Produktion

Christian Wagner zu "Null Komma Null": "Ein Befreiungsschlag"

Der Münchner Filmemacher Christian Wagner präsentiert am Sonntag seinen Kurzfilm im Rahmen des Online-Events "Fassbinder zum 75.". Mit Blickpunkt:Film sprach er über das besondere Projekt und seine schnelle Umsetzung unter erschwerten Bedingungen.

29.05.2020 11:48 • von Heike Angermaier
Christian Wagner beim Dreh seiner Fassbinder-Miniatur Premiere (Bild: Lilian Wagner)

Der Münchner unabhängige Filmemacher Christian Wagner, der u.a. für Wallers letzter Gang" vielfach prämiert wurde, präsentiert am Sonntag Abend seinen Kurzfilm "Null Komma Null" im Rahmen des Online-Events "Fassbinder zum 75.". Mit Blickpunkt:Film sprach er über das besondere Projekt und seine schnelle Umsetzung unter erschwerten Bedingungen.

Wie kam es dazu? Was ist das Besondere am Event?

Christian Wagner: Die Fassbindertage e.V. hatten mich zu einem Film-Beitrag eingeladen. Wegen der derzeitigen Einschränkungen musste der Termin immer weiter nach hinten verlegt werden, bis hinein in 2021. So kam die Idee auf, dieses Jahr Fassbinders 75. Geburtstag mit Video-Miniaturen zu würdigen. Der Verein kam dann kurzfristig mit der tollen Idee dieses Online-Events auf mich zu, zu dem auch weitere Künstler*innen wie Anna McCarthy und Emre Akal Videos beisteuern. Das Besondere ist, dass die Aktion nicht nur eine Hommage an den von mir hochgeschätzten Filmemacher ist, sondern die Programmkinos in München unterstützt, zu denen ich auch eine enge Bindung habe. Die Beiträge werden am Abend des 31. Mai auf dem Kanal des Filmmuseums München über Vimeo zu sehen sein und nun auch im Popup Autokino München als Mitternachts-Screening, was mich sehr freut.

Auch der Film selbst und die kurze Zeit seiner Umsetzung sind besonders.

Christian Wagner: Ja. Für mich war der Film ein Befreiungsschlag. "Null Komma Null" wurde in nur wenigen, knapp fünf Wochen gemacht. Vom letzten Drehtag zur Fertigstellung fünf Tage. An "Wallers letzter Gang" arbeitete ich z.B. über fünf Jahre. Dieses ewige Hin- und Her mit Finanzierung oder Abnahme von Drehbüchern bei den meisten Produktionen in Deutschland scheint zunehmend lähmend. So spontan und ohne Erfolgsdruck zu drehen, war etwas ganz Anderes. Das Projekt war ein Glücksfall in vielerlei Hinsicht: Ich arbeitete komplett analog, mit entsprechendem Equipment und Material. Der Film, der 1978 spielt, sollte die Anmutung eines Amateurfilms haben, nutzt Super 8- und 16mm-Optik, erzählt eine Film-im-Film-Geschichte über eine Kneipp-Bademeisterin, die Fassbinder als Baby schon kannte und von einem indischen Regisseur interviewt wird. 1978 u.a. deswegen, weil es ein speziell produktives Jahr von Fassbinder war mit vier Filmen, die mich alle nachhaltig beeinflussten in meiner eigenen Arbeit und Entwicklung. Ich war damals 19, als ich mit ihm in Berührung kam.

Wie sah die Umsetzung genau aus?

Christian Wagner: Wir drehten an einem Tag an Originallocations wie Fassbinders Geburtshaus oder im wunderschönen Kino von Bad Wörishofen, alles Orte, die noch die Aura von damals ausstrahlen. Wir stellten dort ein Period Picture auf die Beine samt Oldtimern, Kostümen aus dem Fundus des Stuttgarter Theaterhaus und ein paar Requisiten aus Berlin. Wir drehten Sonntag ab, Montag war das Material beim Kopierwerk in Berlin, das ich noch aus den Achtzigern kannte, am Dienstag wurde es digitalisiert. Nun sitze ich mit Pat Rommelam Schnitt. Ein Glücksfall ist auch die Arbeit mit ihr, dem gesamten Team und der Besetzung, im Besonderen mit Schauspielerin Traute Hoess, die in vier Filmen Fassbinders mitwirkte. Ich glaube, dass das Projekt auch ein Glücksfall für alle war - und gleichzeitig eine Überforderung. Wir arbeiteten alle ohne Assistenz - und nach den Corona-bedingten Hygieneregeln. Einen Tag lang mit Maske zu arbeiten, macht schwindlig. Aber alles in allem hat es Riesenspaß gemacht. Ich hoffe, dass etwas von der Energie und der Herangehensweise bei diesem Projekt auch in zukünftige Produktionen übernommen werden wird.

Wie haben Sie den Film quasi ohne fremde Mittel auf die Beine gestellt?

Christian Wagner: Das lief vor allem über alte Kontakte. Und niemand aus dem Team oder der Besetzung hat nach Geld gefragt. Der Fassbindertage e.V. gab 500 Euro Zuschuss, der aber kaum die Ausgaben für die Hygiene-Maßnahmen deckten.

Wird Ihr Film auch in normalen Kinos zu sehen sein?

Christian Wagner: Ich wünsche es mir. Vorstellbar wäre es, ihn im Bad Wörishofer im Kino zu starten oder in anderen Kinos in der Region in einer Art Kinotour oder auch im Rahmen von Festivals, Hommagen oder Filmreihen zu Fassbinder zu zeigen. Ich möchte jedenfalls noch ein DCP sowie dazu eine Kinomischung für den Film machen. Und nachdem es in den heutigen Zeiten allen Kinos schlecht geht, würde ich da meinen Stamm-Kinos, die meine Filme treu gespielt haben, auch die Treue halten und das umsonst zeigen für Premieren. Aber noch hatte ich keine Zeit, es mir genau zu überlegen. Noch sitze ich am Schnitt. Tag und Nacht.

Die Fragen stellte Heike Angermaier