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Interview zu "Das Boot": "Wir haben uns emanzipiert"

Am kommenden Freitag startet bei Sky die zweite Staffel von "Das Boot". Fiction-Chef Marcus Ammon und die Bavaria-Produzenten Oliver Vogel und Moritz Polter sprachen mit Blickpunkt:Film über den Stellenwert und den bisherigen Erfolg der Serie, die Learnings aus der ersten Staffel, die Aussichten für die zweite und ihre Pläne darüber hinaus.

22.04.2020 11:53 • von Frank Heine
Am 24. April sticht "Das Boot" wieder bei Sky in See. Neu an Bord: Clemens Schick als Käptn einer zweiten Crew (Bild: Bavaria Fiction/Stephan Rabold)

Die erste Staffel von Das Boot" wurde als großer Erfolg bilanziert. Trifft das in allen Belangen zu?

Marcus Ammon: Erfolg zu messen ist im Pay-TV eine komplexe Angelegenheit. Im Vorfeld einer Ausstrahlung definieren wir unterschiedliche KPI's, Key Performance Indicators. Dazu zählen natürlich auch die "typischen" Erfolgsfaktoren Einschaltquote und Reichweite. Die Zuschauerzahl lag bei rund 1,5 Millionen linear und on demand waren es noch einmal knapp drei Millionen. Für Sky ist das ein riesiger Erfolg.

War "Das Boot" damit das bislang erfolgreichste deutsche Sky Original?

Marcus Ammon: Ja. Es war sogar noch erfolgreicher als Babylon Berlin". Aber auch Der Pass" und 8 Tage" waren große Erfolge für uns.

Fällt für die Bavaria Fiction die Bilanz genauso positiv aus? Auf was kam es für Sie primär an?

Oliver Vogel: Auch für uns haben sich alle Erwartungen erfüllt. Wir haben durch das Projekt mit Moritz Polter einen hervorragenden Produzenten hinzugewonnen. Und für uns als Bavaria Fiction, die bis dato überwiegend mit rein deutschen Produktionen in Verbindung gebracht wurde, war "Das Boot" ein Gamechanger. Wir werden seitdem von unseren internationalen Partnern ganz anders wahrgenommen, auch aufgrund der vielen Auszeichnungen wie beispielsweise der Bayerische Fernsehpreis, die Romy in Österreich oder die Magnolie in Shanghai. Das Zutrauen in uns ist enorm gewachsen.

Wird es nach diesem gelungenen Aufschlag schwieriger mit der zweiten Staffel neue Aufmerksamkeit zu generieren oder ist es einfacher, weil man sich etabliert hat?

Marcus Ammon: Es wird über die Zeit nicht leichter. Bei der ersten Staffel mussten wir uns aber noch sehr stark mit dem Film von 1981 auseinandersetzen. Die Erwartungen waren enorm hoch, die Kritikaster standen in den Startlöchern. Davon haben wir uns inzwischen emanzipiert. Die Serie ist bei den Leuten angekommen. Da hat auch die enorm erfolgreiche Ausstrahlung beim ZDF Anfang Januar geholfen. Uns wurde von Kritik sowie Publikum eine hohe erzählerische und visuelle Qualität bescheinigt, und ich glaube, die Neugier ist groß, ob es uns gelungen ist, dieses Niveau zu halten. Ich bin davon überzeugt, dass wir nicht nachgelassen haben.

Moritz Polter: Ich glaube auch nicht, dass es schwierig wird, für die zweite Staffel Aufmerksamkeit zu erzeugen, wenn man sieht wie viel Presseaufmerksamkeit wir auch mit der Wiederholung im ZDF bekommen haben. Auch, dass das ZDF viel Werbung für "Das Boot" gemacht hat, hilft dem Bekanntheitsgrad der Serie.

Man könnte den ZDF-Deal fast für einen Masterplan halten. Gab es da Absprachen?

Marcus Ammon: Nach dem positiven Feedback und unserer erfolgreichen Ausstrahlung bekamen wir Anfragen mehrerer Anbieter, die an einer Lizenzierung von "Das Boot" interessiert waren. Es gibt bei uns keine Blaupause für Sublizenzierungen, wir entscheiden hier von Fall zu Fall, von Serie zu Serie. Mit dem ZDF verbindet uns eine langjährige Zusammenarbeit auf unterschiedlichen Ebenen und wir freuen uns, dass unser "Boot" auf dem ZDF eine würdige Free-TV-Heimat gefunden hat. Wir fanden die Block-Programmierung im Januar sehr spannend, durch die unsere Serie eine vielfach größere Bekanntheit erfahren hat.

Sie haben es angedeutet, mit der ersten Staffel mussten Sie sich vom Film von Wolfgang Petersen freischwimmen. Konnten Sie die zweite Staffel dadurch befreiter angehen?

Moritz Polter: Ich denke schon. Wir haben die Welt um den Erzählstrang in New York weiter geöffnet. Das hätte man uns in der ersten Staffel wahrscheinlich nicht nachgesehen. Es wurde ja schon kritisch beäugt, dass wir grundsätzlich einen zweiten Erzählstrang hatten, der an Land spielt. Inzwischen wird erkannt, dass wir für die Serie ein ganz anderes Universum kreieren, das viel weiter reicht als im Film, weil wir auf mehrere Staffeln hinarbeiten. Das müssen wir, aber dieses Müssen ist auch ein Dürfen und insofern auch ein Freischwimmen. Gerade was Figuren und Charaktere, aber auch das Drama betrifft, legen wir in der zweiten Staffel eine Schippe drauf. Wir lassen die Schauspieler weiter von der Leine, weil wir das Gefühl haben, dass man die Figuren inzwischen kennt.

Was waren die Learnings aus der ersten Staffel?

Marcus Ammon: Wir haben diesen doppelten Erzählstrang - zu Wasser, an Land - im Nachgang sehr eingehend analysiert. Das Gros der Zuschauerreaktionen hat uns in unserer Erzählweise bestätigt. Für den dritten Erzählstrang haben wir uns gemeinsam entschieden, weil wir mit dem Ende der ersten Staffel die zweite schon eingeläutet haben. Die besondere Herausforderung lag aus meiner Sicht darin, diese drei Stränge so miteinander zu verweben, dass die zweite Staffel in der Rezeption des Zuschauers nicht noch komplexer wird als die erste. Aber die Umstiege von einer Erzählebene zur anderen ist den Regisseuren ausgezeichnet gelungen. Die Zuschauer werden gefordert, aber es ist nie überfordernd.

Ändern Sie etwas am Ausstrahlungsmodus?

Marcus Ammon: Wir haben da keinen Pauschalmodus. Bei "Babylon Berlin" haben wir uns entschieden, nicht schon das ganze Boxset on demand verfügbar zu machen. Wir zeigten auf Abruf immer nur zwei Episoden als Preview. Beim "Boot" werden alle acht Folgen vom ersten Tag an on demand verfügbar sein. Der non-lineare Erfolg der ersten Staffel hat uns darin bestätigt. Das waren fast doppelt so viele Zuschauer wie linear.

Kurze Zwischenfrage: Wie läuft denn die Babylon Berlin"-Fortsetzung. Im Vergleich zu den ersten beiden Staffeln bleibt Sky recht leise...

Marcus Ammon: Wir sind intern mit den Zahlen sehr zufrieden. Auch hier haben wir wieder die vorab aufgestellten Erfolgsfaktoren gut erreicht.

Was waren die Erkenntnisse aus der ersten Staffel für die Produzenten?

Oliver Vogel: Ein Aspekt ist sicher, wie selbstbewusst und dennoch respektvoll man mit Programm umgeht. In der ersten Staffel stand die Frage im Raum, wie man nur so ein "Heiligtum" anrühren kann. Jetzt haben wir Rückenwind.

Moritz Polter: Produktionstechnisch haben wir auch einiges gelernt. Im Setbau und im Kostüm gab es einige Synergien, weil wir auf bereits Vorhandenes zurückgreifen konnten und beispielsweise nicht noch einmal ein komplettes U-Boot bauen mussten. Allerdings mussten wir einen weiteren Control-Room bauen, weil wir jetzt ja zwei Boote haben. Dass wir die zweite Staffel mit zwei Regisseuren gedreht haben, ist auch auf ein Learning aus der ersten zurückzuführen.

Nämlich?

Moritz Polter: Produktionstechnisch läuft vieles einfacher. Bei 104 Drehtagen haben wir gemerkt, dass selbst ein Regisseur vom Format eines Andreas Prochaska an die Grenzen seiner Kapazität stößt. Wenn man nur vier Drehbücher im Kopf haben muss, lässt sich viel detaillierter auf Fragen der Head of Departments eingehen, als wenn man über acht Bücher Bescheid wissen muss. Doch es geht nicht nur um Belastbarkeit, mit zwei Regisseuren spart man auch Zeit, weil dadurch Double Banking möglich ist. Wir konnten teilweise am gleichen Drehort an zwei Sets gleichzeitig arbeiten. Durch die 20 Tage, die wir parallel gedreht haben, hat sich der Drehzeitraum letztlich um 25 Tage reduziert. Hinzu kommt eine Zeitersparnis im Schnitt. Was wir bei der zweiten Staffel an Kosten, eingespart haben, konnten wir jetzt in die Arbeit mit zwei Regisseuren, zwei Kameramännern und zwei First ADs investieren. So wird man nicht günstiger, sondern schneller, und das war wichtig.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Nachfolger von Andreas Prochaska ausgewählt?

Oliver Vogel: Man braucht natürlich Regisseure, die zueinander passen. Für Matthias Glasner sprach, dass er Serie und Action auf der einen Seite, auf der anderen auch Kammerspiel kann und er seine Stärken in der Schauspielerführung schon oft bewiesen hat. Mit Rick Ostermann haben wir in der Bavaria bereits bei der Krimireihe "Dengler" zusammengearbeitet. Und natürlich wussten wir, dass Rick früher Regieassistent von Matthias war und dass sich die beiden sehr schätzen. Dadurch war die Symbiose, die wir anstrebten, viel einfacher zu erreichen. Ich war sehr gespannt, wie das aufgeht und bin völlig begeistert, dass man diesen Wechsel von Folge vier zu Folge fünf überhaupt nicht spürt. Das ist eine große Leistung.

Moritz Polter: Wir haben alle Entscheidungen am grünen Tisch getroffen. Es war nie so, dass Matthias allein über ein Motiv entschieden hätte, das im weiteren Verlauf auch für Rick sehr wichtig sein würde. Die beiden haben sich beispielsweise auch die Castings aufgeteilt und danach gemeinsam den ganzen Cast gefunden. Dass zwischen beiden ein großes Vertrauen besteht, war auch wichtig in der Arbeit mit den Schauspielern. Ihnen musste klar sein, dass sie es mit zwei Regisseuren mit gleicher Entscheidungsbefugnis zu tun haben.

Sie haben bestimmt noch mehr mit dem "Boot" vor. Wie weit reichen die Bögen, die Sie im Kopf haben, wie viele Staffeln schweben Ihnen noch vor?

Marcus Ammon: Wir befinden uns im Jahr 1943. Der Krieg dauert noch zwei Jahre. Weitere Geschichten können also entwickelt werden. Aber neben einer inhaltlichen gibt es auch noch eine wirtschaftliche Annäherung an mögliche Folgestaffeln - welche Erfolgsfaktoren werden erfüllt, welche nicht. Und danach werden wir entscheiden. Aber natürlich unterhalten wir uns jetzt schon über mögliche Fortsetzungen. Bei Sky sind wir sehr verliebt in die Marke "Das Boot"..

Oliver Vogel: Ich sag's mal so: Wir haben einen gemeinsamen Traum, den wir noch eine Weile lang träumen wollen.

Moritz Polter: Wenn wir an den Büchern arbeiten, haben wir immer mindestens zwei Staffeln im Kopf. Das geht nicht anders, sonst würde man sich in Sackgassen hinein manövrieren und unter Umständen viel zu früh Türen für immer verschließen.

Die Schrittfrequenz bei den Sky Originals war 2020 mit "Babylon Berlin" im Januar und nun "Das Boot" bislang recht hoch. Wie ist der weitere Marschplan?

Marcus Ammon: Eigenproduktionen sind nicht nur ein teures, sondern auch ein zeitintensives Geschäft. Leider lassen sich die wirklich tollen Projekte, die das Zeug zum Sky Original haben, nicht vom Baum pflücken. Es dauert lange, bis man sie findet, dann brauchen sie lange in der Entwicklung und in der Produktion. Fürs zweite Halbjahr haben wir noch mindestens noch ein weiteres Original vorgesehen: die Horrorserie Hausen". Corona-bedingt wird wohl die Austrahlung von David Schalkos Ich und die Anderen", das gerade im Dreh pausiert, auf 2021 verschoben werden. Wir werden die Frequenz weiterhin erhöhen, aber Qualität braucht Zeit. Aber die derzeit in der Entwicklung befindlichen Projekte stimmen mich zuversichtlich.

Wie geht es für die Bavaria Fiction im Bereich High-End-Serie für den internationalen Markt weiter?

Oliver Vogel: Wir sind gerade mit unserer Mysteryserie Freud", die wir mit Satel Film koproduziert haben, bei Netflix erfolgreich am Start. In unserer Development-Pipeline befinden sich mehrere vielversprechende internationale und nationale Projekte, mit denen wir an den Erfolg von "Das Boot" und "Freud" anknüpfen möchten und durch sie das Thema High-End-Produktionen bei der Bavaria Fiction weiter vorantreiben wollen.

Das Interview führte Frank Heine