Kino

Michael Bully Herbig: "Sowas hat der deutsche Kinofilm nicht verdient!"

Michael Bully Herbig, einer der erfolgreichsten und populärsten deutschen Filmemacher und bis vor zwei Jahren Mitglied der Filmakademie, findet, dass der Deutsche Filmpreis dem deutschen Kinofilm nicht nur nicht gerecht wird, sondern ihm sogar schadet. Nach der jüngsten Verleihung will er mit seiner Kritik nicht länger hinter dem Berg halten.

27.04.2020 09:09 • von Barbara Schuster

Michael Bully Herbig, einer der erfolgreichsten und populärsten deutschen Filmemacher und bis vor zwei Jahren Mitglied der Filmakademie, findet, dass der Deutsche Filmpreis dem deutschen Kinofilm nicht nur nicht gerecht wird, sondern ihm sogar schadet. Nach der jüngsten Verleihung will er mit seiner Kritik nicht länger hinter dem Berg halten.

Reihen Sie sich nach der leicht missglückten Filmpreisverleihung, die wegen der Corona-Krise in einem dunklen, menschenleeren Studio stattfand, nun in die Riege der Kritiker der Deutschen Filmakademie ein?

Michael Bully Herbig: Um vorab eines unmissverständlich klarzustellen. Dies ist keine pauschale Kritik an der Deutschen Filmakademie. Initiativen, Nachwuchsförderung oder auch der Vorsatz, Filmschaffende an einen Tisch zu bekommen und für Austausch zu sorgen - alles richtig. Aber die Filmakademie hat einen schweren Geburtsfehler, und das ist der Deutsche Filmpreis.

Aber was spricht dagegen, dass die Mitglieder der Akademie jedes Jahr die besten Filme und Kreativen würdigen?

Michael Bully Herbig: Der Deutsche Filmpreis gehört der BKM, und sie haben sich die Mitglieder der Akademie quasi als "Jury" ausgeliehen. Die Lola ist ein politisch geförderter Preis, und es geht um Fördergelder. Und das beeinflusst - bewusst oder unbewusst - das Wahlverhalten vieler Mitglieder. Erst recht, wenn sie nicht mal alle Filme, die zur Auswahl stehen, gesehen haben. Faktisch ist es so, dass sich nur ein geringer Bruchteil der Wahlberechtigen alle Filme komplett anschaut.

Aber auch Sie waren viele Jahre ein wichtiges Mitglied der Filmakademie...

Michael Bully Herbig: Ich war 14 Jahre Mitglied und bin vor zwei Jahren aus der Akademie ausgetreten. Eher still und leise, um eine Diskussion um meine Person zu vermeiden. Es heißt ja dann sofort, da ist jetzt aber einer beleidigt. Aber ich habe schlichtweg aufgegeben.

Warum haben Sie sich nicht für Veränderungen stark gemacht?

Michael Bully Herbig: Glauben Sie mir, ich hab' echt gekämpft. Nachdem ich sogar die ersten drei Filmpreis-Verleihungen moderiert habe, musste ich leider feststellen, dass der Kreativität Grenzen gesetzt sind. Es fehlt die Leichtigkeit. Die Diskussionen im Vorfeld sind zum Teil hanebüchen. Ich habe als Mitglied alles durchlebt. Der Aufbruchsstimmung nach der Gründung der Akademie, folgte bald Ernüchterung, Hilflosigkeit, Kapitulation. Angeblich stehen 80 Prozent der Filmschaffenden in der Akademie für das sogenannte Arthouse-Kino. Was soll ich sagen, ich gehe ja auch nicht in einen Club, wo nicht meine Musik gespielt wird.

Und worauf genau zielt Ihre Kritik am Deutschen Filmpreis?

Michael Bully Herbig: Es liegt mir fern, die Entscheidungen im Rahmen des Deutschen Filmpreises zu kritisieren. Es ist, wie es ist, und dafür gibt es Gründe, die man akzeptieren, aber nicht unbedingt verstehen muss. Mir geht es hier um etwas viel Wichtigeres als "Preise" oder "Fördergelder". Es geht mir schlicht um das Ansehen und die Wahrnehmung des "deutschen Films".

Aber ist nicht der Deutsche Filmpreis gerade dazu da, um das Ansehen des deutschen Kinofilms zu stärken und ihn einem Millionenpublikum im Fernsehen näher zu bringen?

Michael Bully Herbig: Wenn man sich die Filmpreis-Verleihungen der letzten Jahre so angesehen hat, musste man leider feststellen, dass diese Veranstaltung komplett aus der Zeit gefallen ist. Der TV-Zuschauer empfindet die Show als uninspiriert und langweilig. Die Einschaltquote ist dafür ein schmerzhafter Beweis. Anstatt das Publikum mit einer Show für den deutschen Film zu begeistern, werden die Zuschauer regelrecht verscheucht. Der Filmpreis hat - außerhalb der Branche - keinerlei Relevanz mehr. Schlimmer noch, diese Show ist ein Image-Killer für den deutschen Film. Die Menschen vor den Bildschirmen empfinden den "Filmpreis" als reine Selbstbeweihräucherung. Sie können auch nicht nachvollziehen, warum Filme mit so viel Geld subventioniert werden, weil sie das System schlichtweg nicht verstehen.

Ist dieses Urteil nicht sehr hart, wenn ich auch zugeben muss, dass die letzte Corona-Notverleihung im abgedunkelten, leeren Studio fast wie ein Requiem wirkte?

Michael Bully Herbig: Die letzte Preisverleihung war ein Desaster. Ein Trauerspiel. Ich kann die Füße einfach nicht mehr still halten. So etwas ist durch nichts zu entschuldigen. Auch nicht durch einen schlimmen Virus! Hier kränkelt etwas ganz anderes! Nichts gegen die Kollegen, die tapfer auf der Bühne standen. Sie haben alles gegeben, wollten wahrscheinlich einfach nur helfen. Ich hatte großes Mitleid und war peinlich berührt. Filmpreisträger, die jubelnd in ihrem Wohnzimmer sitzen, haben jede Form von Glanz und Glamour verloren. Sie haben mehr Würde verdient! Wie kann man so etwas nur zulassen? Dem TV-Publikum so etwas Armseliges vor die Nase zu setzen, ist verantwortungslos. Sowas hat der deutsche Kinofilm nicht verdient. Wenn man das "deutsche Kino" repräsentieren und die Leute dafür begeistern will, muss sich etwas grundsätzlich ändern. Und zwar schnell. Das Kino hat momentan schon genug Probleme.

Was also schlagen Sie vor?

Michael Bully Herbig: Ich kenne die große Angst vieler Produzenten, dass die Fördergelder gestrichen werden könnten. Aber warum macht man dann nicht eine Art "Lola-Festival"? Eine Veranstaltung, die erst gar nicht im TV übertragen wird. Über einen gewissen Zeitraum, könnten sich die Akademie-Mitglieder und ein interessiertes Publikum die Filme im Kino ansehen oder streamen - vielleicht sogar mit reduzierten Ticketpreisen! Die Sache bekäme Aufmerksamkeit und einen respektvollen Rahmen. Die Lola-Gewinner/innen können gewählt werden, sie bekommen ihre Förderung, und der Kulturauftrag ist erfüllt.

Schwingt da auch Bedauern mit, dass Ihre Filme, die ihren Erfolg beim großen Publikum finden, einen schweren Stand im Rennen um den Filmpreis haben?

Michael Bully Herbig: Sie können mir glauben, es geht mir bei der ganzen Diskussion weder um mich, noch um meine Filme. Bei uns im Büro stehen über 60 Auszeichnungen, ich hab' genug davon. Es sind sogar drei Deutsche Filmpreise für "Der Schuh des Manitu" dabei, die stammen allerdings noch aus der Zeit vor der Deutschen Filmakademie und sind Sonder- und Publikumspreise. Auf meine Initiative hin wurde 2003 der Publikumspreis sogar abgeschafft, weil ich wollte, dass kommerziell erfolgreiche Filme nicht wie "Sonderlinge" behandelt werden. Leider wurde diese Kategorie mit der Bezeichnung "besucherstärkster Film" vor ein paar Jahren wieder eingeführt. Ich halte das nach wie vor für einen Fehler.

Dennoch tun sich Filme, die die großen Kinosäle füllen und mit der Konkurrenz aus Hollywood mithalten wollen, schon in der Vorauswahl und bei der Abstimmung über den Deutschen Filmpreis traditionell schwer. Warum ist das so?

Michael Bully Herbig: Die meisten Mitglieder der Akademie wählen nicht objektiv! Es wird nicht immer die beste Leistung ausgezeichnet, entscheidend sind oft andere Faktoren. Es gibt Mitglieder, die sprechen auch ganz ungeniert darüber, dass sie ihre Stimme lieber denjenigen geben, die das Geld dringender für ihr nächstes Projekt benötigen. Auch die Sympathie und Vernetzung spielen eine größere Rolle. Hier ist etwas gewaltig in Schieflage geraten, und die Akademie kriegt dieses Problem einfach nicht in den Griff.

Ich finde es sehr schade, dass darüber Leistungen von Künstlern und Kreativen in großen Publikumsfilmen nur selten Berücksichtigung finden.

Michael Bully Herbig: Dem Team von "Ballon" hatte ich bereits während der Produktion gesagt, dass sie sich keine Hoffnungen auf einen Deutschen Filmpreis machen sollten. Meine Filme spielen grundsätzlich - seit Gründung der Filmakademie vor 17 Jahren - beim Filmpreis keine Rolle. Ich war also nicht sonderlich enttäuscht oder überrascht. Mir tut diese Tatsache in erster Linie für die Teammitglieder leid. Auch aus solchen Gründen fühlen sich viele Filmemacher, die dem Mainstream zugeordnet werden, bei der Deutschen Filmakademie nicht wirklich Zuhause.

Wenn man in den Leserforen unter den Berichten zur Filmpreis-Verleihung nachliest, findet man dort wenig Verständnis und heftige Kritik an dieser Feier der Filmbranche. Fühlen Sie sich dadurch in Ihrer Kritik bestärkt?

Michael Bully Herbig: Wie schon gesagt, es geht mir ganz allgemein um den schlechten Ruf dieser Veranstaltung: Der "Deutsche Filmpreis" in dieser Form schadet unserer Filmbranche. Er verunstaltet das Ansehen des deutschen Films beim Publikum. Wer das noch nicht realisiert hat, ist naiv, verdrängt das Problem oder will es einfach nicht wahrhaben. Während sich manch einer die Sache schön redet, wendet sich das Publikum ab! Es bringt den Deutschen Film nicht weiter, wenn sich ein paar hundert Mitglieder der Deutschen Filmakademie nach der Verleihung auf die Schulter klopfen und alles so schön emotional fanden.

Gibt es nicht auch in der Führung der Filmakademie Bestrebungen, die Veranstaltung zu erneuern?

Michael Bully Herbig: Der Filmakademie sind die Hände gebunden. Deshalb ist es wohl eher eine Frage der Zeit, bis ein frischer und undotierter "Filmpreis" entsteht. Und zwar unabhängig von der Deutschen Filmakademie und der Politik. Einen "Spagat" wird es nicht geben, da die Interessenkonflikte leider viel zu groß sind.

Wie und unter welcher Führung könnte ein "alternativer" deutscher Filmpreis zustande kommen?

Michael Bully Herbig: Es gibt seit längerer Zeit Gespräche, und es gäbe längst Ideen und ein Konzept für eine zeitgemäße Show, die dem Zuschauer zeigt, was der deutsche Film kann. Wie vielfältig das deutsche Kino ist. Eine Show fürs Publikum und von der Politik befreit. Ob es so einen neuen Filmpreis jemals geben wird, liegt an dem Willen der Studios, an den Verleihern, den Kinoketten und auch dem Kinoverband. Es funktioniert nur, wenn sich alle an einen Tisch setzen.

Dürfen wir uns dann auf eine Veranstaltung freuen, bei der Sie eine tragende Rolle spielen, so wie Sie drei Jahre lang die damals neue Form des Deutschen Filmpreis moderiert haben?

Michael Bully Herbig: Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Ich bewerbe mich hier nicht als Moderator oder Show-Produzent, dafür gibt es geeignetere Kollegen. Mir liegt der "deutsche Film" und sein Image einfach nur sehr am Herzen. Und ich möchte nicht länger dabei zusehen, wie etwas kaputt gemacht wird, was ich liebe.

Das Gespräch führte Ulrich Höcherl