Kino

"Aus Liebe zum Kino und den Kunden"

Das Kino Gelnhausen war eines der beiden ersten deutschen Filmtheater, die nach der Zwangsschließung bereits am 9. Mai wieder öffneten. Wir sprachen mit Betreiber Stephan Schneevogl über einen Betrieb unter Ausnahmebedingungen, die notwendigen Maßnahmen - und die wichtigste Frage überhaupt: Lohnt es sich schon jetzt, den Spielbetrieb wieder aufzunehmen?

15.05.2020 11:08 • von Marc Mensch
Stephan Schneevogl in seinem Kino Gelnhausen (Bild: Schneevogl KG)

Die durch die Corona-Pandemie bedingte Schließungszeit hat Stephan Schneevogl mit seinem Familienunternehmen, dem Kino Gelnhausen, ganz gut überstanden. Die Corona-Soforthilfe für Unternehmen vom Bund floss demnach schnell und war für ihn auch existenziell notwendig. Auf die beantragte Förderung von Hessenfilm wartet er indes noch. Die Schließungszeit hat er für kleinere Reparaturen im Kino genutzt, aber manche Arbeiten, wie die Buchführung, liefen auch trotz Schließung weiter. Für ihn war es aus Sicht des Marketings eine interessante Zeit, denn er war überrascht, welchen Stellenwert sein Kino in der Gemeinde hat.

Schon während der Schließung haben ihm viele Besucher Spenden angeboten. So entstand die Idee von Geistervorstellungen. Schneevogl hat Tickets online mit Platzreservierung für eine Vorstellung verkauft, die nicht stattfand. Sein Haus war ausverkauft. Als Dank haben die Schneevogls einen Stop-Motion-Film selbst produziert und den stattdessen live übertragen. Jetzt ist er auf der Homepage zu sehen. "Wir haben in dieser Zeit von unseren Kunden sehr viel zurückbekommen", freut sich Schneevogl, "das war sehr schön".

Nun konnte Stephan Schneevogl nach der überraschenden (und überraschend kurzfristigen) Ankündigung von Ministerpräsident Volker Bouffier, dass Kinos in Hessen ab 9. Mai den Betrieb wieder würden aufnehmen dürfen, sein Haus wieder öffnen. Wir sprachen mit ihm darüber, welche Maßnahmen, es umzusetzen galt, wie sich der Kinoalltag unter Ausnahmebedingungen gestaltet - und vor allem über den wirtschaftlichen Aspekt einer besonders frühen Öffnung.

BLICKPUNKT: FILM: Zwischen der Ankündigung des Ministerpräsidenten und der Wiedereröffnung lagen gerade einmal zwei Tage: Wie haben Sie die Wiedereröffnung so schnell organisieren können?

STEPHAN SCHNEEVOGL: Die Vorlaufzeit war tatsächlich sehr kurz. Als die Öffnungsmöglichkeiten der Kinos zum 9. Mai in Hessen angekündigt wurden, habe ich es erst nicht glauben können. Das Hygiene-Konzept haben wir in einer Nachtarbeit erstellt und auf unserer Homepage und über Social Media veröffentlicht. Wie haben Abstandsmarkierungen geklebt, Piktogramme aufgehängt. Wir haben eine Maximalzahl an Besuchern im Foyer festgelegt und ein Einbahnstraßensystem eingeführt. Schließlich haben wir morgens noch eine Plexiglas-Scheibe für den Kassenbereich montiert - und dann aufgemacht.

BF: Wie war die Resonanz in den ersten Tagen?

SCHNEEVOGL: Die Resonanz war aufgrund der kurzen Vorlaufzeit bescheiden. Am ersten Tag kamen elf, dann jeweils drei und vier Personen, am Mittwoch immerhin 17. Es muss sich erst noch herumsprechen, dass wir wieder aufhaben. Außer uns hat ja nur ein weiteres Kino in Hessen sofort eröffnet.

BF: Mit einem normalen Betrieb im Mai sind diese Besucherzahlen ja wohl kaum vergleichbar?

SCHNEEVOGL: Wir sind jenseits jeder Wirtschaftlichkeit. Wir haben zwei Säle, das Pali mit 280 Plätzen und das Casino mit 220 Plätzen. Alleine mit unserem guten Kinderprogramm hätten wir an so einem Wochenende sicherlich hundert Kinder in den Kinos gehabt. Gerade diese letzten Monate mit Ostern und anderen Feiertagen sind normalerweise wirtschaftlich sehr interessant. Da sind immer auch sehr viele Filme auf dem Markt. Jetzt bewegen wir uns dagegen auf das Sommerloch zu.

BF: Bereuen Sie schon, geöffnet zu haben?

SCHNEEVOGL: Wir haben zwei große Säle, da kann man den geforderten Abstand leicht hinbekommen. Ich habe keinen Personalaufwand, meine 15 Minijobber, die mich abends unterstützen, damit ich auch mal nach Hause komme, verzichten zurzeit auf Gehalt, weil sie alle noch andere Jobs haben. So organisieren meine Frau und ich den Kinobetrieb im Moment alleine. Als Familienbetrieb in einem kleinen Ort mit einem großen Saal ist das machbar. Von der Popcorn-Küche bis zur Buchhaltung erledigen wir alles selbst. Nun mache ich nach jeder Vorstellung einen Kontrollgang, reinige die Toiletten und desinfiziere alles, was jemand anfassen könnte. Die Besucherzahlen war in der ersten Woche unglaublich niedrig, aber wir haben für die zweite Woche schon mehr Buchungen, so dass ich überlege, ob ich das Casino als zweiten Saal mit dem gleichen Film dazu nehme. Dann würde ich vielleicht auf eine bessere Auslastung kommen.

BF: Woran haben Sie sich beim Hygiene- und Sicherheitskonzept orientiert? Ist es mit den Behörden abgestimmt?

SCHNEEVOGL: Beim HDF gab es einen gut gemachten Schutz- und Infektionsplan, den haben wir als Blaupause benutzt. Hinzu kam die Verordnung vom Land Hessen mit einer Fünf-Quadratmeter-Abstands-Regelung. Aus den Vorschlägen des HDF und den Verordnungen des Landes Hessen habe ich mein Hygiene-Konzept entworfen. Ich habe dann noch einmal nachgefragt, ob ich das mit dem Gesundheitsamt abstimmen muss, doch das war nicht gefordert. Ich musste es nur öffentlich bekannt machen, zum Beispiel auf der Kino-Homepage. Die schwierigste Frage war die Platzierung im Saal und wer zusammen sitzen darf. In Hessen gilt: eine Person und eine weitere, Haushaltsmitglieder und die zusammen mit einem befreundeten Haushalt. Die Plätze vor den Besuchern, die zusammen sitzen dürfen, die dahinter sowie zwei an jeder Seite müssen frei bleiben. Ich habe also keine feste Platzzahl, die ich verkaufen kann, sondern muss darauf reagieren, in welcher Konstellation die Besucher kommen.

BF: Haben Sie bereits Erfahrungen gemacht, aufgrund derer Sie ihre Maßnahmen angepasst haben?

SCHNEEVOGL: Wir müssen Listen mit Namen, Adresse und Telefonnummer der Besucher anlegen - wegen der Nachverfolgung, falls eine Infektion auftritt. Da hatte ich zuerst nur einen Kugelschreiber ausgelegt. Nun haben wir eine Kiste, aus der wir jedem Besucher einen unberührten Kugelschreiber geben. Wir tragen Handschuhe. Nach Gebrauch desinfiziere ich die Schreiber. Und wir müssen den Auslass so organisieren, dass die Besucher einer beendeten Vorstellung nicht auf jene treffen, die zur nächsten Vorstellung kommen. Wir können also nicht so viele Vorstellungen ansetzen, denn wir benötigen eine Pause von etwa 45 Minuten dazwischen, um den Saal und die Toiletten zu reinigen.

BF: Wie steht es um die Disziplin des Publikums?

SCHNEEVOGL: Das war bisher kein Problem. Die Menschen sind ja auch schon trainiert. Im Zweifelsfall müssen wir unser Hausrecht walten lassen. Ohne Maske gäbe es keinen Einlass. Ich hatte eine Gruppe mit fünf Jugendlichen, da musste ich darauf bestehen, dass jeweils zwei zusammen und einer alleine sitzt. Kontrollieren muss ich die Haushaltszugehörigkeit zum Glück nicht, aber die Besucher-Listen, die wir anlegen müssen, geben darüber Auskunft.

BF: Verursachen die Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen bei Ihnen per se Mehrkosten?

SCHNEEVOGL: Durch Desinfektionsmittel oder den Einbau von Plexiglas entstehen Kosten. Die Mehrarbeit, die entsteht, rechne ich in meinem Fall nicht, aber in anderen Häusern mit Personal würde das alles sicherlich deutlich höhere Kosten verursachen. Mit unserem zweiten Kino bräuchte auch ich mehr Leute. Ich muss schauen, ob es Sinn macht, noch mehr zu machen - oder Montag und Mittwoch zu schließen.

BF: Ist der Ticketkauf auch vor Ort möglich?

SCHNEEVOGL: Beim Online-Ticketing habe ich den Verkauf jetzt auf 45 Karten festgelegt, damit ich die Leute, die an der Kasse kaufen, noch platzieren kann. Die Besucher kaufen Tickets mit freier Platzwahl. Anhand meines Saalplans weise ich die Plätze zu. So kann ich je nach Besuchergruppen den Saal füllen und die Abstandsregeln einhalten. Als in den ersten Tagen die Vorstellungen wenig besucht waren, haben sich die Besucher die Plätze frei ausgesucht und ich habe dann noch mal geschaut, ob alle Abstände richtig eingehalten sind. Das hat gut geklappt.

BF: Wie steht es um den Verkauf von Concessions?

SCHNEEVOGL: Das geht ab dem 15. Mai, wenn in Hessen die Gastronomie wieder öffnen darf.

BF: Nach welchen Kriterien haben Sie das Programm ausgewählt?

SCHNEEVOGL: Die Filme, die auf dem Markt sind, hatten wir vorher schon gespielt, ich hätte sie im normalen Betrieb längst abgesetzt. Nun habe ich sie wieder aufgenommen, wie z.B. Die Känguru-Chroniken". Zusätzlich habe ich Klassiker gespielt, die ich auf dem Server habe. Mit Pretty Woman" und Zurück in die Zukunft" kann man an sich keine großen Kundenströme anlocken. Doch gerade die wurden jetzt gebucht. Den Besuchern ging es wohl hauptsächlich darum, kulturell wieder etwas zu machen.

BF: Wie problematisch wird das Warten auf Neustarts?

SCHNEEVOGL: Wir haben keine gute Ware. Die Forderung, dass alle Kinos gleichzeitig öffnen, ist sinnvoll. Die Kinos müssen mit den Verleihern Konzepte entwickeln, wie wir mit Filmen versorgt werden. Sicherlich ist es schwierig für die Verleiher, dass wir nur mit einer minimalen Auslastung arbeiten können. Man kann eben nicht vom normalen Betrieb ausgehen. Aber wenn alle Kinos aufhätten und auf eine Auslastung von einem Drittel kämen, wäre es für die Verleiher vielleicht machbar, wenigstens ein paar Filme zu starten. Es müssen ja nicht die großen Blockbuster sein. Ich warte schon sehr darauf, dass die ersten Verleiher endlich mit Angeboten kommen.

BF: Setzen Sie dafür denn eher auf Arthousefilme?

SCHNEEVOGL: Das ist leider schwierig. Nachdem es einen Schwund an jungem Publikum in den letzten Jahren gab, haben wir die Best Ager gezielt mit einem Arthouse-Programm angesprochen. Das ist aber jetzt gerade die Zielgruppe, die nun Angst hat, ins Kino zu kommen, weil sie zur Risikogruppe gehört. Man muss sich beim Programm ein bisschen in sein Publikum einfühlen und ausprobieren, was geht. Wir spielen jetzt jeden Tag einen anderen Film. Im Normalfall sind wir von den Verleihern vertraglich dazu verpflichtet, sieben Tage die Woche einen Film von der Mittags- bis zur Abendvorstellung zu spielen. Dieser Vertragsdruck ist nun nicht da. So kann ich jetzt viel freier das Programm gestalten.

BF: Unter dem Strich: Lohnt es sich wirtschaftlich, schon jetzt zu öffnen?

SCHNEEVOGL: Nein, tut es nicht. Ich mache es aus Liebe zum Kino und zu unseren Kunden. Mit der Öffnung des Kinos gibt es wieder eine Möglichkeit, kulturell zu arbeiten. Wirtschaftlich ist es total unrentabel. Es funktioniert auch nur, weil ich alles alleine mache. Das gilt ja für die wenigsten Kinos.

Das Gespräch führte Herdis Pabst.