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Diana Iljine zur Filmfest-Absage: "Andere Szenarien sind nicht umsetzbar"

Das Filmfest München wurde für das Jahr 2020 komplett abgesagt. Wir sprachen mit Festivalleiterin Diana Iljine darüber, was zu dieser Entscheidung geführt hat, warum man sich aber generell keine Sorgen um Festivals und das Kino machen müsse.

06.04.2020 13:30 • von Thomas Schultze
Diana Iljine: "Eine Verschiebung wäre einfach nicht seriös gewesen" (Bild: Filmfest München / Ronny Heine)

Das Filmfest München wurde für das Jahr 2020 komplett abgesagt. Wir sprachen mit Festivalleiterin Diana Iljine darüber, was zu dieser Entscheidung geführt hat, warum man sich aber generell keine Sorgen um Festivals und das Kino machen müsse.

Warum gab es für Sie keine andere Alternative, als das Filmfest München in diesem Jahr komplett abzusagen?

DIANA ILJINE: Wir haben die Lage in den letzten Wochen selbstverständlich sehr genau und mit wachsender Sorge beobachtet. Es wäre unverantwortlich gewesen, wenn wir uns im Team nicht Gedanken gemacht und die verschiedenen Szenarien durchgespielt hätten, die in Bezug auf das Filmfest München denkbar sind: Filmfest findet statt, findet nicht statt, findet in kleinerem Umfang statt, wird verschoben, wird online durchgeführt. Wir haben es uns nicht leicht gemacht, haben alle verfügbaren Informationen eingeholt und jede Variation so präzise gerechnet, wie man sie mit dem heutigen Wissensstand rechnen kann. Schwersten Herzens mussten wir erkennen und anerkennen, dass eine Absage der diesjährigen Ausgabe des Filmfest München der einzige gangbare Weg ist. Andere Szenarien sind einfach nicht umsetzbar. Eine Verschiebung würde unweigerlich zu einer Kollision mit den Herbstfestivals führen.

Zumal gar nicht sicher ist, ohne den Teufel an die Wand malen zu wollen, ob die ersten großen Herbstfestivals wie Venedig oder Toronto überhaupt stattfinden können.

DIANA ILJINE: Natürlich hoffen wir, dass sich die Lage bis dahin wieder entspannt hat. Man kann es nur eben nicht mit Gewissheit sagen. Da sind einfach zu viele Unbekannte, die eine Verschiebung des Filmfest München auf einen späteren Termin im Jahr unmöglich machen. Dazu kommt, dass zum jetzigen Zeitpunkt keiner weiß, was mit Cannes passiert. Aktuell haben sie ihren Starttermin lose auf Ende Juni, Anfang Juli geschoben. Aber auch für Cannes ist nach aktuellem Sachstand völlig unklar, ob sich das umsetzen lässt. Und selbst wenn wir nun einen Ausweichtermin suchen würden, ist doch längst nicht gewiss, dass wir auch diesen nicht wieder absagen müssten. Eine Verschiebung wäre einfach nicht seriös.

Erfahren Sie bei Ihrer Entscheidung Unterstützung von der Stadt und dem Land Bayern?

DIANA ILJINE: Unbedingt, da fand und findet ein ständiger Austausch statt. Wir haben gemeinsam alle denkbaren Szenarien durchgespielt und ausführlich über ihre Auswirkungen gesprochen. Ich bin sehr dankbar, dass die Gesellschafter absolut hinter uns stehen. Mir ist es wichtig, dass in dieser Situation sozialverträglich und menschlich mit unserem Team verfahren wird. Ohne Einschnitte wird es leider nicht gehen. Aber wir haben Lösungen parat, mit denen soziale Härten vermieden werden sollen.

Wird die Marke Filmfest München Schaden nehmen?

DIANA ILJINE: Das Team ist nach wie vor an Bord. Jetzt werden wir gemeinsam beginnen, an der Filmfest-Edition des Jahres 2021 sowie des Jubiläumsjahres 2022, wenn das Filmfest München seine 40. Ausgabe feiert, zu arbeiten. Wir haben uns, wie bereits vor einem Jahr angekündigt, viel vorgenommen und wollen das Filmfest zu einem großen modernen Medienfestival gestalten. Die Weichen sind gestellt, und das werden wir jetzt umsetzen.

Glauben Sie, dass die Menschen in die Kinos zurückkehren werden?

DIANA ILJINE: Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es nicht tun werden. Gerade in dieser harten Zeit, die wir gerade durchmachen, merken wir doch, wie wichtig und notwendig es ist, Kultur mit anderen Menschen zusammen zu erleben. Mag sein, dass der eine oder andere Film, der für eines oder mehrere der kommenden Festivals vorgesehen war, jetzt direkt bei einem Streamer landen wird. Aber man nimmt dann eben in Kauf, dass man mit seiner Filmarbeit irgendwo in den Tiefen eines Algorithmus verschwindet, anstatt sie angemessen in einem vollen Kinosaal vorzustellen und eine direkte Reaktion vom Publikum zu erhalten, eine Diskussion anzustoßen. Wenn einem in der Zeit des Lockdowns etwas bewusst wird, dann ist es doch nicht, dass man alle Filme genauso gut auch streamen kann. Sondern dass gemeinsames Erleben und Austausch ein wesentlicher Bestandteil dessen ist, warum man Film liebt, warum Kino und Festivals alternativlos sind. Daran wird sich nichts ändern.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.