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Cannes-Chef Thierry Frémaux: "Kino lebendiger denn je!"

Bevor heute die Sélection officielle für das 73. Festival de Cannes bekanntgegeben wird, hat sich der künstlerische Leiter, Thierry Frémaux, in einem offenen Brief an die Öffentlichkeit gewandt.

03.06.2020 09:20 • von Thomas Schultze
Thierry Frémaux bescheinigt dem Kino eine glorreiche Zukunft (Bild: Kurt Krieger)

Bevor heute die Sélection officielle für das bekanntgegeben wird, hat sich der künstlerische Leiter,Thierry Frémaux, in einem offenen Brief an die Öffentlichkeit gewandt. Besonders wichtig ist es ihm dabei zu betonen, dass Cannes 2020 zwar aufgrund der Corona-Krise nicht als physischer Event stattfinden kann, es für das größte Filmfestival der Welt dennoch wichtig ist, Flagge zu zeigen und zu unterstreichen: "Obwohl die Kinos seit drei Monaten geschlossen sind - erstmals seit der Erfindung der Filmvorführung durch die Brüder Lumière am 28. Dezember 1895 -, spiegelt die Auswahl wider, dass das Kino lebendiger ist denn je. Es bleibt einzigartig, unersetzbar. Wir leben in einer Welt, in der sich das bewegte Bild in ständiger Evolution befindet, ob wir nun darüber reden, wie Filme gezeigt werden, oder über die Filme selbst. Kino macht einen Unterschied aufgrund der Menschen, die es machen, die ihm Leben einhauchen und die es empfangen und glorreich sein lassen. ,Bald in einem Kino Ihrer Wahl!': Diese Formel war noch nie so reizvoll. Bald werden wir sehen: Das Kino ist nicht tot, es ist nicht einmal krank."

2067 Filme lagen Frémaux und seinem Team zur Auswahl vor. Der künstlerische Leiter sagt, dass viele Namen vertreten sind, die bereits in den Spekulationen genannt wurden. Andere Filme, die vom Auswahlkomitee geliebt wurden, werden indes nicht vertreten sein, weil ihre Autoren und Produzenten deren kommerzielle Auswertung in den Herbst oder Winter 2021 verschoben hätten und deshalb im kommenden Jahr für Cannes in Frage kommen. Vor allem aber verspricht Frémaux viele Überraschungen und Entdeckungen. Er nennt auch exakte Zahlen: Normalerweise würden sich etwa 60 Filme in der Sélection officielle befinden, aufgeteilt u. a. in den Wettbewerb, außer Konkurrenz und die Nebenreihe Un Certain Regard. 2018 waren es 56 Titel, im vergangenen Jahr 59. Und dieses Jahr werden es wieder 56 sein.

Erstmals sind mehr als 2000 Filme eingereicht worden. 909 davon sind Regiedebüts. Davon stammen 258 bzw. 28,4 Prozent von Frauen; 651 bzw. 71,6 Prozent von Männern. 15 dieser Erstlingsfilme wurden für die Sélection officielle ausgewählt, mehr als jemals zuvor. Im vergangenen Jahr waren es nur zehn. Von den insgesamt eingereichten Filmen stammen 532 von Filmemacherinnen, ein Anteil von 25,7 Prozent - im Vorjahr waren es noch 575 Filme von Regisseurinnen, die zur Auswahl standen. Insgesamt wurden für das diesjährige Cannes 16 Filme weiblicher Filmemacher bestimmt, zwei mehr als 2019, fünf mehr als 2018. Insgesamt machen Filme von Regisseurinnen 28,5 Prozent des Angebots aus, der höchste prozentuale Anteil in der Geschichte des Festivals. Im Hinblick auf französische Filmemacher steigt diese Zahl indes sogar auf 38 Prozent. Frémaux spricht von einer erfreulichen Entwicklung und verweist auf die Kurzfilme, die im Wettbewerb der Cinéfondation zu finden sein werden: Hier wird der Anteil weiblicher Filmemacher noch höher ausfallen.

Überhaupt wird das französische Kino einen größeren Raum in der Sélection officielle einnehmen: 21 Filme stammen aus Frankreich, acht mehr als 2019. Dazu kommen Titel aus etablierten Filmnationen wie den USA, Südkorea, Japan und United Kingdom, aber auch aus Ländern, die bislang weniger Repräsentation erfahren haben, wie Kongo, Bulgarien oder Georgien.

Frémaux betont, dass die Filme der Sélection officielle wie immer auch auf anderen Festivals gezeigt werden, mit dem Unterschied, dass sie nun dort auch ihre Weltpremieren feiern werden. Dazu zählen u. a. Telluride, Toronto, Deauville, San Sebastian, Pusan, New York und Tokio. In einem Ausnahmefall darf San Sebastian einen der Film mit Cannes-Label in seinen Wettbewerb aufnehmen. Nicht erwähnt von Frémaux ist die Mostra von Venedig, mit der man zwischenzeitlich übereingekommen war, einmalig Filme mit dem Cannes-Label zu zeigen. Offenbar war es aber in Einzelfällen zu Streitigkeiten um Titel gekommen, weshalb es nicht zu dieser Kooperation kommt.

Nach der heutigen Bekanntgabe der Sélection officielle wird in den kommenden Tagen auch publik gemacht, welche Filme für den Wettbewerb der Cinéfondation sowie für die Cannes Classics ausgewählt wurden. Für die Cannes Classics stand zum 20. Jubiläum bereits eine feierliche Wiederaufführung von "In the Mood for Love" von Wong Kar-Wai auf dem Programm. Abschließend verweist Thierry Frémaux in seinem offenen Brief auf den 100. Geburtstag von Federico Fellini, der in diesem Jahr gefeiert worden wäre, und auf dessen berühmte Worte: "Viva il cinema!"