Kino

Europas Indies mit Notfallplan

Unabhängige Filmverleiher in Europa setzen sich aktuell vermehrt über das Kinofenster hinweg. Die Maßnahmen geschehen indes unter besonderen Bedingungen angesichts der durch die Corona-Pandemie geschlossenen Kinos. Es gibt allerdings Befürchtungen, dass damit neue Modelle der Auswertung geschaffen werden, die auch noch nach überstandener Krise praktiziert werden könnten.

26.03.2020 16:13 • von Barbara Schuster
"Jumbo" von Zoé Wittock kommt in Belgien doch nicht ins Kino (Bild: Kwassa Films)

In Belgien haben sich mehrere Independent-Verleiher zusammengeschlossen, um eine Anzahl ihrer Arthousetitel als Premium-VoD unter den gegenwärtigen Umständen direkt an die Konsumenten zu bringen. Titel, die entweder gerade erst im Kino waren, aber aufgrund der Schließungen nicht mehr weiter ausgewertet werden können, oder deren Kinostart aktuell angestanden hätte. Zu ihnen gehören Imagine, Cineart und O'Brother Distribution. Als Kooperationspartner dienen die in Belgien führenden VoD-Dienste für Arthouse: VoD VOO, Proximus, Universciné, Pickx, Dalton und Lumièrefilms. So wertet O'Brother Distribution den in Sundance gefeierten Film "Jumbo" von Zoé Wittock, der eigentlich eine Kinoauswertung erfahren sollte, nun online via VoD Premium aus.

Im "Hollywood Reporter" argumentiert Thomas Verkaeren von O'Brother die Entscheidung, den Film direkt in die VoD-Auswertung zu schicken damit, dass der Verleih bereits 30.000 Euro in das Filmmarketing gesteckt hätte. Wenn die Krise irgendwann überstanden sei, hätte der Verleih nicht weitere 30.000 Euro für den Film zur Verfügung. Zudem fügt Verkaeren als Erklärung an, dass es durchaus sein könne, dass sein kleiner Film nach Wiederöffnung der Kinos von all den großen verschobenen Tentpoles der Majors "erdrückt" werden würde. Nach überstandener Krise stünde "Jumbo" sicherlich nicht an erster Stelle bei den Filmtheatern.

Wie in Belgien würden auch andernorts in Europa unabhängige Verleiher über das Kinofenster hinweggehen. In Polen etwa stellte der Verleih Kino Swiat den neuen Film von Jan Komasa ("Corpus Christi"), "The Hater", nicht einmal zwei Wochen nach Kinostart als VoD zur Verfügung. Diese Aktion erfolgte ebenfalls im Zuge der in Polen angeordneten Kinoschließungen. Die Maßnahmen sollen die drastischen Schäden für Verleiher, Produzenten und das unabhängige Kino generell etwas abfedern. In Frankreich hat die Regierung unlängst eine zeitlich begrenzte Anordnung verabschiedet, damit die staatliche Förderanstalt CNC die Berechtigung erhalte, das Auswertungsfenster zum VoD-Start für all diejenigen Filme, die dem Shutdown der Kinos zum Opfer fielen, verkürzen zu dürfen. Dieser Beschluss steht etwa im direkten Kontrast zu dem von UNIC veröffentlichten Aufruf.

Bei einigen europäischen unabhängigen Verleihern werden die Kinos nicht außen vorgelassen, wenn die Filme direkt in die VoD-Auswertung geschickt werden. So kooperiert Schwedens größte Plattform für Arthousefilme, die vom Göteborg Film Festival betriebene Seite Drakenfilm.se, seit Neuestem mit den Indieverleihern Nonstop Entertainment, Folkets Bio und Smorgasbord Picture House und bringt deren aktuelle Filme, darunter etwa "Porträt einer jungen Frau in Flammen" oder "Die perfekte Kandidatin", in die VoD-Auswertung. Dabei unterstützt Draken auch Arthouse-Kinos: Für die kommenden sechs Monate sollen die Einnahmen durch neu gewonnene Abonnenten mit Kinos geteilt werden. Beim Anmeldeprozess auf der Seite kann jeder Abonnent bestimmen, welches Kino er unterstützen möchte. Laut Jonas Holmberg von Drakenfilm.se habe man einen Tag nach der neuen Kooperation bereits einen zehnprozentigen Anstieg bei den Abos feststellen können. Gegenüber dem Hollywood Reporter sagt er, allein mit diesen Einnahmen könne die Monatsmiete für ein kleines unabhängiges Kino gezahlt werden. Ähnliche Aktionen zur Unterstützung der Arthousekinos laufen auch bei VoD-Plattformen wie Kino on Demand oder MUBI.