Kino

Die Causa "Känguru": "Absolute Ausnahme"

Mit der Entscheidung, "Die Känguru-Chroniken" schon jetzt auf den Streamingplattformen anzubieten, tritt X Filme die Flucht nach vorn an. Warum das ein Einzelfall bleiben soll, erklären Produzent Stefan Arndt und HDF-Vorstand Christine Berg.

01.04.2020 15:34 • von Thomas Schultze
Wenn "Die Känguru-Chroniken" in die Kinos zurückkehrt, soll es eine Überraschung für die Fans geben (Bild: X Verleih)

Mit der Entscheidung, "Die Känguru-Chroniken" schon jetzt auf den Streamingplattformen anzubieten, tritt X Filme die Flucht nach vorn an. Warum das ein Einzelfall bleiben soll, erklären Produzent Stefan Arndt und HDF-Vorstand Christine Berg.

"Die Känguru-Chroniken" ist erst am 5. März in den deutschen Kinos gestartet - und erscheint nun nicht einmal einem Monat später als EST... Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen? Hätte es Alternativen gegeben? Warum nicht den Film wieder in die Kinos bringen, wenn sie wiedereröffnen?

STEFAN ARNDT: Wir, wie nahezu alle Branchen bzw. Wirtschaftszweige, befinden uns in einer noch nie dagewesenen Ausnahmesituation. Die Suche nach Lösungen und Wegen, mit dieser existenziellen Krise fertig zu werden, beschäftigt uns massiv - sowohl im Prozess der Produktion als auch im Rahmen der Herausbringung der Kinofilme. Mit den "Känguru-Chroniken" haben wir nicht nur einen großartigen Film, sondern auch ein kluges und gleichzeitig höchst unterhaltsames Juwel mit einem riesigen Zuschauerpotenzial. Die Leute wollen den Film sehen, das haben uns auch die ersten knapp 600.000 Zuschauer der ersten beiden Wochen im Kino bewiesen und die stetigen Nachfragen von Fans, ob der Film auch nach der Wiedereröffnung der Kinos auf großer Leinwand gezeigt wird, zeigt uns, dass das Interesse an unserem Film ungebrochen ist. Deswegen unser Versprechen: Öffnen die Kinos werden die Kinogänger "ihren" Film wiedersehen können. Aber: Mit einer Überraschung, soviel sei an dieser Stelle verraten.

CHRISTINE BERG: Uns als den Verbänden der Kinowirtschaft ist es wichtig zu betonen, dass es sich in diesem Fall um eine absolute Ausnahmeregelung handelt, die wir unter diesen besonderen Umständen mitgetragen haben. Wir hoffen natürlich, dass "Die Känguru-Chroniken" in den Kinos auch in einer zweiten Welle noch viele Besucher anziehen werden.

Wie sieht die "neue" Auswertung des Films konkret aus? In welcher Form können die Kinos noch involviert sein? Werden sie partizipieren?

CHRISTINE BERG: Die Kinos werden partizipieren. Es gibt eine Einigung beider Kinoverbände dazu, dass dieser Betrag in einem gemeinsamen Hilfsfonds verwaltet wird.

STEFAN ARNDT: "Die Känguru-Chroniken" werden bereits ab Donnerstag, 2. April auf allen üblichen Plattformen digital erhältlich sein. Besonders daran ist, dass wir die Kinos an den Erlösen aus der digitalen Verwertung beteiligen. Wir haben gemeinsam mit Vertretern des HDF und der AG Kino für diese einzigartige Situation eine Lösung gefunden, um den Kinos und uns als Verleih und Produzent Erlöse zu ermöglichen, in einer Phase, in der die üblichen Einnahmen aus der Kinoauswertung ausfallen. Die Erlöse fließen in einen zentralen Hilfs-Fonds, der von den Kinoverbänden verwaltet wird und direkt den Kinos zu Gute kommen wird. Dies ist das Ansinnen und unser Willen aus dieser Sonderregelung! Und diese ist durchaus zur Nachahmung empfohlen, ABER immer mit Beteiligung der Kinos!

Nachdem bereits diverse Hollywoodtitel ihre Kinoauswertung im Zuge der Kinoschließungen aufgrund der Corona-Pandemie verkürzt haben und als Leihtitel zugänglich gemacht wurden, ist "Die Känguru-Chroniken" nun der erste große deutsche Film, der diesen Schritt wagt. Wie stehen die Kinos dazu?

CHRISTINE BERG: Für deutsche Filme - und gerade diejenigen, die gefördert werden -, muss weiter die Gesetzeslage gelten, die eindeutig besagt, dass es eine Exklusivität für die Kinos geben muss. Wir betrachten die Handhabung für "Die Känguru-Chroniken" als Ausnahmesituation und werden alles dafür tun, dass hier kein Präzedenzfall und kein Einfallstor für andere Szenarien geschaffen wird. Aber nicht nur weil es das Gesetz sagt, halten wir zwingen am Auswertungsfenster fest: Eine Auswertung im Kino ist immer ein Gütesiegel. Deshalb gehen wir davon aus, dass viele Verleiher sehr schnell feststellen werden, dass sie Kinos unbedingt und mehr denn je brauchen, wenn wir wieder öffnen können.

Kritiker befürchten, durch die Aussetzung des Auswertungsfensters in dieser Notsituation könnte ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen werden. Wie sieht es mit dem Commitment von X Filme für das Kino aus?

STEFAN ARNDT: Das ist eine Ausnahme, da die Kinos momentan nun mal nicht spielen können, aber die Menschen der Unterhaltung bedürfen. Gemeinsam mit den Kinoverbänden haben wir ein Modell aufgestellt, das nur für die Zeit der Kinoschließungen gilt. Nicht zuletzt haben wir uns als Produktionsfirma eine Überraschung für den Film ausgedacht und sind bereits in der Postproduktion, um den Zuschauern bei Wiedereröffnung einen neuen Anreiz zu geben, ins Kino zu gehen. Die Überraschung gibt es aber nur im Kino zu sehen! Für uns gilt nach wie vor: Cinema First - wir stehen nach wie vor für eine exklusive Auswertung innerhalb des Kinofensters.

Können Sie beziffern, wie groß der Schaden ist: "Die Känguru-Chroniken" war die Nummer eins, als die Kinos geschlossen wurden, es wäre sicherlich noch Einiges mehr drin gewesen.

STEFAN ARNDT: Na, das ist ne lustige Frage, denn es ist natürlich so, dass man nicht mit jedem Film einen Hit produziert oder verleiht. Ich erspare mir hier die Realität der Mischkalkulation, aber ganz konkret sagen mir die Weisen der Kinobranche, dass man bei ca. 600.000 Besuchern nach elf Tagen durchaus fest mit 2,0 bis 2,5 Millionen Besuchern rechnen kann, mit der gesunden Chance auf drei Millionen, da wir ja einen wirklichen Familienfilm haben, eben mit grandiosen Chancen z.B. an Ostern. Also für Kinos, Verleih und Produktion ist der Schaden schnell errechnet: 2,5 Millionen Tickets mit einem Durchschnittseintrittspreis von durchschnittlich 8,5 Euro ergibt einen Schaden von 21.250.000 Euro. Ach Entschuldigung, natürlich müssen noch 2,5 Prozent FFA-Abgabe und sieben Prozent MwSt. abgezogen werden.... Nee, wieder falsch, die FFA-Abgabe bleibt, ist ja auch Schaden der Branche...

Wie geht es mit X Verleih und X Filme in den kommenden Wochen weiter?

STEFAN ARNDT: Zusammenhalten! Konstruktiv nach gemeinsamen Lösungen suchen. Miteinander reden, sich nicht als Individualfall betrachten - wir alle sind ein wesentlicher und unabdingbarer Bestandteil des großen Ganzen. Nichts darf tabu sein, gedacht zu werden. Wir müssen multiperspektivisch und solidarisch denken. Da kommen noch irre Probleme auf uns zu, denn Kinos, Verleiher und Produzenten ist mit der KfW-Kreditlösung nicht geholfen. Die Kinos können nicht mehr Tickets nach der Krise verkaufen als zuvor, der Verleih nicht die doppelte Anzahl Filme verleihen und der Produzent nicht anstatt drei Filmen nun sechs produzieren. Insofern ist mit den KfW-Krediten nur Zeit gekauft, denn mit einem normalen Zinssatz nach einem tilgungsfreien Jahr in vier Jahren zurückzuzahlen, ist unmöglich. Dann gibt es eben die Pleitewelle nach fünf Jahren, oder all die Kinos, Verleiher und Produzenten haben eben andere Besitzer, das fällt dann nicht mehr auf...

Was ist in dieser Zeit wichtig beim Dialog zwischen den Kinos und den Verleihern? Werden die richtigen Maßnahmen getroffen?

CHRISTINE BERG: Wir sehen uns in dieser schwierigen Phase natürlich nicht nur als Interessensvertretung unserer Mitglieder, sondern auch als Bindeglied zu allen anderen Unternehmen der Filmwirtschaft wie Produktion und Verleih. Nur wenn wir alle an einem Strang ziehen und uns gegenseitig unterstützen, werden wir diese existenzielle Krise überstehen. Insofern ist uns der Dialog und ein abgestimmtes Vorgehen enorm wichtig.

STEFAN ARNDT: Offenheit und Transparenz, in dem Wissen darum, dass wir diese Krise nur gemeinsam und nicht im Alleingang bewältigen können. Corona wird unser aller Medienverhalten ändern. Und da unser Herz für den Kinofilm schlägt und das Kino eben aus dem Film ein Juwel macht, müssen wir sehr schnell auf diese Veränderungen reagieren, mit dem Kino als dem Juwelier der Branche.

Glauben Sie, dass das Kino als Marke während der Corona-Schließungen Schaden nimmt? Werden die Menschen wieder ins Kino gehen, wenn sie - hoffentlich bald - wieder geöffnet werden können?

CHRISTINE BERG: Ich gehe nicht davon aus, dass uns die Besucher dauerhaft verloren gehen. Ganz im Gegenteil, weil die Menschen nichts lieber tun werden, als das Gemeinschaftserlebnis Kino zusammen mit ihrer Familie oder Freunden vor der großen Leinwand zu feiern. Wichtig ist, dass dann wiederum die Verleiher mit guten Filmen an unserer Seite stehen. Solidarität ist keine Einbahnstraße!

Thomas Schultze