TV

Anna Winger zu "Unorthodox": "Das System funktioniert"

"Unorthodox" zählt zu den faszinierenden Netflix-Neustarts der Woche, die erste Miniserie von Showrunnerin Anna Winger für den Streamer - es ist außerdem die erste realisierte Arbeit ihrer Firma Studio Airlift, mit der Winger große Pläne hat.

27.03.2020 10:39 • von Thomas Schultze
Anna Winger legt die erste Produktion von Studio Airlift vor (Bild: Anna Winger)

Mit Unorthodox" stellt Showrunnerin Anna Winger ihre erste Miniserie für Netflix vor - es ist außerdem die erste umgesetzte Arbeit ihrer Firma Studio Airlift, mit der Winger große Pläne hat.

Wäre eine Miniserie wie "Unorthodox" in dieser Form vor fünf Jahren denkbar gewesen?

ANNA WINGER: Denkbar ja. Umsetzbar nein. Zu keinem Zeitpunkt der Fernsehgeschichte. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass man "Unorthodox", so wie wir den Stoff umgesetzt haben, großteils in einer Sprache, die so gut wie niemand spricht auf der Welt, heute irgendwo machen könnte außer bei Netflix. Ein solcher Nischenstoff ist nur in der Streamingwelt denkbar.

Warum?

ANNA WINGER: Ich habe Ted Sarandos bei einem Mittagessen in Amsterdam gefragt, warum er bereit sei, eine Miniserie auf Yiddish zu machen. Er hat etwas sehr Interessantes gesagt: Wenn es einem gelänge, einen Nischenstoff auf der ganzen Welt zu zeigen, dann sei es kein Nischenstoff mehr, dann erreiche man ein erstaunlich großes Publikum. Als Jugendlicher arbeitete er in einer Videothek in Arizona. Er wollte den Besitzer überreden, Woody-Allen-Filme ins Sortiment aufzunehmen. Der erklärte ihm, dass sich das nicht rechnen würde: Die Menschen kämen nur aus einem Radius von fünf Meilen zu der Videothek, und da ließen sich nicht genug Leute finden, die an diesen Filmen Interesse hätten. Also holte Ted Sarandos weitere Videotheken aus der Umgegend mit an Bord und vergrößerte damit den Radius auf 30 Meilen: Auf einmal rechnete es sich, Woody Allen ins Programm aufzunehmen. Das war ihm eine Lehre. Und es ist der Grund, warum Netflix Stoffe wie "Unorthodox" macht. Sie rechnen sich.

Dabei erzählen Sie aber mit "Unorthodox" doch aber auch eine Geschichte, die ganz universal ist.

ANNA WINGER: Es war uns ein Anliegen, aus dem auf den ersten Blick obskuren Material eine Sendung zu machen, die absolut mainstream ist, auf gut deutsch: viele Menschen anspricht. Es ist eine sehr spezielle Welt, die wir zeigen. Aber was die Figuren erleben und fühlen, das ist für jedermann nachvollziehbar. Ich denke, dass sich "Unorthodox" über viele Grenzen hinwegsetzt: national, religiös, sogar geschlechtlich. Ich höre von vielen Männern, dass sie sich von der Geschichte dieser jungen Frau ganz unmittelbar berührt fühlen. Aber wenn Sie sich meine andere Serie betrachten: Deutschland83" spielt im deutschen Osten, erzählt eine Geschichte, die ganz spezifisch mit der DDR zusammenhängt, aber sie ist ein großer Hit in England und den USA. Ich erzähle einfach gerne Geschichten, die in ihrer Besonderheit als Metaphern stehen für ein ganz allgemeingültiges Empfinden, die Zeit und Raum transzendieren.

Wie ist es, mit Netflix zu arbeiten?

ANNA WINGER: Was Netflix auszeichnet, ist die Geschwindigkeit, in der Projekte umgesetzt werden. Sie ermächtigen Kreative, Entscheidungen zu treffen. Die Wege sind kurz. Ich hatte bei Netflix nur eine einzige Ansprechpartnerin, Rachel Eggebeen, die als Director International Originals alle relevanten Entscheidungen fällt. Und dann hatte ich bestenfalls noch mit zwei Leuten aus dem Marketing zu tun. Netflix ist für mich kein Konzern, sondern besteht nur aus diesen drei Leuten. Wenn ich Fragen habe, wende ich mich an sie. Sie können sie beantworten. Es ist alles ganz simpel - und der Dialog ist sehr persönlich.

Als Showrunner tragen Sie bei Netflix also die Verantwortung für das gesamte Projekt?

ANNA WINGER: Das stimmt. Am Ende des Tages liefen alle kreativen Fäden bei Studio Airlift zusammen. So wie ich nur mit Rachel Eggebeen bei Netflix kommunizieren musste, sprach sie wiederum auch nur mit mir. Gleichzeitig geht meine Verantwortung als Showrunner aber noch weiter, weil ich auch die Verantwortung für das Drehbuch trage. Aber ich hatte in Real Film Berlin mit Henning Kamm einen sehr guten Partner und Ko-Produzenten, mit dem ich gemeinsam die täglichen Herausforderungen gemeistert habe.

Das empfanden Sie nicht als Belastung?

ANNA WINGER: Im Gegenteil. Ich würde es nicht anders haben wollen. Einer der Gründe, warum ich meine Firma Studio Airlift gegründet habe, ist haargenau, dass ich Stoffe entwickeln und umsetzen und gleichzeitig volle Kontrolle über sie haben will. Das mag auch damit zusammenhängen, dass ich Quereinsteigerin bin. Vor fünf Jahren erst habe ich überhaupt begonnen, als professionelle Drehbuchautorin zu arbeiten. Davor habe ich als Fotografin gearbeitet und war es gewohnt, mich auch bei diesem Job immer um alles selbst zu kümmern. Das entspricht meinem Selbstverständnis.

Aber warum dann nicht gleich Produzent sein?

ANNA WINGER: Das moderne Fernsehen ist anders aufgesetzt: Das Drehbuch ist Dreh- und Angelpunkt. Deshalb ist der Showrunner auch die Person, um die herum die Produktion aufgestellt wird. Ich kann mir das auch beim besten Willen nicht anders vorstellen: Der Urheber der Geschichte ist derjenige, der am besten weiß, wie man dieser Geschichte gerecht wird. Das System funktioniert.

Auch in Deutschland?

ANNA WINGER: Ich merke, dass es sich langsam wandelt. Viele Drehbuchautoren wollen gerne ihren Einfluss vergrößern. Das ist richtig und wichtig. Oft wollen sie dann aber auch die Verantwortung nicht übernehmen, die es zu übernehmen gilt, wenn man ein Showrunner sein will. Bei jüngeren Autoren ist dieses Selbstbewusstsein bereits da.

Studio Airlift ist entsprechend aufgesetzt?

ANNA WINGER: Ich habe die Firma gegründet, weil ich daran glaube, dass Serien Material sind, das vom Autor ausgeht. Entsprechend will ich Content entwickeln und ausführend produzieren, der seinen Ursprung beim Autor hat. Bei meinen Projekten soll der Autor immer am Steuer sitzen. Ich konnte mir nicht vorstellen, all das aus einer bereits existierenden Firma heraus zu realisieren. Mit einer eigenen Firma kann ich meine Vorstellungen besser und klarer definiert umsetzen. Dabei will ich nicht nur meine Stoffe verwirklichen, sondern auch Nachwuchsautoren die Chance geben, ihre Arbeit mit meiner Hilfe zu produzieren. Die beiden Autoren, mit denen ich "Unorthodox" geschrieben habe, Alexa Karolinski und Daniel Hendler, sind auch Produzenten der Miniserie, haben also effektiv während der Arbeit an der Show gelernt, wie man als Showrunner arbeitet.

Wie definieren Sie die Arbeit eines Showrunners genau?

ANNA WINGER: Man braucht ein Dorf, um eine Fernsehserie zu machen. Als Showrunner bin ich der Bürgermeister dieses Dorfs, ich wähle aus, wer in diesem Dorf leben darf. Ich mache nicht alles selbst, ich treffe nicht alle Entscheidungen. Aber bei mir laufen alle Fäden zusammen. Die Verantwortung ist gewaltig. Sie betrifft alle kreativen wie finanziellen Entscheidungen. Ich wähle das Team aus, ich muss dafür sorgen, dass wir das Budget nicht überziehen und die fertige Produktion termingerecht abliefern. Im Fall von "Unorthodox" wollte ich unbedingt mit Maria Schrader als Regisseurin arbeiten, die ich als Schauspielerin von "Deutschland83/86/89" her kannte. Als kreative Mitstreiter haben wir das Team ihrer Regiearbeit Vor der Morgenröte" versammelt. Ihrer Vision habe ich vertraut. Aber sie waren nicht diejenigen, von denen die Idee oder das Buch stammte. Und sie waren es auch nicht, die mit Netflix in Kontakt waren. Das macht der Showrunner. Seine Arbeit geht dann noch weiter, wenn der Autor fertig ist. Er sorgt dafür, dass das, was auf den Seiten steht, auf dem Bildschirm landet.

In den USA wäre das noch nicht einmal ein Thema.

ANNA WINGER: Die Arbeit in Deutschland ist manchmal etwas frustrierend, diese endlosen Debatten zu führen, ob und wie wichtig Autoren für das Gelingen einer Serie sind. Ich musste meine Firma gründen und Produzentin werden, um in Deutschland als Showrunner und Autor so arbeiten zu können, wie es in den USA selbstverständlich ist. In Deutschland würden mir sonst zurzeit nur noch Jantje Friese und mein Mann Jörg Winger einfallen, die die Aufgaben eines Showrunners verinnerlicht haben. In den USA kenne ich fast ausschließlich Autoren, für die es selbstverständlich ist, so zu arbeiten.

Trifft das auch für Kinofilme zu?

ANNA WINGER: Ich finde nicht. Ein Drehbuch für einen Kinofilm könnte ich einem Regisseur überlassen, ohne mir weiter Gedanken zu machen. Bei einer Serie ist das anders, da geht ohne das Drehbuch gar nichts. Alles hängt mit dem Drehbuch zusammen. Weshalb der Showrunner die tonangebende Figur ist. Das ist mein Traumjob. Ich würde kein Regisseur sein wollen. Ich will nicht inszenieren. Ich will nicht den ganzen Tag am Set stehen. Ich arbeite lieber am Schreibtisch, von zu Hause aus, wo ich mich auch noch um meine Kinder kümmern kann. Aber ich arbeite sehr gut mit Regisseuren zusammen. Ich fühle mich nicht im Wettbewerb mit ihnen. Im Gegenteil: Nur gemeinsam, wenn man an einem Strang zieht, kann man optimale Arbeit abliefern.

Mit Studio Airlift arbeiten Sie aktuell an einer Serie für Apple.

ANNA WINGER: Wir haben sie bei uns in Berlin entwickelt und werden sie nun als ausführende Produzenten umsetzen, eine große internationale Show mit hohem Budget, die in London entstehen soll, "Suspicion". Oder besser gesagt: aktuell entstehen würde, wenn wir die Produktion nicht gerade wegen des Coronavirus hätten aussetzen müssen. Uma Thurman wird die Hauptrolle spielen. Es handelt sich um eine Adaption der israelischen Serie "False Flag", die wir allerdings komplett umgearbeitet haben.

Wie wird es weitergehen?

ANNA WINGER: Wir werden die Arbeiten fortsetzen, sobald es die Umstände zulassen. Wann das sein wird? Das weiß keiner. Das Gute ist, dass ich als Autorin in der Zwischenzeit ungehindert weitermachen kann. Es gibt noch so viele tolle Geschichten zu erzählen.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.