Kino

"Probleme der Branche nicht in die Zukunft verschieben"

In einem Leserbrief an Blickpunkt: Film schildert Hans-Joachim Flebbe die aus seiner Sicht enorm schwierigen Rahmenbedingungen, unter denen Kinos die kommenden Monate überstehen müssen - und macht einen Vorschlag, wie der Branche effektiv unter die Arme gegriffen werden könnte.

20.05.2020 11:54 • von Marc Mensch
Hans-Joachim Flebbe (Bild: Premium Entertainment)

Erhebliche Einschränkungen, mangelndes Filmangebot, unsichere Perspektive: Hans-Joachim Flebbe, dessen ASTOR Film Lounge MyZeil in Frankfurt am vergangenen Wochenende den Betrieb wieder aufgenommen hat, blickt aktuell sehr skeptisch auf die kommenden Wochen und Monate. In einem Leserbrief an Blickpunkt: Film schildert er seine Sicht - und verknüpft sie mit einem Vorschlag, wie den Filmtheatern effektiv unter die Arme gegriffen werden könnte. Hier der Leserbrief im Wortlaut:

"10. Woche Stillstand!

Nach dem abrupten, staatlich verordneten Aufführungsverbot für unsere Filmtheater haben wohl alle Kinobetreiber statt Urlaub oder Entspannung die arbeitsreichsten Wochen erleben müssen.

Die Sicherung der Zahlungsfähigkeit war das oberste Gebot. Runterfahren der Abläufe, Kündigung oder Reduzierung nicht betriebsrelevanter Verträge bzw. Dauerkosten, Beantragung von Kurzarbeitsentgelt (und das Warten darauf, dass es irgendwann mal ausgezahlt wird), Beantragung von Liquiditätsüberbrückungskrediten, Erbetteln staatlicher Zuschüsse. Ich glaube, dass wir inzwischen darin alle Experten geworden sind, mit Kinomachen hat das allerdings nichts mehr zu tun. Nachdem nun seit zehn Wochen jegliche Einnahme fehlt, dürften Reserven aufgebraucht sein und die Selbstausbeutung an ihre Grenzen stoßen.

Denn die meisten Kinobetreiber werden davon ausgegangen sein, dass der Spuk nach max. 3 Monaten vorbei ist und dann alles wieder so weiterläuft wie zuvor. Doch die Realität sieht leider ganz anders aus. Zwar ermöglichen die nach Bundesländern unterteilten Lockerungen (welch ein Irrsinn!) einigen Kinos die Wiederaufnahme des Spielbetriebes, aber man sollte genau darüber nachdenken, ob man dies wirklich will bzw. es sich leisten kann.

Absurde Einschränkungen, z. B. in Frankfurt: Eine Person auf fünf qm Kinosaalfläche, Abgabe der persönlichen Daten inkl. Handynummer jedes Besuchers, Maskenzwang im Foyer, Kontrolle der Abstandsfläche vor der Kasse und auf dem WC (!) usw., lassen keine Freude aufkommen. Filmgenuss im Kino sieht anders aus, ein Gemeinschaftserlebnis ist nicht möglich. Das ist aber nur ein Grund für völlig unzureichende Besucherzahlen. Es gibt schlicht und einfach keine Filme - woher auch.

Wir spielen in Frankfurt am 15. Mai das Programm, mit dem wir am 15. März geschlossen haben. Davon sind etliche Titel mittlerweile im Programm der Streamingdienste aufgetaucht und für kleines Geld frei verfügbar. Warum soll der Besucher dafür noch einen stattlichen Eintrittspreis bezahlen?

Aber das ist nicht das Schlimmste: Selbst wenn es in Deutschland Ende Juni oder Juli eine flächendeckende Kinobasis geben würde, ist zu befürchten, dass die erfolgreichen internationalen Blockbuster nicht im Programm auftauchen. Denn solange die Kinos in den USA, China und Rest-Europa nicht geöffnet sind, wird kein Hollywood-Major Geld ins Marketing stecken und seinen Film starten. Und sich ausschließlich auf deutsche Filme zu stürzen, sollte für den größten Teil der Filmtheater keine Option sein.

Die Aussichten sind also düster und werden durch die Gerüchte, dass der James-Bond-Film auf das nächste Jahr verschoben wird, noch frustrierender. Letztlich müssen wir befürchten, dass ein regulärer, kostendeckender Kinobetrieb erst im (Spät-)Herbst möglich sein wird. Das dürfte für viele Betreiber zu spät sein, denn eine achtmonatige Dürreperiode wird niemand eingeplant haben.

Daher geht es nicht ohne staatliche Hilfe. 20.000 - 30.000 Euro als Unterstützung aus diversen Töpfen sind ganz nett und teilweise auch als Nothilfe sehr willkommen. Aber dieser Tropfen auf den heißen Stein dürfte nicht reichen; denn KfW verbürgte Kredite wird man wohl nur einmal zugesagt bekommen, und wenn diese Mittel verbraucht sind und die Vermieter keine weiteren Stundungen akzeptieren, ist Schluss. Was passiert dann?

Ich habe eine einfache, leicht umsetzbare Idee, die nicht die Probleme der Branche in die Zukunft verschiebt: Wenn der Staat wirklich Interesse hat, den unverschuldet in Not geratenen Filmtheaterbetreibern zu helfen und damit die Kulturinstitution Kino zu retten, kann er seine Zuschüsse gezielt einsetzen.

Mein Vorschlag: Der Staat zahlt für alle Kinobetriebe (von Programmkino bis zum Multiplex) die Miete für vier - besser fünf - Monate, bis ein regulärer Betrieb wieder möglich ist. Dieses Verfahren wäre effektiv, unbürokratisch (die Behörde bekommt die Kopie des Mietvertrags und zahlt gegebenenfalls direkt an den Vermieter), schnell umzusetzen, fair und ermöglicht die Erhaltung der vielfältigen deutschen Kinolandschaft. Denn wenn den Kinobetreibern die Last der Mietzahlung genommen und das Kurzarbeiterentgelt weiterhin bezahlt wird, wären die größten Kostenträger finanziert.

Dieser Vorschlag soll nicht als Konkurrenz zu Plänen des HDF gesehen werden, wo ein besucherorientiertes Modell diskutiert wird. Nur sollte schnell ein Vorschlag eingebracht werden, bevor es für einige zu spät ist."