Kino

KOMMENTAR: Mach' Dir ein paar schöne Stunden...

Von Kinobetreibern und Filmverleihern wird in diesen Tagen größte Flexibilität verlangt. Die dunklen Tage des Leinwand-Lockdowns liegen fast schon hinter uns. Jetzt gilt es holterdipolter die neuen Kinokonzepte umzusetzen.

28.05.2020 07:50 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Von Kinobetreibern und Filmverleihern wird in diesen Tagen größte Flexibilität verlangt. Die dunklen Tage des Leinwand-Lockdowns liegen fast schon hinter uns. Jetzt gilt es holterdipolter die neuen Kinokonzepte umzusetzen. There's no business like show business! Noch vor wenigen Tagen herrschte in vielen Bundesländern Ratlosigkeit wegen fehlender Wiedereröffnungsperspektiven. Jetzt geht alles rasend schnell. Von einem geordneten Vorgehen der Länder ist keine Rede mehr, nachdem die Kanzlerin den Ministerpräsidenten freie Hand gelassen hat, geschweige denn von einem deutschlandweit einheitlichen Eröffnungstermin, wie er von den Verbänden bei den verschiedensten politischen Adressaten gefordert worden war. Nun überschlagen sich die Ankündigungen und Termine, wobei die zuständigen Behörden selbst zum Teil widersprüchliche Angaben machen, wann und unter welchen Maßgaben der Kinobetrieb tatsächlich wieder aufgenommen werden kann. Noch wiehert der Amtsschimmel gewaltig in den geplanten Verordnungen.

Wenn alles Wirklichkeit wird, was sich die Schreibtischhengste in den nachgelagerten Länderbehörden ausgedacht haben, sitzen am Ende pro Reihe noch ein bis zwei Zuschauer, weil sie beim Gang auf die Toilette nicht aneinander vorbei gehen dürfen. Dort ist jetzt viel common sense gefragt und vor allem Vertrauen in die Kinobetreiber selbst, die längst für die Stunde Null Hygienekonzepte entwickelt haben, die ihr Publikum maximal vor Ansteckung schützen und gleichzeitig einen halbwegs wirtschaftlichen Betrieb erlauben. Jetzt kommt auch die große Stunde der Verleiher. Denn während die durch Corona boomenden Autokinos den ausgehungerten Film- und Eventfans ein Best of der Kinohits vor der Krise und das mit Erfolg bieten konnten, werden jetzt wieder brandneue Kinofilme, nach Möglichkeit Blockbuster gebraucht, damit der beschwerliche Weg aus der Krise nicht noch mehr kostet als der Lockdown bisher. Ohne einen Hilfsfonds für die Filmund Kinowirtschaft, der wenigstens die größten Härten lindert, wird es nicht gehen. Ohne große Filmstarts auch nicht.

Die beachtlichen Zahlen, die an den letzten beiden Wochenenden vornehmlich in Autokinos geschrieben wurden, machen zwar große Hoffnungen, aber nun werden wieder echte Attraktionen gebraucht. Die Branche betet, dass Christopher Nolans SF-Thriller "Tenet" auch wirklich im Juli in die Kinos kommt, genauso wie inständig zu hoffen ist, dass "Mulan" dann an den Start geht. Und schließlich ist da noch das Publikum, das neues Vertrauen in das Freizeitvergnügen Kino fassen muss. Die älteren Zielgruppen werden da zögerlicher sein als die jüngeren, soweit die noch den Klauen der Streamingportale entwunden werden können.

Ein harter und steiniger Weg liegt vor der Branche, bis es wieder heißt: "Mach Direin paar schöne Stunden, geh ins Kino!"

Ulrich Höcherl, Chefredakteur