Kino

Aufmerksamkeit als wichtigster Faktor

Seit Mitte April engagiert sich der Stuttgarter Betreiber Kinostar bei einer wachsenden Zahl an Autokinos, mittlerweile mischt man bei neun Veranstaltungen mit. Beim wirtschaftlichen Potenzial zeigt man sich angesichts hoher Kosten dennoch verhalten - und verortet den eigentlichen Wert der Veranstaltungen an anderer Stelle. Wir sprachen mit Michael und Matthias Rösch.

25.05.2020 15:57 • von Marc Mensch
Michael (r.) und Matthias Rösch (Bild: BF)

Michael und Matthias Rösch betreiben mit der Kinostar Theater GmbH gemeinsam mit Partnern bereits seit Mitte April das Pop-Up-Autokino Heilbronn und haben in den darauffolgenden Wochen Filmauswahl und Planung für Autokinos in Nagold, Göppingen, Hassloch, Schwäbisch Hall, Empfingen, Grafenberg, Limbach und jüngst Zweibrücken übernommen. Den großen Run auf Autokinos sehen sie zwar in absehbarer Zeit zu Ende gehen - und auch den direkten wirtschaftlichen Nutzen beurteilen sie eher verhalten. Warum sich das Engagment dennoch lohnt, schildern sie im Gespräch mit uns.

BLICKPUNKT: FILM: Seit Kinostar auf den Autokino-Zug aufgesprungen ist, hat man das Engagement auf jetzt neun Veranstaltungen ausgeweitet. Will man noch weiter expandieren?

MICHAEL RÖSCH: Jenseits des Pop-Up-Autokinos in Heilbronn, das wir gemeinsam mit diginights und der Xmedia Agentur umgesetzt haben, sind wir an den anderen acht Standorten nur für die Filmplanung, die Programmierung zuständig; wir steuern dort also vor allem unsere Expertise bei. Noch mehr Standorte werden wir jetzt aber nicht mehr betreuen, denn mit der baldigen Wiedereröffnung regulärer Kinos wird der Autokino-Boom schnell deutlich nachlassen.

BF: Ließen sich über die "Notlösung" Autokino denn nennenswerte Deckungsbeiträge während der Kinoschließung erzielen?

MATTHIAS RÖSCH: Dazu muss man sagen: Der Aufwand hinter einem Autokino ist enorm, das wird nach wie vor noch häufig unterschätzt. Vor allem das Personal ist ein erheblicher Kostenfaktor, denn alleine um das Einparken zu koordinieren, benötigt man um die zehn Mitarbeiter. Und anders als im Kino, wo sich die Arbeit dank mehrerer Säle über die Zeit verteilt, hat man hier lange Leerlaufphasen, in denen die Mitarbeiter zur Untätigkeit verdammt sind. Die Lohnkosten sind für so eine Unternehmung wirklich vergleichsweise enorm. Dann wäre da natürlich die Technik: Auch in Krisenzeiten geht eine LED-Leinwand richtig ins Geld. Alles in allem muss ein Autokino schon richtig gut laufen, damit sich das überhaupt rechnet. Ein Ersatz für einen regulären Kinobetrieb ist es jedenfalls in keiner Weise.

MICHAEL RÖSCH: Die hohen Kosten sind auch der Grund dafür, weshalb wir gezielt die Partnerschaft mit Event-Veranstaltern gesucht haben, die die notwendige Technik teilweise bereits vorhalten und damit viel bessere Kostenstrukturen aufweisen - und die vor allem auch eigene Mitarbeiter beisteuern können.

BF: Hält denn der anfängliche Run auf Autokinos weiterhin an?

MATTHIAS RÖSCH: Zuletzt war dann doch bereits ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen. Das größte Problem ist natürlich, dass keine neuen Filme nachkommen. Ein Problem, das die regulären Kinos noch umso mehr beschäftigen wird. Man muss aber auch sehen, dass viele Leute ins Autokino gegangen - oder besser gefahren - sind, weil sie neugierig auf diese Angebote waren, weil sie es selbst einmal erleben wollten. Und vor allem: Weil es kaum Alternativen gab. Mit dem Zunehmen der Freizeitangebote nimmt das Interesse naturgemäß ab. Meine Einschätzung ist, dass der Zuspruch für Autokinos sehr schnell stark rückläufig sein wird, sobald reguläre Kinos wieder in nennenswerter Zahl geöffnet haben.

BF: Wir sprechen aus Ihrer Sicht also auch nicht von einer längerfristigen Perspektive?

MICHAEL RÖSCH: Im Regelfall sicherlich nicht. Wir hatten zunächst tatsächlich gehofft, dass sich das eine oder andere Angebot noch etwas länger trägt, aber man muss dann eben auch ganz klar sehen, dass ein Autokino das eigentliche Kinoerlebnis nicht ersetzen kann. Denn ein Gemeinschaftserlebnis kommt natürlich nicht zustande, wenn man abgeschottet in seinem Auto sitzt - und auch die Größe der Leinwände relativiert sich durch die Entfernung, in der man von ihnen entfernt steht.

MATTHIAS RÖSCH: Auch die Qualität des Tons, der über die Autoradios übertragen wird, ist gegenüber dem Kino ja überschaubar. High-End ist das nicht...

MICHAEL RÖSCH: Aber jenseits der Frage nach der unmittelbaren Wirtschaftlichkeit muss man ganz klar festhalten: Autokinos haben enorm dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit für das Kino während der Zwangsschließung aufrecht zu erhalten. Tatsächlich ist das aus meiner Sicht der mit Abstand wichtigste Beitrag, den diese Angebote geleistet haben. Das Kino nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, es auch mit positiven Nachrichten in Verbindung zu bringen. Gerade vor dem Hintergrund all der Spekulationen, die aktuell schon wieder über Streaming und seinen Einfluss auf das Kino angestellt werden, haben Autokinos nachhaltig und überaus eindrucksvoll gezeigt, wie groß das Bedürfnis der Leute nach einem Out-of-Home-Erlebnis ist. Das macht auch Hoffnung für die Zukunft.

BF: Dennoch wird die Rolle der Autokinos von Kinobetreibern teilweise auch sehr kritisch betrachtet. Event-Veranstalter würden sich zu Konkurrenten aufschwingen und die dort gespielten Filme ihr Potenzial für reguläre Kinos nach deren Wiedereröffnung einbüßen.

MATTHIAS RÖSCH: Natürlich kann man hier im Prinzip ein Konkurrenzverhältnis sehen, allerdings steht es den Kinobetreibern in den meisten Fällen doch grundsätzlich frei, sich einzubringen und eine Konstellation zu finden, aus der man Vorteile ziehen kann, ohne großes Risiko tragen zu müssen. Denn für Event-Veranstalter sind wir Kinobetreiber in diesem Kontext sehr willkommene Partner. Weil wir Expertise besitzen, die sie nicht haben. Wir jedenfalls betrachten unsere Kooperationen als Win-Win-Situation für beide Seiten. Zumal noch ein nicht zu unterschätzender Faktor hinzukommt: Es gibt uns die Möglichkeit, Mitarbeiter einzubringen, die anderenfalls aktuell komplett beschäftigungslos wären. Das ist für uns ein sehr gewichtiges Argument.

MICHAEL RÖSCH: Den Vorwurf, man würde den regulären Kinos Programmpotenzial rauben, halte ich für blanken Unsinn. Im Autokino werden praktisch ausschließlich Filme gezeigt, die längst auch im Home-Entertainment erhältlich sind. Es existiert da keine Exklusivität, die sich noch irgendwie bewahren ließe. Das fehlende Programm ist zwar in der Tat das zentrale Problem, das uns wenigstens bis in den Juli hinein begleiten wird, aber das wird nicht etwa durch Autokinos verschärft. Ich muss übrigens gestehen, dass ich es schier für ein Wunder halte, was Filme wie Die Känguru-Chroniken" oder Das perfekte Geheimnis" in den vergangenen Wochen doch noch an Zahlen schreiben konnten. Das zeigt ganz klar die Sehnsucht der Menschen nach einem wie auch immer gearteten Kinoerlebnis.

BF: Auf welche Technik wird denn bei den von Ihnen (mit)betreuten Veranstaltungen gesetzt?

MATTHIAS RÖSCH: Momentan werden diese Standorte tatsächlich alle mit LED-Leinwänden bespielt. Das hat aber nichts mit einer grundsätzlichen Präferenz für diese Technik zu tun, tatsächlich hatten wir Gespräche mit Partnern, mit denen wir im regulären Open-Air-Segment für DCP-Projektion zusammenarbeiten. Jetzt war es einfach so, dass die LED-Leinwände für uns aufgrund der besonderen Konstellationen schneller und einfacher zu realisieren waren, mangels entsprechender Neustarts war die DCI-Konformität für die Frage der Belieferung ja weitgehend vernachlässigbar. Und LED-Leinwände weisen natürlich einen erheblichen Vorteil auf: Sie lassen sich auch tagsüber bespielen.

BF: Wie sieht es denn mit der Unterstützung durch die Verleiher hinsichtlich der Belieferung und der Konditionen aus?

MICHAEL RÖSCH: Grundsätzlich sehr gut, inzwischen ist fast alles auch für LED lieferbar, ich glaube mit Ausnahme von Nightlife", der noch nicht in der HE-Auswertung ist und für den noch DCP-Zwang herrscht. Unter dem Strich haben sich die Verleiher nicht nur sehr kooperativ gezeigt, sondern auch hart dafür gearbeitet, Dinge zu ermöglichen. Denn dort kam zeitweise ganz schön Stress auf, als plötzlich binnen kürzester Zeit Dutzende und Aberdutzende neuer Standorte angelegt und abgesegnet werden wollten - und das von Mitarbeitern, die in Kurzarbeit waren. Auch die Konditionen waren fair, teils sogar sehr gut, manche Verleiher blieben recht deutlich unter den üblichen Leihmietensätzen.

BF: Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie programmiert?

MICHAEL RÖSCH: Als wir Mitte April angefangen haben, waren bereits eine Reihe von Autokinos in Betrieb und wir haben uns sehr genau angesehen, was wo läuft. Dadurch, dass es anfangs so wenige Standorte waren, ließ sich das auch örtlich sehr gut zuordnen. Für uns gab es da einige Überraschungen: Ich hätte nie gedacht, dass "Joker" noch einmal so gut performen würde, der Film war wochenlang die Nummer 1 in den Autokinos.

MATTHIAS RÖSCH: Wie sich gezeigt hat, weisen Autokino-Besucher im Schnitt andere Präferenzen auf als traditionelle Open-Air-Gäste. Es gibt zwar durchaus Überschneidungen, aber grundsätzlich lässt sich sagen, dass eine Autokino-Programmierung actionlastiger ausfällt, man hat es hier sicherlich nicht mit einem Arthouse-Publikum zu tun

BF: Welche Rolle spielen denn alternative Angebote, beispielhaft sei die "Tatort"-Premierentour genannt?

MICHAEL RÖSCH: Die "Tatort"-Tour lief in der Tat hervorragend. Besonders gute Erfahrungen haben wir auch mit einem lokalen Heilbronner Film namens "Faustdick" gemacht, den wir in ausverkauften Vorstellungen präsentieren konnten. Grundsätzlich wird alternativer Content und Event-Programmierung zunehmend wichtiger werden, insbesondere vor dem Hintergrund, dass Kinofilme dann wieder ihre Heimat in regulären Sälen finden - und erst einmal keine Neustarts nachkommen. Klassische Event-Programmierung überlassen wir aber dann den Event-Veranstaltern.

BF: Wie bereiten Sie sich auf die Wiedereröffnung Ihrer Häuser vor - und wollen Sie schon Anfang Juni dabei sein?

MATTHIAS RÖSCH: Grundsätzlich wollen wir vom ersten Tag an dabei sein. Denn unsere Gäste haben jetzt lange genug auf das Kinoerlebnis verzichtet, ihnen wollen wir schnellstmöglich wieder etwas bieten. Soweit wir das können, bereiten wir uns und unsere Mitarbeiter natürlich auf die notwendigen Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen vor, warten aktuell aber noch gespannt darauf, wie die Auflagen letztendlich konkret aussehen werden. Hier gibt es durchaus noch offene Fragen, wie ja auch zunächst unklar war, wie es sich denn nun tatsächlich mit dem Termin 1. Juni verhält, über den erst am 26. Mai entschieden werden soll. Wir können es jedenfalls kaum erwarten - auch wenn die ersten Wochen des Spielbetriebs mit Sicherheit noch sehr hart werden.

Das Gespräch führte Marc Mensch