TV

rbb-Serie "Warten auf'n Bus" trifft den Zeitgeist der Corona-Pandemie

Die rbb-Serie "Warten auf'n Bus" über zwei Langzeitarbeitslose trifft den Zeitgeist. Sie ist aber auch einfach richtig gut geschrieben und gespielt. Ab Mittwoch ist sie in der ARD-Mediathek zu sehen.

14.04.2020 08:19 • von Michael Müller
V.l..: Hannes (Ronald Zehrfeld) und Ralle (Felix Kramer) haben Stress in der Serie "Warten auf'n Bus" (Bild: rbb/Frédéric Batier)

Die achtteilige rbb-Serie "Warten auf'n Bus" über zwei Langzeitarbeitslose trifft den Zeitgeist. Sie ist aber auch einfach richtig gut geschrieben und gespielt. Ab Mittwoch um 18 Uhr ist sie in der ARD-Mediathek zu sehen, am 22. April um 22 Uhr läuft die erste Episode im rbb-Fernsehen.

Im Grunde genommen ist die neue rbb-Serie "Warten auf'n Bus" ein Kammerspiel im Freien: Die beiden Langzeitarbeitslosen Hannes (Ronald Zehrfeld) und Ralle (Felix Kramer) sitzen an einer Bushalteendstelle in der brandenburgischen Provinz mit Hund Maik und reden. So überschreiten sie in ihrer selbstgewählten Isolation nicht das in Zeiten des Coronavirus geächtete Gruppenaufkommen von zwei Personen. Meistens halten sie auch die notwendige Distanz, es sei denn, sie beginnen wie in der ersten Episode "Gefälle" einen gemeinsamen Tanz, der die Busfahrerin Kathrin (Jördis Triebel) jedoch unbeeindruckt lässt. Sie macht für gewöhnlich hier ihre Raucherpausen. Sowohl Hannes als auch Ralle sind in die Frau mit der großen Gürtelschnalle und dem überbordenden Selbstbewusstsein verliebt.

"Warten auf'n Bus" gesellt sich zu dem erlesenen Kreis an kleinen öffentlich-rechtlichen Serien wie "Der Tatortreiniger", "Lerchenberg" oder "Jennifer - Sehnsucht nach was Besseres", die durch die eingeschränkten Mittel und das beschränkte Setting an Qualität noch hinzugewinnen. Hannes und Ralle sind Sprüchemaschinen mit Berliner Dialekt, die von Nichtigkeiten auf die großen Fragen der Menschheit kommen und im nächsten Atemzug wieder über Ferrero-Küsschen-Werbespots aus den Neunzigern diskutieren. Die von Oliver Bukowski kongenial geschriebenen Dialoge besitzen in ihren besten Momenten die lyrische und wahrhaftige Qualität von Sven Regeners ersten "Herr Lehmann"-Büchern.

Ein leichtes, angenehmes Western-Flair weht aufgrund der Musik und der Szenerie der brandenburgischen Weiten durch die Serie, die ihren Blick fest auf die beiden gesellschaftlichen Außenseiter richtet: Sie sind größtenteils arbeitslos, hauptsächlich ostdeutsch, dem Alkohol mehr zugetan, als es gut für sie ist und ohne rechte Familienbindung. Auf der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft sind Hannes und Ralle auf der kargen Bank der Bushaltestelle fündig geworden. Sie sind die einzigen, die sich gegenseitig - mit einem Dosenbier in der Hand - zuhören. Und trotzdem ist das Ganze kein tristes, wehleidiges Gesellschaftsdrama, sondern witzig, unterhaltsam und mit Empathie erzählt.

Ronald Zehrfeld hat noch jeden Film und jede Serie besser gemacht, in der er mitspielte. Aber es ist vor allem Felix Kramer, dessen Karriere in den vergangenen Jahren durch seine Rollen in den Serien "Dark" und "Dogs of Berlin" an Fahrt gewann, der als großmäuliger Leisetreter zu begeistern weiß. In der dritten Episode hält er einen bewegenden Monolog auf Gender-Toiletten, der ihm einen Platz im TV-Pantheon sichern wird. Beide Gammler sind würdige Nachfahren von Werner Enke in "Zur Sache, Schätzchen" und Olli Dittrich in "Dittsche". Die Serie ist mit sanftem und milchig-weichem Licht gefilmt, als säßen die beiden an einer Haltestelle im Jenseits. Aber ihre Probleme bleiben sehr irdisch. Der rbb hat einen Lauf: Nach der andersartigen Talksendung "Chez Krömer" ist ihm das nächste Unterhaltungsjuwel geglückt.

Michael Müller