Kino

Panel-Diskussion: Wie kann der Kino-Neustart in Deutschland gelingen?

Auf einem virtuellen Panel von Comscore haben sich Film- und Kinoschaffende sowie Analysten zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den deutschsprachigen Kinomarkt ausgetauscht.

24.04.2020 11:24 • von Michael Müller
Die Teilnehmer des virtuellen Comscore-Panel (Bild: Comscore, Screenshot)

Die Marktforschungsfirma Comscore hat am Donnerstag ein Webinar zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den deutschen und österreichischen Kinomarkt abgehalten. Per Videochat leitete der General Manager von Comscore Movies, Bernd Zickert, die Runde.

Zur Einleitung illustrierte Zickert mit Grafiken die Auswirkungen des Virus auf die internationalen Kinomärkte. Über die Märkte in Österreich und Deutschland sagte er, dass sie bis Ende Februar im Vergleich zum Vorjahr im Plus lagen. Derzeit seien diese beiden Märkte dann 30 Prozent hinter 2019. Im Zeitraum von April bis August generiere der deutsche Markt normalerweise rund 40 Prozent der Kinobesucher. Das sehe in anderen Ländern wie Großbritannien, Spanien oder Portugal anders aus. Da liege der Anteil bei mehr als 50 Prozent. "Wir in Deutschland haben da - muss man fast sagen - die glückliche Situation, dass die Leute im Sommer vielleicht ein bisschen weniger ins Kino gehen", sagte Zickert.

Von einem "kleinen Lichtblick" nach der Schließung der Kinos sprach Zickert im Bezug auf die Autokinos. Es zeige sich ein reger Spielbetrieb und ein reges Publikumsinteresse bei den bestehenden und neu gestarteten Autokinos. In März erfasste Comscore systematisch fünf Autokinos, im April sind es schon rund 20 bundesweit. Die Theaterleiter des Autokinos Gravenbruch bei Frankfurt am Main, Heiko Desch, wünschte sich, dass das gestiegene Interesse an den Autokinos auch eine nachhaltige Wirkung haben werde.

Er beschrieb, wie der Lockdown die einzelnen Standorte in Essen, Köln, bei Stuttgart und München so wie eben in Neu-Isenburg betraf. Ab 18. März hatte das Autokino in Kornwestheim die Erlaubnis der Stadt zur Öffnung unter strengen Sicherheitsvorschriften bekommen. In Essen gab es am 19. März eine allgemeine Verfügung der Stadt, dass alle Kinos mit der Ausnahme des Autokinos zu schließen haben. In Köln habe die Überzeugungsarbeit bei den örtlichen Behörden etwas länger gedauert, nämlich bis zum 3. April. Zu diesem Zeitpunkt habe dann auch das Land Nordrhein-Westfalen gesagt, dass es diese Regelung vereinheitlichen wolle. "Das war dann auch der Zeitpunkt, als die neuen Autokinos wie die Pilze aus dem Boden geschossen sind", sagte Desch. Am 20. April kam im Zuge der bundesweiten Lockerungen das Autokino Gravenbruch noch hinzu. Bei den Autokinos in Stuttgart und Essen habe es im Vergleich zum Vorjahr Zuschauerzuwächse von 300 bis 400 Prozent gegeben, so groß sei die Nachfrage.

Der Chief Analyst von Gower Street Analytics, Thomas Beranek, der sich bei seiner Arbeit mit Prognosemodellen für die Film und Kinowirtschaft beschäftigt, stellte ein fünf-Stufen-Modell für die Wiederaufnahme des Kinospielbetriebs vor. Deutschland stehe bei den Verlusten von 123 Millionen Euro durch die Corona-Pandemie im internationalen Vergleich noch "halbwegs positiv" da. Das hänge damit zusammen, dass die aktuelle Monate nicht zu den umsatzstärksten gehörten. In seinem Modell gibt es fünf Kennziffern, an denen der Fortschritt der Marktgenesung gemessen werden könne. Stufe eins ist der Starttag, an dem die Kinos bereit sind, zumindest halbwegs normal zu agieren. Die Stufe sei erreicht, wenn eine kritische Mehrheit an Kinos eröffnet hat - also eine Kinomenge, die 80 Prozent des üblichen Marktanteils repräsentiert. Für Deutschland seien das mindestens 400 Kinos.

Die zweite Stufe ist der Basistag, der dem niedrigsten Tageswert entspricht, der in den vergangenen zwei Jahren erreicht wurde. Das waren 2018/19 55.000 Besucher. Stufe drei ist die Basiswoche. Das Wochenäquivalent wären 700.000 Besucher. Stufe vier ist die substanzielle Woche, wo der Durchschnittswert der vergangenen zwei Jahre, nämlich zwei Millionen Menschen, erreicht wird. In dieser Phase wird ein "überzeugendes Filmangebot" benötigt, um auf dieses Besucherlevel zu kommen. Die finale Stufe definiert sich durch das Erreichen von Werten aus dem obersten Bereich der Vergleichsjahre 2018/19. Das wären in Deutschland 2,5 Millionen Besucher. Dann wäre der Markt wieder am Punkt vor der Krise angelangt.

Die Stufen beziehen sich auf drei Akteure: die Kinobetreiber, die Kinozuschauer und die Verleiher. Beranek warnte vor dem schlechtesten Fall: Wenn Kinos nicht öffnen wollen, weil kein entsprechendes Produkt da ist, und die Verleiher kein Produkt herausbringen wollen, weil die Kinos nicht aufmachen." Als negatives Beispiel für diesen Teufelskreislauf nannte er Taiwan, wo Kinos aktuell trotz der Pandemie begrenzt offen sind, aber die Menschen wegen der Ängste und dem fehlenden Produkt wenig davon Gebrauch machten.

Der "Das Kinofest"-Repräsentant Mychael Berg sprach darüber, dass das Kinofest in der Form, wie es geplant war, 2020 nicht in Deutschland stattfinden wird. Es sei auf das nächste Jahr verschoben. Wahrscheinlich werde es aufgrund der Bundesländer 2020 keinen gemeinsamen Kinostart geben - möglicherweise gebe es sogar von Stadt zu Stadt Unterschiede. "Ein Kinofest beinhaltet die Absicht, möglichst viele Leute mit möglichst viel Begeisterung für ein Fest zusammenzubringen. Das ist leider der fundamentale Widerspruch bei der Geschichte", kommentierte Berg. Das eine schließe das andere weitgehend aus. Das hieße nicht, dass die Findung von anderen Varianten nicht möglich sei. Aber das eigentlich geplante große Kinofest, das in Deutschland und Österreich stattfinden sollte, sei so in der Form nicht machbar. Aber die Vorbereitung sei "unglaublich fruchtbar" gewesen, weil sich viele verschiedene Marktteilnehmer positiv eingebracht hätten. Das könne zu einer Kampagne der Wiedereröffnung eingebracht werden. Nur werde diese Kampagne eben anders aussehen als die Kampagne, die ursprünglich für das Kinofest geplant war.

Der Geschäftsführer der Constantin Film Verleih GmbH, Oliver Koppert, betonte, dass sein Unternehmen weiter auf Sicht fahre. "Wir müssen in den nächsten Wochen die politischen Entscheidungen abwarten", sagte Koppert. Wichtig sei die Kommunikation mit dem Konsumenten, der auch teils vor extrem großen finanziellen Nöten steht. "Wir sind im Augenblick in ganz engen Abstimmungsprozessen mit dem VdF, dem HDF, der AG Kino und der Produzentenallianz. Man arbeitet ganz stark an Überlegungskonzepten, wie man dem Ganzen entgegen stehen kann, wenn es dann wieder anfängt." Die Frage sei auch, wann sich die Menschen wieder sicher im Kino fühlten. "Wir haben für Ende 2020 Filme, die wir zur Verfügung stellen können - und vielleicht auch werden", sagte Koppert. Die Branche müsse eng zusammenrücken und eine besondere Flexibilität an den Tagen legen. "Wir von der Constantin glauben weiter an Kino und werden alles dafür tun, um dem Markt wieder auf die Beine zu helfen."

Der Geschäftsführende Gesellschafter der Cineplexx Kinobetriebe GmbH, Christof Papousek, gab Einblicke in die österreichische Situation, die Deutschland bei der Corona-Pandemie entwicklungstechnisch zeitlich ein stückweit voraus ist. Die österreichische Kulturstaatssekretärin habe vergangene Woche eine missverständliche Aussage getroffen, wonach auf 20 Quadratmeter ein Kinobesucher gekommen wäre. Das wären anstatt 400 dann eher 15 oder 20 Personen. Papousek bezeichnete diesen Vorschlag als "absurd" und "unwirtschaftlich". Bei normaleren Maßnahmen wie zum Beispiel einem Meter Sicherheitsabstand käme man der Sache schon näher. Da müssten die Verbände ein klares Signal an die Politik senden und sich auch mit Opernhäusern und Theatern zusammenschließen. Das Publikum müsse sich sicher fühlen. Die Planbarkeit für die Kinos sei dabei auch extrem wichtig.

Comscore plant weitere Webinare und teilt die Video-Ergebnisse anschließend auf seiner Webseite.