Kino

"Nicht resignieren": Kim Ludolf Koch zur Lage des Kinos

In diesen Tagen Optimismus zu bewahren, mag nicht einfach sein - aber Kim Ludolf Koch sieht allerbeste Gründe dafür, das Kino nicht verloren zu geben. Was seine aktuelle Hilfsbedürftigkeit aber keineswegs schmälert.

15.04.2020 12:32 • von Marc Mensch
Kim Ludolf Koch (Bild: Cineplex)

Seit rund einem Monat sind die KInos deutschlandweit geschlossen, steigen Tag für Tag die Belastungen - und wann ein Spielbetrieb wieder möglich sein wird, steht aktuell noch in den Sternen. Wir sprachen mit Cineplex-Geschäftsführer Kim Ludolf Koch unter anderem über den Status Quo und unzureichende Hilfsmaßnahmen - und werfen auch einen Blick auf die Zeit der (hoffentlich baldigen) Wiedereröffnungen.

BLICKPUNKT: FILM: Die Kinos sind geschlossen, wie lange weiß derzeit noch niemand. Über Arbeitsmangel können Sie in der Cineplex-Zentrale aber vermutlich trotzdem nicht klagen?

KIM LUDOLF KOCH: Unmittelbar mit Anordnung der Kinoschließungen liefen hier natürlich die Drähte heiß. Es gab unglaublich viele Fragen - denn wer von unseren Gesellschaftern hatte sich den schon ernsthaft bereits einmal mit Themen wie Kurzarbeit beschäftigt? Damit, wie man in solche einer Situation mit Minijobbern und studentischen Aushilfskräften umgeht? Damit, betriebliche Kosten soweit als nur irgend möglich zu senken? Ich denke, wir konnten hier wichtige Unterstützung geben, zumal mein Kollege Detlef Bell ein ausgezeichneter Arbeitsrechtler ist. Das war aber nur der Anfang. Wir halten derzeit wöchentlich zwei mehrstündige Telefonkonferenzen mit allen Gesellschaftern ab und aktuell geht es vorrangig um die Frage, wie man mit Dauerschuldverhältnissen umgeht. Da steht natürlich die Miete als wichtigster Posten ganz oben, aber das reicht viel weiter, bis zu Reinigungs- und Wartungsverträgen. Die Kosten lassen sich natürlich niemals auf Null reduzieren, aber wir müssen angesichts eines kompletten Umsatzausfalls natürlich alles unternehmen, um sie so weit als möglich zu reduzieren. Mit flacher Atmung möglichst lange zu überleben, lautet gerade die einzig mögliche Strategie.

BF: Anmerken sollte man in diesen Tagen sich rasch verändernder Gegebenheiten, dass wir Anfang April miteinander sprechen. Wie ist derzeit die Stimmung unter Ihren Gesellschaftern?

KOCH: Wir alle sehen natürlich, dass die Lage ernst ist. Äußerst ernst. Aber wir glauben nicht, dass sie hoffnungslos ist. Und ich bin mitunter geradezu erstaunt, wie viel Kraft diese Situation freisetzt. Da wird auf der einen Seite mit voller Energie und großer Professionalität Krisenmanagement betrieben - und auf der anderen Seite bricht sich jede Menge Kreativität im Umgang mit der Lage Bahn, gerade mit Blick auf das Publikum.

BF: Das Netz ist in der Tat voll mit unterschiedlichsten Wegen, den Kontakt zum Publikum zu halten - und einige davon scheinen sich ja durchaus monetarisieren zu lassen.

KOCH: Das Publikum hat tatsächlich enorme Solidarität mit den Kinos gezeigt, die sich an der einen oder anderen Stelle auch finanziell ausdrückte. Es wurden Gutscheine erworben, es gab Spenden, für sogenannte "Geistervorstellungen" wurden mitunter Dutzende Tickets verkauft. Das ist absolut großartig - und unterstreicht eindrucksvoll, welchen Stellenwert das Kino in der Bevölkerung hat. Aber es ist natürlich auch in Summe nichts, was über den sprichwörtlichen "Tropfen auf den heißen Stein" hinausgehen kann. Dennoch sind wir als Kinobetreiber für jede Geste enorm dankbar - auch einfach für aufmunternde Mails, wie sie uns zu Tausenden erreicht haben. Tatsächlich geht es für uns Kinos ganz grundsätzlich darum, den Kontakt mit unseren Gästen zu halten, mit ihnen zu kommunizieren - und sei es einfach über ein Quiz auf der Facebook-Seite. Das Publikum reagiert sehr gut darauf - und das ist wichtig! Allerdings ist Empathie ein recht verderbliches Gut. Zu Beginn von Krisensituation ist die Anteilnahme immer am höchsten, mit fortschreitender Zeit wird es also immer schwieriger werden, die Leute bei der Stange zu halten. Umso wichtiger ist es, jeden denkbaren Weg zu beschreiten.

BF: Trifft nicht alleine schon der angeblich teils sogar florierende Gutscheinverkauf eine sehr positive Aussage über die Bereitschaft des Publikums, nach dem Ende der Einschränkungen vor die Leinwand zurückzukehren?

KOCH: Nun ja, hinsichtlich des "florierenden Verkaufs" muss man natürlich differenzieren. Unter normalen Umständen würden wir um diese Zeit wohl beinahe die doppelte Menge an Gutscheinen verkaufen können. Trotzdem sehen wir natürlich, dass dem Kino nicht der Rücken gekehrt wird. Und die Bereitschaft, zum jetzigen Zeitpunkt Ansprüche auf eine Leistung zu erwerben, von der man aktuell keine genaue Vorstellung hat, wann sie wieder erbracht werden kann, zeugt von einer engen Bindung zu unserer Branche und von Zuversicht seitens unserer Gäste. Das gibt uns viel Hoffnung für die Zeit danach. Worum es aber jetzt geht, ist in die Lage versetzt zu werden, diese Zeit noch erleben zu können. Das kann ohne substanzielle Hilfen nicht funktionieren. Auf diese warten wir Stand heute noch.

BF: Nun wurden Hilfsprogramme ja durchaus frühzeitig aufgelegt. Vom Bund, den Ländern, den Förderern - und gerade einzelne Länder haben zuletzt noch im Sinne der Kinos nachgelegt. Erreicht das die Substanz des Kinomarktes nicht?

KOCH: Genau das ist das Problem. Denn man muss sich einmal genau ansehen, welche Unternehmen welche Hilfe beantragen können - und wie sich das in der Praxis gestaltet. Was die durch die KfW abgesicherten Kredite anbelangt, wird man nun die Entwicklung abwarten müssen, nachdem eine hundertprozentige Absicherung angekündigt wurde. Was sich aber sagen lässt, ist, dass sich die Hausbanken, über die die Vergabe ja nach wie vor laufen muss, selbst bei 90-prozentiger Absicherung extrem zurückhaltend gezeigt haben - was angesichts der steuerfinanzierten Bankenrettungen aus jüngerer Vergangenheit doppelt aufhorchen lässt. Am Ende des Tages werden die Maßnahmen der Länder sowie die brancheneigenen Förderprogramme der entscheidende Hebel sein müssen - und hier sehen wir tatsächlich einen Gutteil des Marktes noch komplett ausgeklammert. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich freue mich für jedes Programmkino, das finanzielle Hilfe erhält - und auch dort ist sicherlich noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht, wenn wir von mehrmonatigem Betriebsausfall sprechen. Aber die Auswahl der Begünstigten wirkt hier mitunter geradezu willkürlich! Nehmen wir nur das Beispiel Bayern: Man kann schlicht nicht begründen, warum z.B. Cineplex-Häuser in Passau, Neufahrn, Memmingen oder Neu-Ulm, ein Kinopolis Landshut, ein CineStar Erlangen oder das Nürnberger Cinecitta weniger förderwürdig und rettenswert sein sollen als Center, die "nur" sieben Leinwände haben. Aus meiner Sicht führt kein Weg an einer Ausweitung der Maßnahmen vorbei, denn alle Kinos sind systemrelevant. Die großen Mainstream-Häuser sogar in ganz besonderem Ausmaß. Und es geht auch um Zuschüsse, da die kulturelle Relevanz des Kinos und die Unmöglichkeit, die während der Schließung entstehenden Ausfälle nachzuholen, keine Rückzahlung von recht hoch verzinsten Darlehen zulassen.

BF: Sie sprechen von Systemrelevanz jenseits des Marktanteils?

KOCH: Ja, denn sind wir doch ehrlich: Die Sozialisierung für das Kino in jungen Jahren findet doch in aller Regel nicht in einem Programmkino statt - sondern in den Mainstream-Häusern. Das zeigt doch schon die Altersstruktur im Arthouse: Dort geht in aller Regel hin, wer schon eine langjährige "Kinokarriere" hinter sich hat, etwas älter ist. Und sind wir doch ehrlich: Ohne die Großen, die auch die deutschen Filme in entsprechendem Umfang auswerten können, wäre ein Gutteil der Produktion schon per se nicht wirtschaftlich darstellbar. Die - ohne irgendeinen Zweifel enorm wichtige - Infrastruktur an Programmkinos wird vor allem auch dadurch gestützt, dass wir einen relevanten Gesamtmarkt haben. Und was ist denn mit den verbundenen Branchen? Den Produktionsunternehmen, Verleihern, Agenturen, Dienstleistern - und den Kreativen selbst? Welche Schockwellen würde das Zerbröckeln eines systemrelevanten Marktes hier wohl auslösen? Daher verstehe ich es nicht, wenn man ganze Kinotypen per se ausklammert.

BF: Wie reagiert Cineplex als Gruppe darauf?

KOCH: Im Schulterschluss mit den Kollegen aus anderen Unternehmen, die auch durch das Raster der Hilfen fallen. Wir wenden uns direkt an die zuständigen Ministerien und versuchen dort noch einmal klar zu machen, wie wichtig es ist, die Branche in ihrer Gesamtheit zu sehen. Darüber hinaus empfehlen wir jedem einzelnen Betreiber, die wichtige Arbeit der Verbände zu unterstützen, ihre lokalen Ansprechpartner zu kontaktieren und dort nachdrücklich auf die Dramatik der Situation zu verweisen. Natürlich sprechen wir am Ende des Tages von Hilfen, die in den Schatten stellen, was bislang zur Verfügung gestellt wird. Man muss aber auch sehen, dass es im Verhältnis sogar noch relativ günstig sein dürfte, diesen Teil unserer Kultur zu retten - und ich denke, dass die soziokulturelle Rolle der Kinos nach Ende dieser Pandemie noch an Bedeutung zunehmen wird. Wenn man sie bis dahin durchbringt. Uns ist dabei außerordentlich wichtig, die Gespräche auf Basis eines wirklich soliden und belastbaren Zahlenfundaments führen zu können.

BF: Sie sprechen von der von der Rinke Treuhand und rmc im Auftrag des HDF erstellten Studie zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie?

KOCH: Richtig. Denn gefragt war seitens des HDF und mittelbar der SPIO eine Berechnung, die die tatsächlich unvermeidliche Belastung illustriert, also die Verluste, die der Kinobranche auch unter Berücksichtigung einer weitestmöglichen Reduzierung der fixen Kosten entstehen. Thomas Pintzke hat diese Studie federführend verantwortet, Christine Berg und ich haben Konzept und Ergebnisse eng begleitet. Im Grunde basiert die Erhebung auf zwei Schritten: Zunächst der Prognose hinsichtlich des unter normalen Umständen zu erwartenden Besucheraufkommens und der potenziellen Ausfälle, die wir während der Komplettschließung und der anschließenden "ramp up"-Phase erleiden. Dem wurde die Kostenseite gegenübergestellt - und das unter Berücksichtigung aller möglichen Anpassungen, sogar solcher, die noch Gegenstand von Verhandlungen z.B. mit Vermietern und Banken sind. Auf der Makroebene ergab sich damit eine Finanzlücke pro fehlendem Besucher von durchschnittlich rund 4,62 Euro. Denn auch bei kompletter Schließung der Betriebe verbleiben fixe Grundkosten in erheblicher Höhe. Ein großer Vorteil unserer besucherbezogenen Berechnungsmethode: Sie lässt sich für unterschiedliche Zeiträume adaptieren.

BF: Für die Musterberechnung wurde von einer dreimonatigen Schließung und einem Besucherverlust von rund 40 Mio. ausgegangen...

KOCH: Zum jetzigen Zeitpunkt halten wir das noch für eine realistische Einschätzung, auch wenn sie nicht unserem Worst-Case-Szenario entspricht. Aber alleine auf Basis dieser Berechnung kommen wir auf unvermeidbare Belastungen von 186 Mio. Euro alleine auf Ebene der Kinos!

BF: Haben Sie denn Hoffnung, dass solch ein Betrag auch nur annähernd über staatliche Hilfen abgefangen werden könnte?

KOCH: Sagen wir es so: Wenn es nicht gelingt, im Schnitt wenigstens 2,50 bis drei Euro pro ausgefallenem Besucher an Unterstützung zu bekommen, dann sehe ich nicht, wie wir einer dramatischen Schließungswelle entgehen könnten. Einer Schließungswelle, die weit über die offensichtlichen Folgen hinaus drastische Konsequenzen hätte. Gerade in den kleinen Städten, wo das Kino neben seiner einzigartigen kulturellen Rolle eben auch der Ort ist, der vorrangig für Gemeinschaft, für Lebensqualität steht - neben der Gastronomie, die es momentan ebenso schwer hat. Und aus künstlerischer Sicht möchte ich durchaus auch die ästhetischen Folgen erwähnen, die es hätte, wenn nicht mehr für das Kino produziert werden könnte, sondern nur noch den kleinen Bildschirm.

BF: Sie haben bereits die "Ramp-up"-Phase erwähnt. Wie stellen Sie sich denn einen Neustart vor - und was lehren in diesem Zusammenhang die Erfahrungen in China?

KOCH: Ich sehe das Beispiel China in mehrfacher Hinsicht als ungeeignet für einen Vergleich. Zum einen mussten die Kinos nach dem ersten Anlauf dort sehr schnell wieder schließen, zum anderen sprechen wir von einem Markt, der nicht annähernd so stark von internationalem Produkt abhängig ist wie z.B. Deutschland. Wir brauchen großes, attraktives Programm, wenn wir wieder zu nennenswerten Besucherzahlen kommen wollen - und das würde umso mehr gelten, wenn ein Kinobesuch zunächst einmal mit gewissen Hürden in Form von Sicherheitsvorkehrungen, wie dem Tragen von Schutzmasken, verbunden wäre. Das grundlegende Problem ist doch, dass ein Großteil der weltweiten Kinomärkte wieder für neue Produktionen aufnahmefähig sein muss, bevor die ersten Tentpoles wieder gestartet werden. Kein Major wird einen neuen Film ins Kino bringen, bevor sich die Situation wenigstens in den wichtigsten Ländern wieder normalisiert hat. Und wo Asien diesbezüglich ein wenig vorneweg sein mag, sieht die Situation in den USA derzeit viel ungünstiger aus. Momentan sehe ich uns vor einer Situation stehen, dass wir unmittelbar nach einer Wiedereröffnung wie eine Bibliothek ohne Bücher dastünden. Denn das, was vor Ausbruch der Krise auf den Leinwänden war, ist längst in der digitalen Verwertung. Damit wird man keine nennenswerten Zahlen mehr erzielen können. Unsere Verluste können wir erst ab dem Zeitpunkt wieder reduzieren, ab dem wir attraktives Programm haben. Deshalb richte ich den dringenden Appell nicht nur an die Politik, uns über die Krise mit ernstzunehmender Unterstützung in Form von Zuschüssen zu helfen. Sondern auch an unsere Partner im Verleih, sich so zu positionieren, dass wir unsere Besucher schnellstmöglich wieder mit großartigen Filmen begrüßen können.

BF: Mittlerweile wurden etliche Filme bereits direkt in die VoD-Verwertung geholt, zuletzt mit Artemis Fowl auch wieder ein größerer Titel. Ist diese Release-Strategie für ein Tentpole nur noch eine Frage der Zeit?

KOCH: Ehrlich gesagt sehe ich dieses Risiko momentan noch nicht, wobei ich mir gerade für Artemis Fowl wünschen würde, dass man die Strategie wenigstens für einzelne Märkte wie Deutschland noch überdenkt. Denn immerhin sind die Kinos als Plattform so unverzichtbar, dass Großproduktionen ohne sie gar nicht wirtschaftlich auszuwerten wären. Grundsätzlich gehe ich natürlich davon aus, dass wir mit Bewältigung der Krise zu den bewährten Rahmenbedingungen zurückfinden. Denn dass erfolgreiche Filmauswertung nicht auf das Kino verzichten kann, zeigt sich momentan doch überdeutlich. So traurig es übrigens ist, dass etliche Filme schon auf 2021 verschoben wurden, muss man angesichts des sich abzeichnenden Produktionsloches aber vielleicht ganz froh sein, dass über die Neuterminierungen nun auch schon ein Zeitraum abgedeckt ist, wo es aufgrund der Produktionsstopps ansonsten Belieferungsprobleme gäbe.

BF: Dass das VoD-Angebot "Cineplex Home" quasi mit Beginn der Krise in Deutschland gelauncht wurde, ist natürlich Zufall. Aber konnte dieses Angebot gerade jetzt Fuß fassen?

KOCH: Diesbezüglich ist es schwierig, eine Aussage zu treffen - denn uns fehlt natürlich jeglicher Vergleich zu einer "normalen" Phase. Allerdings stellen wir durchaus fest, dass die Prämissen, unter denen wir diesen Dienst ins Leben gerufen haben, zutreffen - und man nicht von einer ernstzunehmenden Einnahmequelle sprechen kann. Cineplex Home war von vornherein nicht als "Profit Center" aufgesetzt, sondern als Maßnahme, um unsere Kunden besser kennenlernen zu können und ihnen im Sinne der Markenbindung weitergehende Angebote machen zu können. Die aktuelle Phase lässt sich natürlich durchaus nutzen, um den Dienst bekannt zu machen. Aber wir sind weit davon entfernt, damit Geld zu verdienen.

BF: Wie steht es denn um die sogenannten "solidarischen Streamingmodelle", die zunehmend Fuß zu fassen scheinen und in deren Rahmen Kinos mit bis zu 50 Prozent an den Einnahmen beteiligt werden sollen? Sind das nicht Modelle, die man schon früher hätte kultivieren sollen?

KOCH: Wir sprechen hier - im Gegensatz zu Cineplex Home, wo nahezu alle großen internationalen und nationalen Verleiher vertreten sind - von reinen Nischenangeboten. Und je enger die Nische ist, desto größer ist mitunter der Impetus, sich über eine hohe Beteiligung die Werbewirkung der Kinos zu sichern. Ich verrate nun wirklich kein Geheimnis, wenn ich feststelle, dass man mit einem Angebot wie Cineplex Home im Leben nicht auf eine fünfzigprozentige Beteiligung der Kinos käme, selbst dann nicht, wenn die gesamte Kinolandschaft dahinter stünde. Insofern freue ich mich natürlich über jede Geste der Solidarität. Aber wirtschaftlich spielen diese Angebote für die Kinobranche als solche keine Rolle.

BF: Nun hätten Sie dieser Tage beim Filmtheaterkongress erneut den internationalen Blick schweifen lassen sollen, um Unterschiede zwischen Deutschland und anderen Kinomärkten zu beleuchten und Handlungsempfehlungen zu formulieren.

KOCH: Der Vortrag ist aufgrund der Verschiebung des Kongresses leider im Vorbereitungsstadium stecken geblieben, aber auf ein paar Auffälligkeiten möchte ich dennoch schon jetzt hinweisen. Von acht betrachteten Märkten konnten Japan und Deutschland in 2019 mit 14,4 und 13,9 Prozent Besucherwachstum zwar die mit Abstand beste Entwicklung hinlegen - blieben mit einem durchschnittlichen jährlichen Pro-Kopf-Besuch von 1,53 bzw. 1,45 dennoch am Ende der Skala. Und während man in Japan die höchsten Besucherzahlen seit 1971 feiern konnte, waren es hierzulande die zweitschlechtesten seit 30 Jahren. Oder nehmen wir das Beispiel USA: Gegen den weltweiten Trend gaben sie um 4,6 Prozent nach und verzeichneten die zweitniedrigsten Zahlen seit der Jahrhundertwende. Und doch weist dieser Markt mit 3,77 Pro-Kopf-Besuchen den mit Abstand besten Wert in der Vergleichsgruppe auf. Wofür ich damit sensibilisieren will: Sich die Besuchsbiographien und Reichweiten genau und im Kontext anzusehen - und dabei aber auch unterschiedliche Messmethoden im Hinterkopf zu haben. Ich persönlich plädiere mit Blick auf die GfK-Auswertung, die Besucher erst ab zehn Jahren erfasst, seit Längerem für ein vollständigeres Bild. Vor allem aber geht es darum, sich - und das gerade auch jetzt - Mit der Frage auseinanderzusetzen, wie man an der Besucherbasis an sich arbeitet. "Reichweite" lautet die entscheidende Währung. Wir werden uns mächtig ins Zeug werfen müssen, um die Besucher nach der Krise möglichst schnell wieder in Massen in unsere Säle zu ziehen. Und man sollte sich durchaus überlegen, ob Ideen, die man dann entwickeln wird, nicht auch jenseits einer Krisenreaktion sinnvoll wären. Wie Sie wissen, bin ich nach wie vor ein großer Befürworter des günstigen Jugendtickets....

BF: Sehen Sie Maßnahmen, die sich gerade jetzt anpacken ließen, für die man die Zeit nutzen sollte?

KOCH: Im Prinzip gäbe es eine ganze Reihe an Maßnahmen, die am besten während einer Schließung durchzuführen wären - aber in der Praxis wird man aktuell alle finanziellen Mittel für das Stopfen der immer tiefer werdenden Löcher aufwenden müssen. Not macht erfinderisch, das zeigt sich durchaus, dementsprechend kommen ja nun auch diverse Ideen wie Popcornlieferdienste oder Stuhlpatenschaften auf, mit denen man sogar ein klein wenig Geld verdienen kann, die aber hauptsächlich auch den Kontakt zu den Kunden aufrecht erhalten. Zu den auffälligsten Initiativen zählte kurz vor Ostern sicherlich die Eröffnung zahlreicher temporärer Autokinos, auch bei einigen unserer Gesellschafter. Das Cineplex Münster bewarb es passenderweise als "Methadonprogramm für Kinojunkies". Unter dem Strich würde ich die Zeit aber auch vorrangig als eine sehen, in der man möglichst viele Ideen sammelt, um die Wiederaufnahme des Spielbetriebs für unsere Gäste so interessant wie möglich zu machen. Und selbst wenn das bundesweite Kinofest aufgrund der Krise auf 2021 verschoben werden müsste, könnte man sich die dafür geleistete Arbeit mit Sicherheit schon jetzt für den Wiedereinstieg zunutze machen. Einen weltweiten Startschuss wird es nicht geben, aber wenigstens deutschlandweit sollte er idealer Weise sein. Denn nur wenn die Schwungmasse der Kinos groß genug ist, wird sich das Rad auch wieder drehen.

BF: Gibt es eine positive Botschaft, die Sie in diesen Zeiten gerne an Ihre Kinokollegen übermitteln würden?

KOCH: Durchaus. Denn ich finde, dass es sich lohnt, durchzuhalten und nicht zu resignieren. Und durchzuhalten bedeutet eben nicht nur, die Luft möglichst lange anzuhalten, auch wenn das natürlich ganz wichtig ist. Aber ganz wesentlich gehört eben auch dazu, all diejenigen, die in irgendeiner Art und Weise zum Erhalt des Kinos beitragen können, zur Mithilfe zu bewegen. Die Menschen lieben das Kino, sie lieben die große Leinwand, die Gemeinschaft. Daran ändert die Krise nichts, im Gegenteil: diese Bedürfnisse wachsen gerade. Darum bin auch zuversichtlich, dass wir mit einem vernünftigen Neustart und nicht zu unseren Lasten veränderten Geschäftsmodellen auch gute Chancen haben, wieder zu einem starken Markt zu werden. Dem einen oder anderen möchte ich aber doch mahnende mitgeben: Seid gewahr, dass sich die Durststrecke auch nach einer Wiedereröffnung noch etwas hinziehen wird. Niemand dürfte dem Irrtum erliegen, dass es ab Tag 1 wieder wie am Schnürchen laufen wird. Aber man sollte sich doch mit dem Szenario beschäftigen, dass wir 2020 mit einem Besucherverlust von bis zu 50 Prozent abschließen könnten. Sollte es besser laufen, wäre das wunderbar. Aber man sollte doch auf das Schlimmste vorbereitet sein - um es meistern zu können.

Das Gespräch führte Marc Mensch