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Tristan Lehmann: "Unsere Podcasts funktionieren wie eine Netflix-Serie"

ProSiebenSat.1 greift mit der Plattform FYEO ins Audio-Geschäft ein. Der Director Content, Tristan Lehmann, setzt auf "Audio-Blockbuster" und arbeitet dafür mit Filmproduktionsfirmen zusammen.

23.04.2020 10:00 • von Michael Müller
Der Director Content der Audio-Plattform FYEO: Tristan Lehmann (Bild: ProSiebenSat.1/JürgenMorgenroth, FYEO)

Das Medienunternehmen ProSiebenSat1 greift mit der Plattform "For Your Ears Only" (FYEO) ins Audio-Geschäft ein. Der Director Content, Tristan Lehmann, setzt zum Start am Donnerstag auf selbsternannte "Audio-Blockbuster" und arbeitet dafür mit Filmproduktionsfirmen zusammen.

Wie wird man Director Content bei der neuen Audio-Plattform von ProSiebenSat.1?

Ich komme aus dem Audio-Bereich: Vor zehn Jahren habe ich als kleiner Producer in einem Tonstudio in Köln angefangen. Damals habe ich mich um die deutsche Synchronisation von Computerspielen gekümmert. Für mich war immer klar, dass ich als Lebenstraum einen Platz suche, wo ich Geschichten erzählen kann. Den Computerspielen bin ich erst einmal treu geblieben, wurde dann in Karlsruhe bei der Firma Gameforge Creative Director. Ich fing an, eigene Trailer und kleine Webserien zu Computerspielen zu schreiben. Irgendwann kam ein Anruf von der VoD-Plattform maxdome aus München mit der Frage, ob ich dort Creative Director werden will. Da es dort die Nähe zu Filmen gab, wollte ich das unbedingt.

Was waren dort Ihre Aufgaben?

Ich habe mich anfangs um die Marke und die Werbemittel gekümmert. Bei einer Telefonkonferenz mit den TV-Kollegen von ProSiebenSat.1 kam der Titel "jerks" auf. Da Eigenproduktionen ein ganz neuer Bereich für maxdome waren, habe ich mich angeboten, die Ko-Produktion zusammen mit den erfahrenen TV-Redakteuren zu betreuen. So war ich auf maxdome Seite dafür verantwortlich.

Wie ging es dann für Sie weiter?

Ich bin dann ins Herz von ProSieben gewechselt mit der Aufgabe, neue digitale Reichweiten außerhalb von Format- und Sendermarken zu finden. Ende 2018 habe ich dafür mit dem Bereich Audio angefangen. Wenn man in die USA blickt, findet man amerikanische Vorbilder wie den Doku-Podcast "Serial" oder wie das Fiction-Format "Homecoming". Im Fall von "Homecoming" entstand die Geschichte originär im Podcast und wurde dann zu einer Bewegtbild-Serie für Amazon mit Julia Roberts adaptiert. Ich habe mich mit zwei meiner Kollegen, Benjamin Risom und Luca Hirschfeld, an einen Küchentisch gesetzt und wir sagten uns: Wir alle arbeiten am Thema Audio aus verschiedenen Richtungen, der eine im Tech-, der andere im Strategie- und ich im Content-Bereich. Würde es nicht Sinn machen, wenn wir uns zusammenschließen und eine Audio-Plattform pitchen? Wir haben den Markt analysiert und glauben nach wie vor sehr stark daran. Wir bekamen die Zusage des Vorstands, dass wir drei das so ins Leben rufen dürfen.

Haben Sie den Namen der Plattform, "For Your Ears Only" (FYEO), mitentwickelt?

"For Your Ears Only" war unser erster Arbeitstitel und von Anfang an unser Motto. Davon sind wir nicht mehr weggekommen. Es gab die Annahme im Markt, dass wir an Formaten zu bekannten Sendermarken arbeiten, also quasi den nächsten "The Voice"-Podcast produzieren. Den Podcast gibt es auch bei uns auf der Plattform, aber nicht exklusiv und nicht im Premium-Bereich, sondern im Free-Bereich. Es macht keinen Sinn, ihn hinter eine Paywall zu stecken, wenn er auf einer Free-TV-Geschichte aufbaut. Unsere Inhalte entstehen originär für unsere Plattform. Die FYEO Originals sind keine Format- und Sendeverlängerungen, sondern für die Ohren entstandene Konzepte.

Sind alle Originals nur hinter der Paywall zu hören?

Wir haben uns dazu entschieden, es anders zu machen als andere Streamingplattformen. Wir haben keinen kostenlosen Testmonat. Wir sind transparent: Bei uns ist jede erste Folge von jedem FYEO Original kostenlos hörbar. So kann man sich von dem gesamten Katalog ein Bild machen und sich dann entscheiden. Wir glauben, dass man so auf den Geschmack kommt.

Das Hörspiel "Makel" soll in Zusammenarbeit mit einer Filmproduktionsfirma entstanden sein. Welche ist das?

An "Makel" arbeiten wir mit der Filmproduktionsfirma Czar zusammen. Das entstand aus einer persönlichen Verbindung: Ich habe mit dem Geschäftsführer von Czar, Thorne Mutert, bereits in der Vergangenheit schon häufiger zusammengearbeitet. Wenn wir uns ausgetauscht haben, war für uns immer klar, dass wir beide gerne zusammen ein Fiction-Projekt machen wollen. Die Grundpfeiler der Geschichte von "Makel" habe ich geschrieben, aber um Gottes Willen nicht das Drehbuch. (lacht) Diese Grundidee war für uns ein Weg, um unseren Fiction-Traum zu erfüllen.

Und wie war das bei dem Mystery-Hörspiel "Ritus Modem"?

"Ritus Modem" ist ein weiteres Fiction-Format, das im Mai auf FYEO folgt. Das machen wir zusammen mit Memo Film, einer Produktionsfirma in Mainz. Sie produzieren viel für das öffentlich-rechtliche Fernsehen, auch für das junge Angebot von ARD und ZDF, für funk haben sie die Webserie "Girl Cave" gemacht. In den ersten Monaten, in denen wir Content akquiriert haben, war dem Markt noch nicht bekannt, dass wir Audio-Projekte entwickeln. Der Geschäftsführer von Memo Film, Memo Jeftic, begeistert mich schon eine ganze Zeit. Er ist für mich einer der Podcast-Urväter in Deutschland. Als ich 2010 angefangen habe, Podcasts zu hören, hat er in dem Filmpodcast Celluleute mitgewirkt. Sein Filmwissen hat mich damals schon fasziniert. Ich wusste, dass er inzwischen eine eigene Filmproduktionsfirma hat. Ich bin auf ihn zugegangen und fragte, ob er nicht Lust auf die Entwicklung dieses Projekts hätte.

An "Ritus Modem" hat auch der Regisseur Till Kleinert mitgearbeitet, den man wegen seines Horrorfilms "Der Samurai" kennen sollte.

Als ich mich 2019 mit Till Kleinert und Memo Jeftic in Mainz traf, erzählte Till gerade von seiner Sky-Serienproduktion "Hausen". Wir konnten uns gegenseitig für das Thema Audio begeistern, weil für uns klar war, dass wir in diesem Bereich auch ein wenig freier sind und etwas ausprobieren können. Genau diesen Indie-Spirit, den Till verkörpert, den können wir total mit einbringen. Ich bin stolz, dass ein Künstler wie Till Kleinert jetzt federführend an "Ritus Modem" mitwirkt.

Auf wie viele Episoden ist "Ritus Modem" angelegt?

"Ritus Modem" hat acht Folgen. Jetzt haben wir bei "Ritus Modem" leider die Nachricht erhalten, dass es einen Corona-Fall gab. Deswegen musste das Produktionsteam erst einmal in Quarantäne. Die Veröffentlichung des Formats verschiebt sich so um etwa einen Monat. Mit 18 Formaten starten wir dennoch stark mit FYEO.

Man denkt: Wenn es einen Content-Bereich gibt, in dem auch während der Corona-Pandemie gut weiter produziert werden kann, müsste das das Hörspiel sein.

So lange es nur darum geht, mit Social Distancing zu arbeiten, dann können wir im Audio-Bereich generell noch flexibel arbeiten. Aber bei "Ritus Modem" gab es tatsächlich einen Verdachtsfall. Dementsprechend müssen die Mitarbeiter erst einmal in Selbst-Quarantäne und die Sicherheitsregeln einhalten.

Gibt es denn bei ProSiebenSat.1 den Hintergedanken, dass wie bei den US-Vorbildern Podcasts oder Hörspiele die Grundlage von Fernsehformaten werden könnten?

Es macht natürlich total Sinn, dass wir im Gesamtkonzern denken. Als wir angefangen haben, dass Thema Audio zu pitchen, habe ich immer gesagt: Was wir mit FYEO machen, ist wie ein Blanco-Dominostein. Den können wir sowohl vorne als auch hinten anlegen. Bei uns können Formate originär entstehen, wir können aber auch aus bestehenden Stoffen etwas im Audio-Bereich adaptieren. Es war nie so, dass wir gesagt hätten, dass wir speziell Stoffe für Bewegtbild entwickeln. Es ist aber denkbar.

War es schwer Schauspieler wie Peter Lohmeyer oder Heike Makatsch für Ihre Projekte zu gewinnen?

Die Drehbücher, die unter Head-Autor Robin Polak entstanden sind, haben direkt überzeugt. Als wir die ersten Fassungen verschickt haben, war das Feedback der Schauspieler durchgängig sehr positiv und sie waren begeistert. Wir hatten mit Uwe Bünker die Unterstützung eines wahnsinnig erfahrenen Casters und konnten so unsere "Makel"-Hauptdarsteller Alice Dwyer, Peter Lohmeyer und Heike Makatsch gewinnen.

Befinden wir uns aktuell in einem goldenen Zeitalter der Hörspielproduktionen?

Wenn wir den Markt heute anschauen, dann sind wir noch nicht ansatzweise da, wo wir noch hinkönnen, aber auf dem Weg dorthin. Ich glaube, dass jetzt ganz viel passieren wird. Es gibt verschiedene deutsche Unternehmen, die sich amerikanische Vorbilder wie "Homecoming" anschauen und sagen, dass man das hier auch machen müsste. Aber es gibt kaum eine Audio-Produktion in Deutschland, die auch so eine Masse an Menschen erreicht. Mit dem ProSiebenSat.1-Konzern im Rücken und starken Formaten wollen wir dem Thema Audio helfen, sein Potential zu zeigen: Es soll wieder ein Spielplatz für kreative Experimente werden.

Sie meinen so wie bei ihrer Hörspielproduktion "Lynn ist nicht allein"?

Genau, das ist sozusagen unser Mock-Cast. Ein Podcast, der so tut, als sei er ein Podcast. In Wirklichkeit ist es ein Fiction-Format. Wir sind rausgegangen und haben on location aufgenommen. Jede einzelne Szene dieses Podcast ist tatsächlich da entstanden, wo sie auch spielt. Das tut so gut und macht auch so viel mit den Schauspielern vor Ort, dass man fast gar nicht mehr anders produzieren will. Wenn man in einem Wald steht und bei einer Dialogszene plötzlich ein Flugzeug durch die Szene fliegt, entsteht ein Sound-Design über das kein Sound-Designer jemals nachgedacht hätte. Es wirkt in dem Moment so authentisch.

Wie viele weitere Originals plant FYEO für 2020?

Wir planen jeden Monat ungefähr zwei neue Originals zu veröffentlichen. Wenn ich über unsere Release-Pläne schaue, werden es sogar deutlich mehr. Darunter sind auch viele Audio-Blockbuster. Wir versuchen, dass so künstlerfreundlich wie möglich zu leben. Das bedeutet, dass manche Formate auch etwas mehr Zeit brauchen.

Zum Beispiel?

An "Lynn ist nicht allein" haben wir viel gearbeitet. Da gab es Momente, in denen ich mir nicht sicher war, dass das Format mit dem Drehbuch dahin kommen würde, wo ich es gerne gehabt hätte. Wenn man sich jetzt anhört, was daraus geworden ist und es mit den finalen Drehbüchern vergleicht, ist es unfassbar, wie gut diese Zusammenarbeit geklappt hat. Es war ein Lernprozess, dass der Unterschied zwischen der Treatment- und Drehbuch-Phase manchmal diffizil sein kann. Was in den Treatments vielleicht noch schwierig war, hat das Autoren-Team um Gregor Schmalzried und Producer Christian Alt über Dialoge gelöst. Wir haben der Produktionsfirma Kugel und Niere Vertrauen und Zeit geschenkt. Und ich finde, das Ergebnis spricht für sich.

Sie sprechen viel von Audio-Blockbustern und vergleichen Ihre Hörspiele mit HBO-Serien. Was macht die Kinoqualität Ihrer Produktionen aus?

In den ersten Gesprächen, die wir zu dem Thema hatten, habe ich öfter das Wort Hörspiel benutzt und es dann aus meinem Sprachgebrauch gestrichen. Tatsächlich ist das ein Begriff, der in Deutschland stark mit kindlichen Inhalten verbunden wird: "Die drei Fragezeichen", "Bibi Blocksberg" und "Benjamin Blümchen" - einfach, weil das so extrem populäre Formate sind. Bei der Suche nach einem passenderen Begriff entstand das Wort Audio-Blockbuster. Kein Wort, das ich ausprobiert habe, hat zu einem größeren Aha-Moment geführt. Es ist immer sofort klar, was wir machen wollen: starke Inhalte mit Anspruch. Deshalb auch der HBO-Vergleich: Wir wollen viel stärker dieses serielle Erzählen in den Podcast-Bereich bringen. Das fehlt mir generell noch sehr. Was wir entwickeln, funktioniert im Grunde genommen wie eine neue Netflix- oder eine HBO-Serie: Am Ende der letzten Episode zerbeißt man sich die Fingernägel, man will unbedingt wissen, wie es denn weitergeht, und freut sich auf eine weitere Staffel mit den Charakteren.

Nun gibt es mit Spotify oder Audio Now bereits bekannte Audio-Plattformen. Sollen es dann die Originals sein, die Hörer auf FYEO ziehen?

Die einfache Antwort lautet "Ja". Wir stehen ganz am Anfang von einem spannenden Markt, auf den sich jeder Mensch, der gerne Podcast und Audio-Formate hört, freuen kann. Umso mehr Player es gibt, umso mehr tollen Content gibt es. Spotify ist eine Streamingplattform, die durch traditionelle Podcasts mit berühmten Menschen ein Zusatzangebot zu ihrem Kerngeschäft mit der Musik macht. Audio Now ist eine Plattform für Formate- und Sendeverlängerungen, um RTL-Sendergesichter nochmal in einem anderen Entertainment-Format zu inszenieren. Das machen wir nicht mit FYEO. Es gibt eine eigene Produktions-Entität von ProSiebenSat.1, die Podcast Factory. Die Kollegen entwickeln mit den TV-Redaktionen Ideen für Formate wie einen "Galileo"-Podcast. Diese Formate werden natürlich auch bei uns auf der Plattform zu finden sein - aber im Free-Bereich. Uns ist wichtig, eine Plattform zu machen, die Audio First gedacht ist. Es geht uns nicht um das Musikhören, sondern um das Podcasthören, weshalb unser Produkt so podcastfreundlich wie möglich sein soll. Ein kleines Beispiel: Die Player-Leiste ist bei uns nicht horizontal, sondern vertikal. Das macht sie auf dem Smartphone-Screen um ein Dreifaches länger. Dadurch ist es viel einfacher und praktischer, bei längeren Inhalten zum richtigen Punkt zu springen. Wir wollen auch dabei helfen, Podcasts zu entdecken. Dabei geht es nicht nur um unsere Originals, sondern aus diesem extremen Überangebot auf dem Markt empfehlenswerte Podcasts zugänglich zu machen und kuratierend zu wirken.

Das Interview führte Michael Müller