Kino

"Wir brauchen einen Kinoinfrastrukturfonds"

Den von der BKM angekündigten Sonderpreis für Programmkinos lobt die AG Kino-Gilde ausdrücklich als "bedeutendes Signal". Die Gelegenheit nutzt der Verband aber auch, um noch einmal nachdrücklich auf die Notwendigkeit weitergehender Unterstützung aufmerksam zu machen - und die Forderung nach einem Fahrplan zur Wiedereröffnung der Kinos zu wiederholen.

04.05.2020 13:10 • von Marc Mensch
Christian Bräuer (Bild: AG Kino-Gilde)

Dass der bereits am Donnerstag von uns vermeldete Schritt der BKM, einen Sondertopf in Höhe von fünf Mio. Euro als Hilfsmaßnahme für alle Kinos bereit zu stellen, die innerhalb der vergangenen drei Jahre einen Kinoprogrammpreis der BKM erhalten haben, branchenweit auf sehr unterschiedliche Reaktionen stößt, liegt auf der Hand. Zu den klaren Befürwortern zählt naturgemäß die AG Kino-Gilde, die Kulturstaatsministerin Monika Grütters ausdrücklich für diese Maßnahme dankt: "Dies ist ein bedeutendes Signal zum Erhalt der Kino- und Programmvielfalt in Deutschland", so deren Vorstandsvorsitzender Christian Bräuer. "Denn mit ihren vielfältigen Programmen bringen die Kinos nicht nur Filmkunst in die Nachbarschaft und bereichern das kulturelle Leben vor Ort. Durch ihr Herzblut und Engagement können erst Filme wie 'Systemsprenger' oder 'Parasite' zum Phänomen werden." Auch für die vorzeitige Vergabe der diesjährigen Kinoprogrammpreise und die Ankündigung, die Förderbedingungen für das Zukunftsprogramm Kino zu erleichtern, gelte es laut Bräuer, "Monika Grütters und ihrem Team sowie den Abgeordneten im Kulturausschuss des Deutschen Bundestages ausdrücklich zu danken".

Gleichzeitig weist der Verband aber noch einmal ausdrücklich auf die extrem angespannte Situation hin, in der sich die Branche nach gut siebenwöchiger Schließung der Kinos befinde. Kinos, die mit ihrem "hohen gesellschaftlichen und kulturellen Engagement" nicht alleine "dem Prinzip der Gewinnmaximierung" folgten und die nicht über jene Rücklagen verfügten, die gerade jetzt erforderlich seien. Zugleich belaste sie eine hohe Grundkostenstruktur durch oft hohe Mieten und die Tatsache, dass viele ihrer Beschäftigten nicht unter die Regelungen zur Kurzarbeit fielen. Vielerorts seien vor diesem Hintergrund "enorme Defizite" aufgelaufen. Verschärft wird die Situation dadurch, dass sich die bisher bekannten Hilfsprogramme primär an Kleinstbetriebe oder Industrie und Konzerne richteten und damit für den Kulturort Kino, der sich an der Schnittstelle zwischen Kultur und Wirtschaft befinde, nur zum Teil geeignet seien.

Mit dem Ausbau der Filmförderung über die vergangenen Jahre habe die Kulturstaatsministerin bereits einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der sogenannten "Siebten Kunst" geleistet, nun müsse man den Fokus auf den Erhalt der kulturellen Infrastruktur legen. "Gerade kulturell anspruchsvolle Filme brauchen jedes einzelne Kino und jeden einzelnen Zuschauer, damit sie überhaupt entstehen können. Ansonsten geht uns eine ganze Kunstform verloren", so Bräuer.

Eine der wesentlichen Forderungen des Verbandes ist die baldige Aufstellung eines Fahrplans zur Wiedereröffnung der Kinos spätestens im Juli. In diesem Kontext verweist man erneut darauf, dass gerade Filmtheater über die räumlichen Gegebenheiten verfügte, Hygienekonzepte mit Abstandsregeln umzusetzen. Hoffnung dürfte den Kinos in diesem Zusammenhang die gemeinsame Initiative von Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Niedersachsen machen, die im Rahmen eines Drei-Stufen-Plans laut der Hannoverschen Zeitung auch für Kino-Wiedereröffnungen ein konkretes Datum ins Auge gefasst haben. (Und Verfassungsrang der Religionsausübung hin oder her: Wenn Gottesdienste in geschlossenen Räumen gesundheitlich unbedenklich sein sollen, lässt sich eine grundsätzliche Untersagung zahlreicher anderer Aktivitäten nicht mehr vernünftig begründen. Anm.d.Red.)

In Ermangelung eines Fahrplans ist natürlich umso weniger abzusehen, wann es in der Filmbranche wieder einen Normalbetrieb wird geben können. "Mit erforderlichen Abstandsregeln wird es auch nach der Wiederaufnahme des Spielbetriebs lange dauern, bis die Kinos zum Business-as-usual zurückkehren", so Bräuer. Ergo bedürfe es trotz einer so "bedeutungsvollen Soforthilfe" wie dem Sonderpreis der BKM eines Kinoinfrastrukturfonds, solle das Bestehende nicht auf Dauer gefährdet werden. Und, so könnte man der Erklärung der AG Kino-Gilde hinzufügen, sich bisher gewährte Hilfen nicht im schlimmsten Fall als wirkungslos verpufft erweisen.

Abschließend verweist der Verband noch auf die Gefährdung der künstlerischen Vielfalt durch eine potenzielle (weitere) Konzentration von Marktmacht, wie sie sich als eine der Folgen des Ausbruchs der spanischen Grippe im Jahr 1918 gezeigt habe. Die zuvor vielfältige und unabhängige US-Filmbranche habe sich auch im Zuge dieser Pandemie und der durch sie ausgelösten wirtschaftlichen Schäden gewandelt - und in der Folge hätten wenige Studios über Jahrzehnte "Bedingungen in der Produktion, der Distribution und beim Abspiel" diktiert.

Hauptfokus der gesamten Filmbranche müsse es daher sein, so die AG Kino-Gilde, "in der jetzigen Krise das wirtschaftliche Überleben so vieler Marktteilnehmer wie möglich zu sichern. Denn schon vor der Corona-Krise schritt die Marktkonzentration in allen Segmenten der Filmwirtschaft rasant voran."