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Gastbeitrag: "Wir werden die Schäden durch Corona nur anteilig auffangen können"

In einem öffentlichen Schreiben forderten mehr als 60 Schauspieler*innen die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL) zu schnellem Handeln in der Corona-Krise auf, um durch die Ausschüttung ihnen zustehender Zahlungen, die für viele Existenz bedrohende Situation besser bewältigen zu können. GVL-Geschäftsführer Tilo Gerlach nimmt nun in einem Gastbeitrag exklusiv auf blickpunktfilm.de Stellung zu den Vorwürfen.

19.05.2020 09:09 • von Frank Heine
GVL-Geschäftsführer Tilo Gerlach (Bild: GVL / Dirk Michael Deckbar)

Eine Gruppe von mehr als 60 Schauspieler*innen ging gegen die GVL auf die Barrikaden. In einem Schreiben, das Blickpunkt:Film veröffentlichte, forderten sie die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten am 29. April zur schnellen Ausschüttung ihnen zustehender Zahlungen auf, um die Corona-Krise besser bewältigen zu können. GVL-Geschäftsführer Tilo Gerlach nimmt nun in einem Gastbeitrag exklusiv auf blickpunktfilm.de Stellung zu den Vorwürfen.

Gastbeitrag von Dr. Tilo Gerlach, Geschäftsführer der GVL:

"Die Corona-Pandemie ist die größte gesellschaftliche, ökonomische und kulturelle Herausforderung seit Jahrzehnten. Sie hat die Normalität Aller aus den Fugen gerissen. Der Lockdown hat existenzielle Folgen, insbesondere für die Film-, Fernseh- und SynchronschauspielerInnen, die von heute auf morgen von den Maßnahmen zur Begrenzung der Pandemie betroffen waren. Produktionen wurden verschoben oder auf unbestimmte Zeit abgesagt, Dreh-Sets und Synchronstudios kurzfristig geschlossen, Kinos haben dichtgemacht. Als Selbstständige oder kurzfristig Beschäftigte fallen SchauspielerInnen häufig durch das Netz der staatlichen Sicherungs- und Hilfemaßnahmen. Das war auch 'vor Corona' schon ein Problem. Jetzt aber tritt es deutlicher denn je und mit unerwarteter Wucht zu Tage.

Die GVL ist die Verwertungsgesellschaft für ausübende KünstlerInnen, Tonträgerhersteller und Veranstalter - damit stehen wir auch an der Seite von ca. 20.000 SchauspielerInnen und SynchronschauspielerInnen, die uns ihre Leistungsschutzrechte anvertraut haben und circa ein Achtel der 160.000 GVL-Berechtigten ausmachen. Für diese nehmen wir u.a. Gelder aus der Privatkopieabgabe (sog. ZPÜ-Gelder) sowie in geringem Umfang aus der öffentlichen Wiedergabe durch Fernsehgeräte beispielsweise in Hotel-Lobbys ein. Entgegen häufiger Annahmen zahlen aber weder Kinos, Theater, Fernsehsender noch Streaming-Plattformen für die FilmschauspielerInnen an die GVL. So stehen uns für schauspielerische Leistungen pro Verteiljahr zwischen 5 Mio. Euro (2018) und 14 Mio. Euro (2013) zur Verfügung - angesichts des Gesamtverteilvolumens der GVL in dreistelliger Millionenhöhe also nur ein kleiner Teil.

Wir wissen, dass unsere Berechtigten angesichts weggebrochener Honorare auf die Gelder der GVL warten und wir helfen müssen, wo wir können. Das heißt aber auch: Soweit wie es unsere Satzung als Treuhandgesellschaft zulässt.

Darum haben wir noch vor dem kompletten Lockdown in Deutschland und noch bevor viele Unterstützungsansätze überhaupt spruchreif waren, schnelle finanzielle Hilfen aus unserem Sozialfonds zur Deckung des Lebensbedarfs für die ersten ein bis zwei Wochen der Krise bereitgestellt. Bis heute haben wir die Corona-Nothilfe an weit über 7.000 Berechtigte, davon ca. ein Viertel SchauspielerInnen, überwiesen. Wir wissen, dass 250 Euro angesichts der wegbrechenden Einnahmen für viele unserer Berechtigten nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind. Um weitere Hilfe zu leisten, haben wir darum für unsere freischaffenden KünstlerInnen Vorauszahlungen auf künftige Verteilungen in die Wege geleitet. Diese werden in den kommenden Tagen auf den Konten eingehen.

Dennoch kann unser Beitrag für die wirtschaftliche Existenz der SchauspielerInnen immer nur ein ergänzender sein. Die Existenzbedrohung durch Corona werden wir nur anteilig auffangen können - und das auch nur, wenn wir die uns zur Verfügung stehenden Mittel auf diejenigen konzentrieren, die sie brauchen.

Die geplanten regulären Verteilungen haben daher weiterhin absolute Priorität für uns. Um diese sicherzustellen, arbeiten unsere fast 200 Beschäftigten seit Mitte März aus dem Homeoffice. Dies dient zum einen dem Schutz der Gesundheit unserer Mitarbeitenden und stellt zum anderen sicher, dass der Betrieb für die Berechtigten bis auf wenige Einschränkungen normal weiterläuft.

Bereits im Juni steht die nächste große Verteilung für die Jahre 2013 bis 2018 an. Dafür müssen pro Verteilungsjahr rund 15 Millionen Sendemeldungen und 45 Millionen Sendeminuten verarbeitet werden. Diese werden mit mehreren Millionen Mitwirkungsmeldungen, die unsere Künstler auf die Produktionen abgegeben haben, verknüpft und dann vergütet. Dahinter liegt eine komplexe Mathematik und eine nicht weniger komplexe IT-Architektur, in der Gelder, Nutzungs- und Repertoiredaten sowie Rechteinhaberschaften im Sinne des Verteilungsplans in Vergütungen umgerechnet werden.

Zwei Monate später werden die Jahre 2013 und 2014 schlussverteilt. "Endlich" werden viele unserer Berechtigten sagen. Auch wir bedauern sehr, dass diese Schlussverteilungen mehrfach verschoben werden mussten. Aber der Termin steht: Im August werden die noch nicht verteilten Gelder dieser Jahre an alle Berechtigten ausgeschüttet, die ihre Mitwirkungen an uns gemeldet haben und deren Produktionen genutzt wurden.

Grundsätzlich sind die Verteilzyklen, die das Verwertungsgesellschaftengesetz vorgibt, nichts für Ungeduldige. Zwischen dem eigentlich Nutzungsjahr einer Produktion und der finalen Verteilung der Gelder - der sogenannten Schlussverteilung - liegt laut Gesetz immerhin fast ein halbes Jahrzehnt. Der Grund dafür, dass die Verteilungen mehrere Jahre in Anspruch nehmen, sind die im Gesetz vorgesehenen Meldefristen von mindestens drei Jahren. In dieser Zeit müssen wir Vergütungen für alle potenziellen Rechteinhaber reservieren, die noch nicht bei der GVL oder einer unserer Schwestergesellschaften gemeldet haben. Konkret heißt das, dass wir z.B. bei einer TV-Serie Vergütungen für knapp 100 Mitwirkende reservieren müssen, bei einem Kinofilm sogar für mehr als 200. Sehr viele davon meldet sich bis zur Schlussverteilung nicht bei der GVL - davon profitieren alle jene Berechtigten mit Meldungen, auf die diese Gelder dann verteilt werden.

Mit Blick auf unsere Einnahmen werden wir als GVL viele der aktuellen Entwicklungen erst verzögert zu spüren bekommen: Je nach Dauer des Lockdowns rechnen wir derzeit mit erheblichen Einnahmerückgängen insbesondere im für die SchauspielerInnen so wichtigen Bereich der öffentlichen Wiedergabe. Die Verluste könnten im schlimmsten Fall bis zu 50 Prozent unserer Jahreserlöse im laufenden Jahr 2020 ausmachen - Geld, das unseren Berechtigten bei der Verteilung 2021 fehlen wird. Die langfristigen Konsequenzen von Corona können auch wir derzeit nur erahnen. Nicht zuletzt darum sehen wir hier die dringende Notwendigkeit von Künstlerhilfen für freiberufliche SchauspielerInnen, wie sie u.a. auch der BFFS fordert.

In dieser bewegten Zeit schätzen wir den BFFS als konstruktiven und kritischen Partner an unserer Seite. Seit seiner Gründung im Jahr 2006 stehen wir im engen Dialog und konnten die Vertreter des BFFS in unseren Gremien begrüßen. Seit 2019 vertritt der BFFS die Interessen der SchauspielerInnen auch als Gesellschafter der Künstlerseite. Aus dieser engen und intensiven Zusammenarbeit erhalten wir immer wieder wichtiges Feedback und Impulse, um unsere Arbeit zu verbessern.

Das System GVL ist so komplex, dass es vieler Erklärungen bedarf. Auch wenn wir es uns oft anders wünschen, gibt es bei der kollektiven Rechteverwertung leider keine einfachen Lösungen. Wir erleben auch, dass die Erwartungen an die Höhe der von der GVL ausgeschütteten Gelder oftmals nicht mit dem übereinstimmen, was das Verteilungssystem leisten kann. Aber wir haben verstanden, dass wir genau dies unseren Berechtigten noch besser vermitteln müssen und dass wir neben dem Dialog über unsere Delegierten und Gesellschaftern auch als Geschäftsführer stärker Gesicht zeigen müssen. Aus diesem Grund hat der BFFS gemeinsam mit der GVL am 4. Mai erstmals einen virtuellen Stammtisch durchgeführt. Über 200 Teilnehmer bestätigten uns in der Annahme, dass es noch viele Fragen zur GVL gibt. Fast drei Stunden haben bei weitem nicht gereicht, um alle Aspekte der GVL-Arbeit für SchauspielerInnen aufzugreifen und zu beleuchten.

Deswegen lädt der BFFS wieder am Montag, 25. Mai, zum zweiten gemeinsamen virtuellen SchauspielerInnen-Stammtisch mit der GVL ein. Auf der Agenda der Videokonferenz stehen unter anderem die anstehenden Abschlagszahlungen und nächsten Verteilungen. Wir freuen uns auf den Austausch und sind offen für alle Fragen."