Bros Vom Winde verweht" - den erfolgreichsten Kinofilm aller Zeiten, für den erstmals eine schwarze Schauspielerin einen Oscar erhielt - wegen seiner rassistischen Weltsicht aus dem Line-up von HBO Max gestrichen. Und geht, meiner Meinung nach, richtig mit der Problematik um: Der Film soll wieder ins Programm aufgenommen werden, dann aber eingebettet in eine kritische historische Beleuchtung seines Inhalts. Wir müssen weiter aus der Geschichte lernen können. Wenn wir versuchen, sie zu streichen, würden wir die Augen verschließen. Und das darf nicht sein. Wir müssen weiter lernen, mit allen erforderlichen Mitteln.

Thomas Schultze, Chefredakteur