Kino

KOMMENTAR. All work and no play...

Kurz war ich versucht, diese Kolumne mit dem Satz "All work and no play make Jack a dull boy" zu beginnen und ihn dann so oft zu wiederholen, bis der komplette Platz des Editorials ausgefüllt ist.

20.04.2020 07:48 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Kurz war ich versucht, diese Kolumne mit dem Satz "All work and no play make Jack a dull boy" zu beginnen und ihn dann so oft zu wiederholen, bis der komplette Platz des Editorials ausgefüllt ist. So wie das Jack Nicholson getan hat, als Jack Torrance in Shining", als er in all den Monaten im Overlook Hotel auf der Schreibmaschine tippte, während seine Frau Wendy davon überzeugt war, er würde die selbstgewählte Isolation nutzen, um einen Roman schreiben. Fünf Wochen im Lockdown bringen einen eben auf verrückte Ideen; fünf Wochen ohne neue Filme im Kino, wohlgemerkt, und ohne neue Produktionen, über deren Entstehung man berichten könnte.

Das nagt und zehrt. Sicher, das Bingen von Serien auf Netflix, einem der Gewinner der Corona-Krise, hilft die Zeit zu vertreiben. Aber es ist eben nicht Kino. In einem Post in einer Facebook-Gruppe, in der sich internationale Filmjournalisten über den Status Quo und die Zukunft von Filmfestivals austauschen, zitiert Daniel Kothenschulte Cocteaus Kameramann Henri Alekan, der sagte: "Wenn man einen Film auf dem Bildschirm sieht, hat man nichts gesehen." Aber was ist, wenn es keine Leinwand gibt, die einen davon überzeugt, wie recht Alekan hat? Wie in diesen schrecklichen Tagen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Kinos. Die Folgen sind verheerend. Zunächst einmal wirtschaftlich. Darüber wurde in den letzten Wochen viel geschrieben, und es wird ein vorherrschendes Thema bleiben, ungeachtet all der Hilfsprogramme, die gestartet worden sind. Erst wenn die Kinos wieder geöffnet werden, die Projektoren wieder angeschmissen, wenn endlich wieder Licht auf die Leinwände trifft, wird man ermessen können, wie nachhaltig der angerichtete Schaden ist.

Vergessen werden sollte aber auch nicht, was es für Verstand und Herz bedeutet, dass es vorerst keine neuen Filme im Kino zu sehen gibt. Auch hier geht es um eine Krise, vielleicht nicht unmittelbar existenzbedrohender, aber doch existenzieller Natur, weil die Unmöglichkeit der Auseinandersetzung mit neuen künstlerischen Ideen unweigerlich zu einer Verarmung des Lebens führen muss.

Dass unklar ist, wie es mit den großen Festivals weitergeht, wird dieses Dilemma noch verstärken. München hat abgesagt, Karlovy Vary wird folgen, Locarno wankt. Sicher ist auch, dass es in diesem Sommer kein Festival de Cannes mehr geben wird. Und wie eine Kooperation mit Venedig aussehen könnte, steht auch in den Sternen, zumal nicht gewisst ist, ob die Mostra überhaupt zum geplanten Termin stattfinden kann. Vielleicht wird man tatsächlich bis zu Thierry Frémaux' eigenem Lumière-Festival in Lyon im Herbst warten müssen, bis "Cannes 2020" seine Auswahl doch noch präsentieren kann. Bittere Monate stehen uns bevor. All work and no play make Jack a dull boy. All work and no play make Jack a dull boy...

Thomas Schultze, Chefredakteur