Kino

European Film Promotion setzt auf digitale Vernetzung

Der genaue Schaden, der auf die europäische Filmbranche aufgrund der Coronavirus-Pandemie zurollt, lässt sich noch gar nicht annähernd abschätzen. Klar ist nur, dass er dramatisch groß sein wird. Auch die Arbeit der European Film Promotion (EFP) wird durch die Absagen bzw. Verschiebungen zahlreicher Filmfestivals vor neue Herausforderungen gestellt.

26.03.2020 16:15 • von Barbara Schuster

Der genaue Schaden, der auf die europäische Filmbranche aufgrund der Coronavirus-Pandemie zurollt, lässt sich noch gar nicht annähernd abschätzen. Klar ist nur, dass er dramatisch groß sein wird. Auch die Arbeit der European Film Promotion (EFP) wird durch die Absagen bzw. Verschiebungen zahlreicher Filmfestivals vor neue Herausforderungen gestellt. Dennoch sei es in diesen schwierigen Zeiten wichtiger denn je, dass die europäische Filmbranche vernetzt bleibe und positiv nach vorn blicke.

EFP-Managing Director Sonja Heinen erklärt: "EFP als das Netzwerk aller europäischen Filmpromotion-Institutionen ist dafür zuständig, europäische Filme und seine Talente insbesondere außerhalb Europas zu promoten und zu vernetzen. Der Schaden für die weltweite (nicht nur die europäische) Film- und Kinobranche wird gravierend sein, und daran wird EFP auch nicht wirklich etwas ändern können. Wir können nur dafür sorgen, dass unsere Marke 'EUROPE! Films. Talent. Spirit.' so viel und gut wie möglich international weiter sichtbar und positiv besetzt ist. Und natürlich kann EFP mehr denn je als zentraler Vermittler zwischen Festivals und Verleihern aus dem internationalen Ausland auf der einen Seite und Weltvertrieben, Produzenten und nationalen Filminstitutionen auf der anderen Seite fungieren."

Nun laufen Überlegungen auf Hochtouren, wie die in der Branche bekannten Programme digital weitergeführt werden können. Laut EFP-Managing Director Sonja Heinen gehe es aber auch darum, die Rolle der EFP in Zeiten der Krise zu definieren und ihr Know-how den jeweiligen Mitgliedern aber auch den Festivals zur Verfügung zu stellen.

Das im Rahmen des Festival de Cannes als nächstes anstehende Angebot Producers on the Move will die EFP etwa unabhängig vom Festival an der Cote d'Azur virtuell stattfinden lassen. EFP möchte dabei das Potential von Producers on the Move als Netzwerktreffen mit Hilfe von digitalen Tools wie One-to-One-Meetings, Austausch von Best Practices und digitale soziale Treffen für die Teilnehmer verstärken. Sonja Heinen führt aus: "Wir haben bereits vor fast einem Jahr angefangen, viel auf digital umzustellen, auch damit wir schneller mit unseren Mitgliedsinstitutionen aus 37 Ländern in Europa kommunizieren können. Daher fangen wir jetzt quasi nicht wirklich bei Null an, sondern kennen uns schon ein bisschen mit einigen bestehenden Möglichkeiten aus. Producers on the Move machen wir jetzt zum 21. Mal - und diese langjährige Erfahrung macht es natürlich auch etwas einfacher für uns, eine neue Herausforderung anzunehmen und umzusetzen. Es ist uns einfach auch wichtig, für die Produzenten in Europa das Signal zu setzen, dass diese Initiative nicht einfach aussetzt, sondern sie unbedingt auch in diesem schwierigen Jahr international und prominent promoten und zusammenbringen möchte, wenngleich auch in einem anderen Format als sonst. POM soll vom 12.-15. Mai stattfinden - während der ursprünglichen Cannes-Festivaldaten.

Die Überlegungen gehen jedoch weit über Cannes hinaus. Denn EFP plant, proaktiv mit allen Partnerfestivals und -Märkten, die sich aufgrund der Pandemie in virtuelle Märkte verwandeln wollen bzw. müssen, Möglichkeiten zu entwickeln, die die europäischen Filme und deren "Macher" auch dabei promoten und vernetzen. "Für unsere europäischen Arthouse-Filme ist es von unschätzbarem Wert, dass sie bei wichtigen internationalen Festivals gezeigt werden. In sehr vielen Fällen ist die Weltpremiere bei einem Festival notwendig, um dann später ein Kinopublikum zu finden. Und natürlich steigert es auch den Verkaufswert der Filme, für ein relevantes Festival ausgewählt zu werden.

Auf der anderen Seite ist die Kuratierung der Festivals für die internationalen Einkäufer und Kinos sehr wichtig. Es ist eine bestimmte Qualitätsgarantie, steht für etwas, das man dann auch weiter 'verkaufen' kann. Wenn dieses Kuratieren wegfällt, werden sich die Einkäufer sehr viel schwieriger in dem (noch) großen Angebot zurecht finden - wichtige Kriterien und Maßstäbe fallen für sie weg. Deshalb finden wir es natürlich wichtig, dass die Festivals weiter Filme auswählen, die z.B. wir dann auch weiter promoten können, besonders auch außerhalb von Europa.Wenn das online geschieht, ist das natürlich nicht dasselbe wie bei einem 'echten' Festival, denn die Filmindustrie ist nach wie vor eine auf persönlichen Kontakten basierte Industrie, und die Publikumsreaktionen der großen vollen Kinosäle sind ein wichtiger Erfolgsindikator für die Verkäufe und Kritiken des jeweiligen Films. Aber in einem solchen schlimmen Jahr auf jeden Fall online besser als gar nicht", führt Sonja Heinen aus.

Neben zahlreichen "Online-Ausweichangeboten" ist ferner angedacht, das Programm Film Sales Support (FSS) zu flexibilisieren und für digitale Promotion zu öffnen. Wenn es die MEDIA-Richtlinien erlauben, könnte das Programm erweitert werden, so dass die Unterstützung durch FSS nicht unbedingt an die Präsenz auf einem Festival und auch nicht zwingend an eine Kinoauswertung gebunden sein muss, wie Heinen erklärt. In dieser schwierigen Situation sei es wichtig, dass Entscheidungen extrem schnell und unbürokratisch fallen. Ein schneller Austausch zwischen allen Akteuren sei notwendig und hilfreich. EFP sieht sich hier in einer Vermittlerrolle und würde sich auch zutrauen, zentraler Ansprechpartner zu werden, um die Kommunikation und Transparenz zu beschleunigen.

Ein regelmäßiger "Krisenausschuss" für die Filminstitute aus ganz Europa, für Sales, Trades, Festivals und andere Industriepartner und -verbände anbieten soll darüber hinaus angeboten werden, um sich schnell über Best-Practice-Beispiele auszutauschen. Einige Mitglieder haben ihre eigenen Ansprechpartner bei den Festivals, zusätzlich und für die anderen Mitglieder könnte die Promotionagentur diese Funktion übernehmen, um im Namen ihrer Mitgliedsorganisationen und vielleicht (zusammen mit Europa International) Meinungen und Bedarfe abzufragen. Darüber hinaus könnte EFP seinen Mitgliedsorganisationen und anderen relevanten Partnern sofortige Online-Schulungen anbieten, um sie für den digitalen Wandel in allen Promotionsbereichen zu qualifizieren. Sonja Heinen unterstreicht zum Schluss noch einmal, wie wichtig es sei, "am Ball zu bleiben": "EFP steht für die Promotion europäischer Filme und europäischer Talente. Dabei steht die Vielfalt aus Europa immer im Vordergrund. Ziel unserer Promotion-Arbeit ist es, dass mehr europäische Filme international, hauptsächlich außerhalb Europas, ins Kino kommen. EFP arbeitet in erster Linie Business-to-Business, will also (zusammen mit den Weltvertrieben) internationale Verleiher mit seiner Arbeit erreichen. Das tun wir bei den wichtigsten internationalen Festivals und Filmmärkten in der ganzen Welt. Wenn diese Festivals und Märkte nicht mehr stattfinden, fallen etwa 75 Prozent unserer weltweiten Aktivitäten weg, d.h. wir hätten dann auch sehr wenig Arbeit..."