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First Look: Erster Erfahrungstest mit Disney+

Seit gestern ist Disney+ auch in Deutschland auf Sendung. Thomas Schultze, Chefredakteur und Leiter der Filmredaktion von Blickpunkt:Film, hat einen ersten Blick gewagt.

25.03.2020 13:27 • von Thomas Schultze
Das Zugpferd von Disney+: "The Mandalorian" (Bild: Disney)

Als ich per E-Mail ankündigte, ich hätte vor, einen ersten Erfahrungsbericht über Disney+ zu schreiben, erhielt ich die hämische Bemerkung eines Kollegen als Antwort, ich wolle das doch nur als Vorwand nutzen, um guten Gewissens The Mandalorian" weiterzuschauen. Das ist nicht richtig. Zumindest nicht ganz. Weil ich von "The Mandalorian", die von Jon Favreau konzipierte erste Originals-Serie für Disneys in Deutschland gestern gestarteten Streamingdienst, bislang noch gar nichts gesehen hatte. Trotz des Wirbelsturms in den Medien und sozialen Netzwerken, der beim US-Launch der "Star Wars"-Spinoff-Serie im vergangenen November losgebrochen war. Was auch damit zusammenhängt, dass "Star Wars" keine Ersatzreligion für mich ist. Ich habe die Filme der letzten Trilogie pflichtbewusst angesehen, den zweiten - und meiner Meinung nach besten - Teil allerdings nur später als legalen Download. Wenn über die Feinheiten des von George Lucas geschaffenen Universums debattiert wird, wende ich mich ab.

Aber klar, man will schon wissen, was genau das ist, das gerade eine so große Welle macht. Deshalb war das schließlich auch die erste richtige Amtshandlung, nach der Anmeldung (unproblematisch) und einer ersten Orientierung auf der Seite von Disney+, die, wen wundert's, nicht grundlegend anders aufgebaut ist als Netflix oder Prime auch. Natürlich wird man erst einmal überrollt von den großen Blockbustern aus der weiteren Disney-Familie. Viel Marvel, viel Disney Animation, viel Pixar, viele der aktuellen Märchenneuverfilmungen, darunter als neuester Titel "Der König der Löwen", der zweiterfolgreichste Kinofilm des vergangenen Jahres. Und natürlich "The Mandalorian", das unverkennbare Zugpferd beim Deutschland-Launch von Disney+. Also, mal die erste Folge antesten - zwei Folgen gibt es gleich zum Einstand, anschließend folgen neue Episoden der achtteiligen ersten Staffel immer freitags bis zum 1. Mai. Die Bedienung des Dienstes ist intuitiv, auch beim Starten der Titel gibt es keine auffälligen Probleme. Wenn der eine oder andere etwas länger lädt, hat das vermutlich mehr mit der eher bescheidenen Datenübertragungsrate in der Diaspora an der Münchner Stadtgrenze zu tun.

Die Begeisterung für "The Mandalorian" hält sich bei mir in Grenzen. Mir gefallen die Verweise auf klassische Western - Showrunner Favreau hatte sich vor knapp zehn Jahren einmal an dem eher misslungenen "Cowboys & Aliens" versucht und seinerzeit Ähnliches weniger souverän ausprobiert: der Saloon, das Reiten über die Steppe und durch Arroyos, der finale Shootout im Outpost. Aber letzten Endes - für mich - zu viel von dem, was mich ohnehin nicht interessiert an "Star Wars": die pompöse Musik, die albernen Kreaturen und Sprachen. Und was am schwersten wiegt: ein namenloser Held, offenkundig inspiriert von Eastwoods Fremden ohne Namen, dessen Gesicht immer hinter seiner Maske verborgen bleibt, dem man nie in die Augen sehen kann und der deshalb zwangsläufig eine Unbekannte bleiben muss. Dass man Monate nach dem US-Start und dem unablässigen Mediengewitter die große Überraschung am Ende der ersten Folge längst ahnt, bevor das Geheimnis in der letzten Szene gelüftet wird, wen genau die Hauptfigur ausfindig machen soll, verdirbt den Spaß zusätzlich.

Also lieber mal weitersehen, was Disney+ noch so zu bieten hat. Da ist zunächst erst einmal nicht allzu viel neuer Originalcontent, der zwingend wirkt: die Filmversion von "Susi & Strolch" vielleicht, die High School Musical"-Serie, zu deren Zielpublikum ich allerdings definitiv nicht zähle, oder, ziemlich angesagt, wie man hört, "The World According to Jeff Goldblum", eine Dokuserie mit Jeff Goldblum, der gerade hart daran arbeitet, Bill Murray als coolsten Sonderling Hollywoods abzulösen. Ich riskiere einen Blick, wie Goldblum sich Gedanken zum Thema "Sneakers" macht, aber auch hier ist mir der Stil zu hektisch, ich fühle mich erinnert an die unheilvolle Ära der Shaky-Cam bei MTV. Also lieber noch ein bisschen in das Programmangebot eintauchen.

Ich freue mich, dass zahlreiche Disney-Hits aus den frühen Tagen des Kinoverleihs in Deutschland zu finden sind: Cool Runnings" zum Beispiel, der es 1994 auf drei Mio. Besucher brachte, oder der wenig gesehene Iron Will", ein Abenteuerfilm im Stil von Jack London über ein Schlittenhunderennen in Alaska, oder der sehenswerte Rocketeer", der 1991 ein Blockbuster werden sollte, aber vom Publikum nicht angenommen wurde. Oder "Während Du schliefst", mit dem Sandra Bullock 1995 zum Publikumsliebling avancierte. Sogar ein paar noch ältere Klassiker aus dem Hause Disney lassen sich entdecken: Elliott, das Schmunzelmonster" zum Beispiel, oder sogar Dschungel der 1000 Gefahren" von 1960.

Auch eine ganze Reihe von Fox-Titeln lassen sich bereits entdecken, auch wenn das von Disney gekaufte Studio keinen eigenen Tag hat, anders als Disney, Pixar, Marvel, "Star Wars" und National Geographic (hier findet man unter anderem den Oscargewinner Free Solo"). Die großen Highlights sind gewiss "Avatar - Aufbruch nach Pandora", sage und schreibe 30 Staffeln von "Die Simpsons" und die X-Men"-Filme des Studios, die sich unter dem Marvel-Tag finden lassen, Seite an Seite mit den hauseigenen Blockbustern des Marvel Cinematic Universe. Wenn man ein bisschen stöbert, ist dann doch schon Einiges aus der Fox-Library vorhanden: "Kevin allein zu Haus", "Gregs Tagebuch" oder "Im Dutzend billiger", allesamt Titel, die sich nahtlos ins Disney-Familienprogramm fügen. Hier lässt sich auch die Achillesferse im Angebot von Disney+ finden: Filme für ein erwachsenes Publikum sind Mangelware. Weder sind größere Fox-Marken wie Stirb langsam" oder Alien" sowie Hits wie Speed" oder Predator" zu finden (auch Logan" ist nicht bei den Marvel-Filmen dabei), noch diverse Disney-Hits, die nicht ausschließlich die jüngere Zielgruppe ansprechen. Über Jerry-Bruckheimer-Produktionen wie The Rock - Fels der Entscheidung" oder Armageddon - Das jüngste Gericht" hätte ich mich gefreut, muss aber (hoffentlich nur) zwischenzeitlich Vorlieb nehmen mit den Familienmarken des Erfolgsproduzenten. Da ist noch Luft nach oben in einem Angebot, das allerdings jetzt schon größtenteils das anbietet, womit man die Marke Disney verbindet. Wenn jetzt noch mehr hochkarätige Originals zum Angebot dazukommen - da sind Netflix und Prime schon deutlich weiter -, dann sollte der langfristige Erfolg sicher sein. Wo Disney draufsteht, ist nun mal Disney drin. Entscheidend ist, dass der Dienst rund läuft. Also: Bewährungsprobe bestanden.

Zum Ausklang des First Looks auf Disney+ gönne ich mir eine absolute Lieblingsszene. Bei der Suche in den verschiedenen Sparten bin ich auf "Meine Lieder - meine Träume", besser bekannt unter dem Originaltitel "The Sound of Music", gestoßen, Robert Wises grandiose Verfilmung des Musicals von Rodgers & Hammerstein aus dem Jahr 1965, der bis 1973 erfolgreichste Film an den amerikanischen Kinokassen überhaupt. Die "Do Re Mi"-Szene, in der Julie Andrews als Kindermädchen mit den sieben Kindern der Trapp-Familie durch Salzburg tanzt, könnte ich mir im Loop den ganzen Tag ansehen. Was ich heute vermutlich auch machen werde. Die Zeit in Selbstquarantäne im Home-Office könnte man wahrlich schlechter verbringen. Und vielleicht schaue ich mir auch noch den zweiten Teil von "The Mandalorian" an. Aber nur vielleicht.

Thomas Schultze