Kino

Marktforschung: Kino nach Corona

S&L Research hat deutsche Kinogänger unter anderem zu ihrem potenziellen Besuchsverhalten nach Wiedereröffnung der Kinos befragt. Die Resultate sind ermutigend.

20.04.2020 10:21 • von Marc Mensch
Ausgewählte Grafiken der Studie zeigen: Die Bereitschaft zur Rückkehr in die Kinos ist hoch, das Verlangen nach Sicherheitsmaßnahmen aber auch (Bild: BF/S&L)

Reißt die Pandemie das Kino in den Abgrund? Werden Säle langfristig leer bleiben - schon alleine deshalb, weil die Idee, sich "mit vielen anderen in einen geschlossenen öffentlichen Raum wie ein Kino zu setzen, für Angst und Schrecken sorgen" wird, wie es die "FAZ" jüngst reißerisch prophezeite?

Den massiven, existenzbedrohenden Schaden, den das Kino derzeit erleidet, einmal außen vor gelassen, stellt sich natürlich die Frage nach den Perspektiven im Anschluss an eine Wiedereröffnung. Dieser ist S&L Research jüngst mit einer aktuellen Umfrage auf den Grund gegangen - und auch wenn sich nicht behaupten lässt, dass die Resultate hinsichtlich des potenziellen Besucheraufkommens negative Langzeitfolgen per se ausschließen könnten, überwiegen am Ende doch die guten Nachrichten.

Die S&L Studie zeigt: Das Kino wird vermisst! Schon einen Monat nach der Schließung der deutschen Kinos vermissen bereits zwei Drittel der Umfrageteilnehmer den Kinobesuch. 93 Prozent sind schon jetzt der Meinung, nach der Krise bzw. nach Aufhebung der Beschränkungen "sehr wahrscheinlich" oder "wahrscheinlich" wieder ins Kino gehen zu wollen: Das Kino wird damit als vergleichsweise sicheres Vergnügen angesehen. Insbesondere die Gegenüberstellung mit anderen Freizeitaktivitäten unterstreicht, dass es sich hier um ein sehr gutes Ergebnis handelt. Von denjenigen, die vor der Krise den jeweiligen Aktivitäten nachgegangen waren, wollen 73 Prozent "sehr wahrscheinlich" oder "wahrscheinlich" wieder in Fitnesscenter gehen, 54 Prozent zu Sportveranstaltungen und 51 Prozent wieder in Clubs und Diskotheken. Der Kinobesuch platziert sich damit etwa gleichauf mit dem Gang ins Restaurant mit einem Wert von 91 Prozent.

Die deutschen Kinogänger zeigten sich in der S&L-Befragung damit zuversichtlicher als jene in den USA. In einer ähnlichen Studie (die allerdings auch einige Nicht-Kinogänger umfasste) gaben nur gut 70 Prozent an, mit hoher oder einiger Wahrscheinlichkeit ins Kino zurückkehren zu wollen. Zu beachten ist indes, dass diese Umfrage zu einem früheren Zeitpunkt in der Krise durchgeführt wurde. Die Verunsicherung in den USA spiegelte sich denn auch darin wieder, dass rund ein Fünftel der Umfrageteilnehmer angibt, sich hinsichtlich des künftigen Verhaltens nicht sicher zu sein - dieser Wert liegt in der S&L Studie nur bei sechs Prozent.

Während sich hier durchaus sehr positive Grundtendenzen aus der Studie ablesen lassen, zeigt diese aber auch, dass es eine Zeit dauern kann, bis aus der grundsätzlichen Bereitschaft zur Rückkehr ein tatsächlicher Kinobesuch wird. 25 Prozent der Befragten wollen "sofort nach Öffnung" wieder in die Kinos kommen, weitere 38 Prozent "innerhalb weniger Wochen". Der ÖPNV (48 bzw. 24 Prozent) zeigt hier - womöglich auch mangels Alternativen - ein positiveres Ergebnis. Aber auch Fitnesscenter (42 bzw. 19 Prozent) und Restaurants (33 bzw. 38 Prozent) zeigen hier etwas bessere Werte, während Sportveranstaltungen (12 bzw. 17 Prozent) und Konzerte (zehn bzw. 17 Prozent) vermutlich etwas länger auf ihre Besucher warten müssen.

Die Studie untersucht auch die Akzeptanz möglicher Vorsichtsmaßnahmen, mit denen der Kinobesuch wieder ermöglicht werden könnte. In einer offenen Frage wurden die Kinogänger aufgefordert, die Maßnahmen zu nennen, die aus ihrer Sicht notwendig sind, um wieder das Kino besuchen zu können. Am stärksten gefragt sind Abstand und zusätzliche Hygienemaßnahmen: Fast zwei Drittel (62 Prozent) der Umfrageteilnehmer gaben an, dass sie ausreichend Abstand zwischen den Sitzplätzen von nicht zusammen gebuchten Tickets für notwendig halten. Auch die Einhaltung von Abstand an der Kinokasse und beim Snackverkauf (26 Prozent) sowie eine Begrenzung der Besucher pro Kinosaal (19 Prozent) werden als notwendig angesehen. Tatsächlich gaben aber auch sieben Prozent der Befragten explizit an, dass sie keine speziellen Vorsichtsmaßnahmen als notwendig erachten.

Das Thema Mundschutz scheint hingegen zu polarisieren. 18 Prozent der Befragten sehen den Mundschutz bei der offenen Frage als notwendige Maßnahme (ein kleiner Teil der Antworten bezieht sich dabei aber auch nur auf die Mitarbeiter). Andererseits geben 26 Prozent bei der Folgefrage an, dass ein verpflichtender Mundschutz eine für sie nicht akzeptable Einschränkung wäre. Da es sich jedoch abzeichnet, dass ein Mundschutz zukünftig vorgeschrieben sein wird, wenn man sich im öffentlichen Raum bewegt und die Abstandsgebote nicht eingehalten werden können, ist dieser Wert nur eine Momentaufnahme und wird bei einer möglichen Folgebefragung vermutlich auf ein positiveres Feedback stoßen, wenn auch die allgemeine Akzeptanz höher sein dürfte.

Die Bereitschaft, Mehrkosten für neue Sicherheitsvorkehrungen mitzutragen, ist vorhanden, aber noch keine Mehrheitsmeinung. Einen höheren Eintrittspreis aufgrund erhöhter Schutzmaßnahmen würden aktuell 29 Prozent der Befragten akzeptieren, während dies von 40 Prozent noch abgelehnt würde - der Rest der Befragten zeigte sich unentschlossen. An dieser Stelle scheint es wichtig zu sein, offen mit den Kinogängern zu kommunizieren, und etwaige Preiserhöhungen plausibel darstellen zu können.

Eine für Kinobetreiber und Verleiher besonders interessante Frage: Welches Programm wird nach der Wiedereröffnung in den Kinos erwartet? 60 Prozent der Befragten gaben an, vor Schließung der Kinos nicht mehr alle Filme gesehen zu haben, die sie sich anschauen wollten. Tatsächlich ist das Interesse, etwas nachzuholen, relativ groß. 58 Prozent geben an, dass sie sich noch Titel anschauen möchten, die bereits vor der Schließung angelaufen waren. Gerade einmal 26 Prozent der Umfrageteilnehmer würden beim ersten Kinobesuch nach der Krise auf Filme bestehen, die dann neu starten.

Eine abschließende Frage widmete sich noch dem neuen Hoffnungsträger der Branche, den Autokinos: mehr als die Hälfte der Befragten (52 Prozent) geben an, dass der Besuch eines Autokinos für sie eine gute Alternative darstellen würde. Hier ergibt sich also durchaus die Chance einer Renaissance für dieses mittlerweile so selten gewordene Open Air-Vergnügen.

Gaby Hardt-Voß/Marc Mensch

Zur Methodik:

Die Umfrage wurde vom 09. - 14.04.2020 von S&L Research auf dem Umfrageportal www.moviepanel.de unter 865 deutschen Kinogängern ab 16 Jahren durchgeführt, die sich in der Zusammensetzung an dem Kinopublikum in Deutschland orientierten. S&L Research ist der Geschäftsbereich der S&L Medienproduktion GmbH, der sich seit 2003 mit dem Thema Film- und Kinomarktforschung beschäftigt. Wenn Sie Interesse an den vollständigen Ergebnissen dieser Untersuchung haben, kontaktieren Sie bitte research@slmedien.de.