Produktion

Wann kommt "Tenet"?

Die Hoffnungen der Kinos ruhen auf "Tenet", dem neuen Film von Christopher Nolan. Doch selbst nach dem gestern Nacht veröffentlichten Trailer steht nicht fest, ob der geplante Starttermin Mitte Juli zu halten sein wird.

22.05.2020 09:28 • von Thomas Schultze
Die Branche wartet sehnlichst auf "Tenet" (Bild: Warner Bros.)

Kommt er oder kommt er nicht? Oder genauer gesagt: Wann genau kommt er? Das ist hier die Frage. Es geht um Tenet", den neuen Film von Christopher Nolan. Im Verlauf des gesamten Coronawahnsinns war der Zeitverbiegethriller zuverlässig der Fels der Brandung. Während alle Verleiher, Warner Bros. inklusive, in dessen Verleih sich "Tenet" befindet, ihre Filme aus dem Weg räumten, vom ursprünglich geplanten Sommerstart verschoben, neue Starttermine vergaben, beharrte "Tenet" stets auf seinem Starttermin am 17. Juli in den USA, ein Tag davor in Deutschland. Während allerorts, von den Feuilletons hin zu den einschlägigen Branchendiensten die Zukunft des Kinos in Frage gestellt oder zumindest neu beleuchtet wurde, blieb "Tenet" ein verlässlicher Leuchtturm: nicht einfach nur ein großer Film, der nicht nur wie selbstverständlich auf der großen Leinwand gesehen werden muss, sondern der große Film, der als Erster nach Wiedereröffnung der Kinos der Welt zeigen wird, dass die Lust am Kinobesuch weltweit ungebrochen ist.

Während der Kinoschließungen hatte Christopher Nolan, einer der letzten verbliebenen großen Leinwandvisionäre, dessen Name längst in einem Atemzug mit David Lean und Stanley Kubrick genannt werden darf, ein Magier origineller und mit großem Atem erzählter moderner Epen, von seiner "Batman"-Trilogie über Inception" hin zu Dunkirk" und jetzt eben "Tenet", wiederholt angemerkt, dass er am ursprünglichen US-Starttermin festhalten wolle (nicht zuletzt, weil "7.17" dem Motiv des Films entspricht, dessen Titel ebenfalls ein Palindrom ist, und dessen Handlung wohl auch damit zu tun hat, dass die Zeit gleichzeitig vorwärts und rückwärts läuft - habe ich schon geschrieben, dass Nolan ein Perfektionist ist, der Nichts dem Zufall überlässt bzw. überlassen will?). Was auch nachvollziehbar ist bei einem Mann, der das Kino als seine persönliche Kathedrale betrachtet, wie er 2012 in einem bewegenden offenen Brief schrieb, nachdem ein Irrer am Starttag von The Dark Knight Rises" in einem Kino in Aurora im Bundesstaat Colorado ein Blutbad angerichtet hatte: "Tenet" ist längst ein Sinnbild geworden für die Rückkehr des Kinos. Und alle anderen Filme - sieht man einmal von dem Roadrage-Thriller Unhinged" mit Russell Crowe ab, der in den USA für 1. Juli terminiert ist (und in Deutschland im Verleih von Leonine Ende Juli starten soll) - formieren sich hinter Nolans neuer 200-Mio.-Dollar-Extravaganz mit John David Washington aus BlacKkKlansman" und dem neuen "Batman" Robert Pattinson in den Hauptrollen, beginnend mit Disneys ursprünglich für Ende März geplanten und aktuell in den USA für 24. Juli terminierten "Mulan".

Nun hat Warner Bros. den neuen "Tenet"-Trailer veröffentlicht und läutet damit die heiße Phase der Vermarktung seines ersten großen Tentpoles in diesem Jahr ein, von dem zumindest symbolisch mehr abhängt als von anderen Tentpoles - nachdem bereits im vergangenen Dezember ein erster zweiminütiger Trailer Appetit auf den ungewöhnlichen Film gemacht hatte. Eine belastbare Antwort, ob "Tenet" tatsächlich Mitte Juli starten wird, gibt auch dieser Trailer nicht: "Demnächst im Kino" kann man nach beeindruckenden knapp drei Minuten mit zum großen Teil noch ungesehenem Material aus dem Film - darunter eine Schießerei in einer Oper und der Crash eines Flugzeugs - lesen. Das ist einerseits beruhigend: "Tenet" wird ins Kino kommen - woran allerdings auch kein Zweifel bestand. Andererseits wird die Frage nicht beantwortet, ob das Studio den ursprünglich angepeilten Termin halten wird. Aber wie auch? Zu viele Variablen sind ungeklärt: Für Warner Bros. ist es sicherlich nur dann sinnvoll, einen Film dieser Größenordnung zu starten, wenn weltweit genug Kinos geöffnet haben und auch feststeht, dass bei den Menschen nach mehr als drei Monaten Corona-Break auch wieder die Bereitschaft herrscht, in die Kinos zurückzukehren. Es geht in diesem Fall nicht nur um Geld, sondern eben auch um die symbolische Strahlkraft: Wer als Hoffnungsträger antritt, sollte diese Hoffnung besser nicht enttäuschen.

Und ob wirklich das ganz große Blockbusterpublikum Lust auf "Tenet" haben wird, lässt sich schwer einschätzen, deutlich schwerer jedenfalls als bei dem neuen James Bond oder dem nächsten "Fast & Furious", die als eingeführte Franchises voll und ganz auf ihren Namen vertrauen können. Abgesehen davon, dass "Tenet" von Christopher Nolan gemacht wurde (und formidabel aussieht), kann der Film eben nicht als Marke punkten. Es ist kein Nummer-sicher-Film. Es lässt sich zu diesem Zeitpunkt und selbst nach dem neuen Trailer ja noch nicht einmal genau sagen, um was es bei "Tenet" wirklich geht, außer dass das potenzielle Ende der Welt vor der Tür steht und sich in der Handlung auf wundersame Weise die Zeit formen lässt. Das spricht wohlgemerkt nicht gegen die kommerziellen Aussichten des Films, es lässt sich nur eben schwer einschätzen, ob der Film den gehofften Nerv treffen wird bei einem Publikum, dass ausgehungert auf neue Kinoware wartet.

Aber hat man Nolan nicht im Verlauf seiner gesamten Karriere mit eigentlich jedem neuen Film prophezeit, er werde damit baden gehen? Als 2003 angekündigt wurde, dass der Brite, der zu diesem Zeitpunkt nach seinem Durchbruch mit der Independentproduktion Memento" mit Insomnia" gerade einmal einen eher kleinen Studiofilm gemacht hatte, das nach den beiden Joel-Schumacher-Filmen von 1995 und 1997 eigentlich als verbrannt geltende "Batman"-Franchise übernehmen würde, hatte man eher die Schultern gezuckt, zumal große Comicverfilmungen zu diesem Zeitpunkt noch nie so düster und bierernst gewesen waren wie Batman Begins" und die beiden folgenden Teile. Das Vertrauen von Warner Bros. in den damals erst 33-jährigen Filmemacher war gerechtfertigt. Nachdem das Studio von 1971 bis zu seinem Tod im Jahr 1999 Stanley Kubrick völlig freie Hand gelassen und jedes neue Projekt von ihm blind unterstützt hatte, rückte nun Nolan an Kubricks Stelle - der Filmemacher, mit dem er am häufigsten verglichen wird - als der Regisseur, dessen oftmals vermeintlich aberwitzige Ideen das Studio hundertprozentig stützt. The Dark Knight" war im Sommer 2008 so unerwartet erfolgreich mit mehr als 530 Mio. Dollar Kasse allein in den USA, dass das Studio sogar seinen kommenden Tentpolefilm im November auf das kommende Jahr verschieben musste, Harry Potter und der Halbblutprinz", um in der Bilanz nicht zu gut abzuschneiden und damit zu hohen Druck auf die Zahlen für 2009 auszuüben.

Und dann die Filme, die Nolan zur Entspannung und offenkundig persönlichen Befriedigung zwischen den jeweils nächsten "Batman"-Filmen drehte: "Prestige - Meister der Magie" über zwei verfeindete Magiere, gespielt von Christian Bale und Hugh Jackman, der bis heute wohl persönlichste Film des Regisseurs, der seine Arbeiten bis 2014 stets zusammen mit seinem sechs Jahre jüngeren Bruder Jonathan geschrieben hatte, war noch nur ein Achtungserfolg. Aber schon mit "Inception" von 2010 landete Nolan erstmals mit einer originären Geschichte einen Volltreffer - tatsächlich ist der Science-Fiction-Actionfilm mit Leonardo DiCaprio mit seiner komplizierten Traumlogik, in dem sich ganze Städte vor den Augen des Zuschauers verformen, wohl der Film Nolans, der sich nach aktuellem Wissensstand am meisten mit "Tenet" vergleichen lässt. Knapp 300 Mio. Dollar spielte "Inception" in den USA ein, knapp 3,5 Mio. Besucher zählte man in Deutschland. Der Mythos Chris Nolan beginnt in diesem Moment. Nachdem sein Weltraumepos Interstellar" 2014 vielleicht etwas hinter den Erwartungen zurückblieb (aber immerhin 190 Mio. Dollar in den USA umsetzte und in Deutschland 1,7 Mio. Tickets verkaufte), war er 2017 mit "Dunkirk" wieder obenauf. Ein kompliziert in drei divergierenden Zeitzonen erzählter und ohne Stars besetzter Weltkriegsfilm, und er spielte weltweit dennoch mehr als 800 Mio. Dollar ein. Quentin Tarantino führt ihn in seiner Liste der besten Filme der Zehnerjahre auf Platz zwei.

Wenn man die Zukunft des Kinos in die Hände eines Filmemachers legen muss, dann am besten in die Hände von Christopher Nolan: Er denkt groß, er hat große Ideen, er macht große Filme. Und er hat grenzenloses Vertrauen in den Zuschauer, ebenso fasziniert von diesen Ideen zu sein wie er selbst. Das Kino braucht Christopher Nolan. Und es braucht Filme wie "Tenet". Ob er allerdings Mitte Juli starten wird, muss sich erst noch weisen: Das Studio verfolgt die Sicherheits- und Gesundheitslage minuziös. Sollte der Temin nicht zu halten sein, weiß der Branchendienst Deadline, wird Wonder Woman 1984" seinen Platz am 14. August räumen und selbst in den Dezember wandern. Es bleibt also spannend und unvorhersehbar, genau wie ein Film von Christopher Nolan.

Thomas Schultze