Kino

Benjamina Mirnik-Voges: "Rückkehr der Kinos unterstützen"

Während die Kinos erst langsam wieder eröffnen, sieht Benjamina Mirnik-Voges den frühen Kinostart von "Berlin Alexanderplatz" als Signal an die Kinobetreiber. Die Geschäftsführerin von EntertainmentOne über ihre Pläne für den preisgekrönten Film und die Zukunft des Kinos beim Weg aus der Corona-Krise.

22.05.2020 08:17 • von Jochen Müller
Benjamina Mirnik-Voges (Bild: EntertainmentOne)

Während die Kinos erst langsam wieder eröffnen, sieht Benjamina Mirnik-Voges den frühen Kinostart von "Berlin Alexanderplatz" als Signal an die Kinobetreiber. Die Geschäftsführerin von EntertainmentOne über ihre Pläne für den preisgekrönten Film und die Zukunft des Kinos beim Weg aus der Corona-Krise.

Blickpunkt:Film: Mit seiner vielbeachteten Berlinale-Premiere und fünf Lolas beim Deutschen Filmpreis ist "Berlin Alexanderplatz" der deutsche Film, dessen Kinostart Cineasten mit den größten Erwartungen entgegensehen. Hat die Corona-Krise dieser hohen Awareness geschadet?

Benjamina Mirnik-Voges: Unsere Kino-Kampagne war stark auf Berlinale und Filmpreis ausgerichtet. In Berlin hatten wir einen großartigen ersten Aufschlag und die fünf Lolas hätten unseren ursprünglichen Release Mitte April sicherlich nochmals beflügeln können. Leider ist das Thema Kino während des Lockdowns nun komplett in den Hintergrund gerückt. Wir stehen aber in den Startlöchern, um "Berlin Alexanderplatz" wieder zum Gesprächsthema zu machen.

Wegen der Corona-Krise musste der Kinostart von "Berlin Alexanderplatz" zweimal verschoben werden. Steht der 25. Juni nun endgültig fest?

Mirnik-Voges: Was ist schon endgültig dieser Tage? Wir hatten in der Tat gehofft, dass die Filmtheater rasch wiedereröffnen und wir als einer der ersten Neustarts die gemeinsame Rückkehr der Kinos unterstützen können. Unsere Ausweichtermine waren immer ziemlich optimistisch gesetzt, diese Entscheidung trafen wir übrigens ganz bewusst: Es war uns wichtig, einen konkreten Termin zu kommunizieren und nicht "ohne Termin" vom Radar zu verschwinden. Insofern wollten wir unsere Startterminankündigungen auch immer als Signal und Geste an die Kinobetreiber verstanden wissen.

Noch haben die Kinos nicht in allen Bundesländern eine Wiedereröffnungsperspektive. Während der HDF auf einen einheitlichen Kinostart am 4. Juni hofft, schlägt die AG Kino-Gilde dafür den 2. Juli vor. Wie eng ist Ihr Starttermin mit den Kinos abgestimmt?

Mirnik-Voges: Vor allem mit der AG Kino-Gilde stehen wir in engem Austausch, da wir der festen Überzeugung sind, dass wir koordiniert vorgehen sollten. Momentan warten wir gespannt auf eine Information, wann die für uns so wichtigen Berliner Kinos wiedereröffnen, zudem benötigen wir eine relevante Anzahl an deutschlandweit geöffneten Theatern. Sollten die vorgelegten Wiedereröffnungskonzepte wie geplant umgesetzt werden, sind wir natürlich bereit, unseren Termin in Absprache mit den Arthouse-Kinos nochmals anzupassen.

Wird "Berlin Alexanderplatz" vor allem ein Arthouse-Publikum begeistern, oder sehen sie für ihn auch größeres Crossover-Potenzial?

Mirnik-Voges: Wir gehen davon aus, dass der Film vor allem die Zielgruppe der Arthouse-Kinogänger*innen ansprechen wird. Aber die große Bekanntheit der Buchvorlage, der erfolgreiche Cast und die gesellschaftliche Relevanz des Themas lassen uns durchaus auf zusätzliches Publikum in Crossover-Kinos hoffen.

Mit welchen Marketingmaßnahmen werden Sie den Kinostart begleiten? Kann es eine Kinotour auch in Corona-Zeiten geben?

Mirnik-Voges: Es waren verschiedenste Veranstaltungen unter Mitwirkung von Cast und Crew geplant - neben Premieren und einer mehrtätigen Kinotour durch ganz Deutschland beispielsweise Sonderveranstaltungen mit Buchhandlungen und gesellschaftspolitischen Verbänden. Den Großteil dieser Events werden wir nun nicht wie in der ursprünglichen Form geplant durchführen können, aber wir suchen schon nach Alternativen. Die geplante Schulkampagne mit Stiftung Lesen verschiebt sich um einige Monate ins 2. Halbjahr, wenn "Berlin Alexanderplatz" als Teil der Schulkinowochen im Herbst 2020 gezeigt wird. Großes Augenmerk legen wir auch auf klassische Marketing-Aktivitäten wie Online-Werbung, Social Media, Plakatierung und eine breite PR-Kampagne. Flankiert werden diese Maßnahmen durch zielgerichtetes lokales Kino-Marketing, sowie Buchungen in Programmheften, auf Außenflächen und den Social Media Kanälen der Startkinos.

Noch gibt es erst vorsichtige, von Bundesland zu Bundesland unterschiedliche Lockerungen des Lockdowns. Glauben Sie, dass das Publikum schon wieder bereit ist, in die Kinosäle zurückzukehren?

Mirnik-Voges: Umfragen unter Kinogänger*innen wie die von S&L Research zeigen, dass das Interesse an einem Kinobesuch durchaus da ist. Manchmal braucht es vielleicht auch eine unfreiwillige Abstinenz, um Dinge wieder neu wertschätzen zu lernen. Insofern ja, ich denke, dass das Publikum das gemeinschaftliche Kulturerlebnis und die Atmosphäre vermisst und ins Kino zurückkehren wird, wenn es die Hygiene- und Sicherheitskonzepte der Kinos als sinnvoll und sicher empfindet.

Versuchen Sie mit dem frühen Start auch einer für die nächsten Monate befürchteten Programmflut zu entkommen, wenn viele der verschobenen Filme auf dort ohnehin terminierte Filme treffen?

Mirnik-Voges: Wie vorhin erwähnt, sahen wir Berlinale und Filmpreis immer als Eckpfeiler an, zwischen denen sich unsere Kino-Kampagne wie ein Brückenbogen spannen sollte. Der Lockdown bewirkt nun, dass sämtliche PR- und Marketing-Aktivitäten nach hinten verlagert werden müssen. Eine Verschiebung in den Herbst mag für andere Filme sinnvoll sein, für uns kam sie nie in Frage - allein schon aus Gründen der Statik (lacht).

Welche Erwartungen haben Sie an die Resonanz, die der Film beim Publikum finden wird?

Mirnik-Voges: Hohe! "Berlin Alexanderplatz" ist ein großer und wichtiger Film, das haben die vielen positiven Besprechungen im Rahmen der Berlinale gezeigt. Wir hoffen, dass sich die Zuschauer*innen auf dieses Werk einlassen und mit der Thematik auseinandersetzen, so dass wir ein positives Word-of-Mouth generieren können.

Wenn bis zum Starttermin nicht ausreichend viele Kinos öffnen sollten, gibt es dann auch Pläne, den Film dem Publikum früher digital zugänglich zu machen?

Mirnik-Voges: Nein, "Berlin Alexanderplatz" ist ein Film für die große Leinwand und muss dort auch seinen Start erleben.

Wie sehen Sie die Rolle des Kinos nach der Corona-Krise? Wird es für Produzenten und Filmvertriebe auch in Zukunft die bisherige Bedeutung haben?

Mirnik-Voges: Vor großen Herausforderungen stand unsere Branche auch schon vor der Pandemie. Sicherlich wird die Kinolandschaft danach eine andere sein. Aber wir sind ein Filmverleih, Kinofilme gehören für uns nach wie vor ins Kino. Und wir werden alles daransetzen, die Relevanz und Kraft des Kinos mit unserem kommenden Line-Up zu untermauern.

Das Gespräch führte Ulrich Höcherl