Kino

KOMMENTAR: Hätte hätte Fahrradkette

Wie würden wir im Moment auf das Kinojahr 2020 blicken, wenn der Welt nicht Mitte März der Boden unter den Füßen weggezogen wäre?

14.05.2020 08:05 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Wie würden wir im Moment auf das Kinojahr 2020 blicken, wenn der Welt nicht Mitte März der Boden unter den Füßen weggezogen wäre? Die Känguru-Chroniken", die letzte Nummer eins in den deutschen Kinos vor dem Lockdown, wäre längst der erfolgreichste deutsche Film des laufenden Jahres. 1,5 Mio. Besucher für Dani Levys köstliche Komödie? Nicht unwahrscheinlich. Ende März hätte Disney erfolgreich versucht, an das Erfolgsjahr 2019 anzuknüpfen: Unter allen Realneuverfilmungen bekannter Animationsklassiker sah "Mulan" wie der Film aus, der am meisten wagt, sich aber auch am meisten zutraut: Zahlen wie bei "Der König der Löwen" wären wohl unwahrscheinlich, aber der Film hätte gepunktet und im Anschluss in den Osterferien genug Zeit gehabt, dank Mundpropaganda Fans für sich zu gewinnen. Die große Nummer wäre natürlich der neue Bond gewesen: Die Vorfreude auf den ersten 007 seit fünf Jahren, noch dazu der letzte Auftritt von Daniel Craig, war gewaltig. Dass Keine Zeit zu sterben" nahtlos an die überwältigenden Zahlen seiner beiden Vorgänger, die nach Umsatz erfolgreichsten Bond-Filme überhaupt, angeschlossen hätte, ist nicht unrealistisch. Natürlich hätten wir im April auch wieder übers Wetter gesprochen, wie viel besser die Filme hätten abschneiden können, wenn sie nicht fast einen Monat lang gegen Sonnenschein und erstmals sommerliche Temperaturen hätten kämpfen müssen. Black Widow" hätte es da Anfang Mai besser gehabt, die Rückkehr des MCU. Ende März hätte sich der Blick auch gen Las Vegas gerichtet, zur Cinemacon, wo Hollywood nicht nur wieder eine große Show hingelegt hätte, sondern man auch wieder genug Energie und Selbstvertrauen hätte tanken können, um den nicht einfacher werdenden Herausforderungen mit Zuversicht entgegen zu blicken. Der Kinokongress hätte kurz darauf in dieselbe Kerbe geschlagen. Das Filmfest München wäre nicht - wie fast alle anderen Festivals - abgesagt worden. Und jetzt wären wir wieder vor Ort in Cannes, wo vor einem Jahr "Parasite" und Once Upon a Time in Hollywood" Triumphe feierten und die ungebrochene Vitalität des Mediums Films unter Beweis stellten, um wieder mitzuerleben, dass es eben doch nichts Besseres gibt, als die neuen Werke der besten Filmemacher an der Croisette auf der größten Leinwand zu sehen.

Sicher, überall hätte man auch Haare in der Suppe gefunden. Aber wir wären nicht zur Untätigkeit, zur Hilflosigkeit, zum Ausharren in einem ungewissen Limbo gezwungen gewesen, das die Branche und uns alle vor eine nie dagewesene Belastungsprobe stellt. Jetzt werden die Kinos nach und nach wieder geöffnet. Lassen Sie uns gemeinsam alles daran setzen, gebührend nachzuholen, was uns die letzten zwei Monate entgangen ist.

Thomas Schultze, Chefredakteur