Kino

Christian Bräuer: "Kultur ist kein Luxusgut, sondern die Hefe im Teig der Gesellschaft"

Christian Bräuer, Vorsitzender der AG Kino - Gilde, macht sich Gedanken zum Status quo angesichts der Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus. Sofern nicht wirksame Sofortmaßnahmen greifen, seien schon bald Insolvenzen zu erwarten.

23.03.2020 13:03 • von Barbara Schuster

Christian Bräuer, Vorsitzender der AG Kino - Gilde, macht sich Gedanken zum Status quo angesichts der Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus. Sofern nicht wirksame Sofortmaßnahmen greifen, seinen schon bald Insolvenzen zu erwarten.

Hier das Statement im Wortlaut:

Sicherheit und Gesundheit gehen vor und als sozialer Ort sind wir uns unserer Verantwortung voll und ganz bewusst. Von daher verstehen wir die Entscheidung und wir hoffen, dass mit diesen Maßnahmen die Verbreitung des Virus verlangsamt werden kann.

Zugleich macht uns die Situation auch sehr traurig. Kino ist ein Kulturort und wie wir Kino verstehen ein elementarer Diskursraum in unserer Gesellschaft. Kultur ist kein Luxusgut, sondern die Hefe im Teig der Gesellschaft. Gerade in Krisenzeiten sind Kunst und die kritische Auseinandersetzung für eine freie, demokratische Gemeinschaft wichtiger denn je. Wir hoffen auch deshalb sehr, dass wir bald wieder öffnen und schnellstmöglich auch unsere gesellschaftliche Aufgabe wieder wahrnehmen können.

Wirtschaftlich ist die Schließung für die Kinos natürlich katastrophal. Aus dem, was wir den Gesprächen mit der Bundesregierung und den öffentlichen Empfehlungen von Virologen und Wissenschaftlern entnehmen, müssen wir davon ausgehen, dass die Kinos bis in den Frühsommer hinein geschlossen bleiben könnten. Auch danach ist nicht mit einer raschen Normalisierung zu rechnen. Aufholen ist also nicht möglich.

Greifen nicht bald wirksame Sofortmaßnahmen für unseren Sektor, sind schon bald Insolvenzen zu erwarten. Gerade die traditionellen Kinos und Filmkunsttheater folgen mit ihrem hohen gesellschaftlichen und kulturellen Engagement nicht allein dem Prinzip der Gewinnmaximierung. Sie verfügen nicht über erforderliche Rücklagen. Zugleich belastet sie jetzt eine hohe Grundkostenstruktur. Dies liegt an den oft hohen Mieten für die Spezialimmobilien, aber auch daran, dass viele Beschäftigte nicht unter Kurzarbeitergeldregelungen fallen.

Die bisher bekannten Programme richten sich an Kleinstbetriebe sowie die Industrie und Konzerne. Beides ist für den Kulturort Kino an der Schnittstelle zwischen Kultur und Wirtschaft nur zum Teil geeignet. Dank ihrer Programmauswahl sind unsere Kinos ein Spiegel unserer Gesellschaft. Sie gehören zu den selten gewordenen kollektiven Räumen, wo sich Kulturschaffende und Publikum begegnen können, wo es freie und offene Diskussionen gibt, wo Meinungen geäußert werden und wo Ideen Gestalt annehmen. Damit tragen sie zu dem bei, was unser ganzes Land so lebenswert macht.

Die Bewältigung der Pandemie ist eine gesellschaftliche Herausforderung. Sie nimmt uns alle - privat wie unternehmerisch - in die Pflicht. Selbiges gilt auch für die wirtschaftlichen Folgen. Hier sind wir natürlich auch auf staatliche Hilfe angewiesen. Wir brauchen speziell auf die Situation der Kulturorte zugeschnittene Soforthilfeprogramme, ansonsten besteht die Gefahr, dass am Ende viele Spielorte für immer verschwinden und die Kultur durch den Rost fällt. Kultur ist kein Luxusgut, sondern die Hefe im Teig einer lebendigen demokratischen Gesellschaft. Kultur ist Lebensmittel.

Insbesondere für die nach dem Kurzarbeitgeld und weiterer unmittelbarer Zuschüsse verbleibenden Grundkosten brauchen die Kinos Unterstützung. Dänemark bezuschusst die Grundkosten bei Kinos mit 80 Prozent. Mit der Öffnung des "Zukunftsprogramm Kino" zur Finanzierung der Grundkosten für den Zeitraum der Corona-Pandemie-bedingten Betriebseinschränkungen gäbe es ein geeignetes Instrument, um die Filmtheater hier zu unterstützen. Es handelt sich im Vergleich zu den immensen Summen, die derzeit diskutiert werden, um einen überschaubaren Betrag mit großer Wirkung, der zusätzlich dem "Zukunftsprogramm Kino" zugeführt werden müsste.

Generell glauben wir ans Kino. Die Mediennutzung differenziert sich weiter, aber Kino hat eine einzigartige Stärke in digitalen Zeiten: den analogen Ort und die Gemeinschaft. Wie wertvoll das ist, erleben wir gerade jeden Tag, an dem wir diese Orte nicht haben. Die Filmtheater haben viele Krisen durchstanden, und ich bin fest davon überzeugt, dass die Menschen nach der Zeit der Isolation die gemeinsamen Begegnungen und Erlebnisse im täglichen Leben noch stärker zu schätzen wissen. Und genau das bieten die Kinos als in der Nachbarschaft verwurzelte Orte der Alltagskultur. Oder wie Christopher Nolan gerade in der "Washington Post" kommentierte: "The past few weeks have been a reminder, if we needed one, that there are parts of life that are far more important than going to the movies. But, when you consider what theaters provide, maybe not so many as you might think."

 

Die AG Kino - Gilde hat einen ausführlichen Maßnahmenkatalog dessen akutelle Fassung Sie hier im Wortlaut finden, formuliert. Je nach Entwicklung der Situation wird der Maßnahmenkatalog unter www.programmkino.de aktualisiert:

1. Gesamtwirtschaftliche Maßnahmen

Die Bundesregierung hat bereits einige wichtige Maßnahmen auf den Weg gebracht. Neben Krediten als Liquiditätshilfen sind aber unbürokratische Zuschüsse für kleine Unternehmen extrem wichtig. Ansonsten droht den meisten Betrieben die totale Überschuldung!

a. Kurzarbeitergeld

Die Maßnahmen zum Kurzarbeitergeld sind wichtig. Allerdings arbeiten gerade in der Kreativwirtschaft sehr viele in Teilzeit oder zu niedrigen Stundenlöhnen. 60-67% des Nettolohnes als Ersatzleistung reichen nicht zum Leben aus. Es muss unkompliziert eine Aufstockung durch Grundsicherung möglich sein.

Zudem müssen auch Minijobber und geringfügig Beschäftigte die Möglichkeit für Kurzarbeitergeld bekommen.

b. Infektionsschutzgesetz:

Entschädigungsleistungen nach §56 und 65 InfSchG müssen geklärt und auf die Fälle ausgeweitet werden, in denen Betriebe behördlich geschlossen wurden, ohne dass konkrete Krankheits- und Verdachtsfälle nach §31 InfSchG vorliegen. Wir schlagen vor, die Gehaltslücke zum Kurzarbeitergeld über die Entschädigung nach InfSchG zu schießen.

c. Steuern, Sozialbeiträge, GEMA

Steuern, Sozialbeiträge, GEMA-Beiträge sollen gestundet werden sowie auf die Eintreibungen etwaiger Schulden und Versäumniszuschläge verzichtet werden. Gewerbesteuern sollten ausgesetzt, Umsatzsteuern erlassen werden.

d. Gewährung von Zuschüssen für Mieten und Grundkosten

2. Maßnahmen für die Kinobranche über die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (BKM)

Echte Zuschüssen für die besonders hart betroffenen Kinobetriebe sind erforderlich. Darlehens- und Bürgschaftsprogramme reichen nicht aus. Mit der Öffnung des Zukunftsprogramm Kino zur Finanzierung der Grundkosten für den Zeitraum der Corona-Pandemie-bedingten Betriebseinschränkungen gäbe es ein geeignetes Instrument, um die Filmtheater hier zu unterstützen.

a. Zukunftsprogramm Kino

Das Zukunftsprogramm Kino sollte zur Finanzierung der die nach dem Kurzarbeitgeld und weiterer unmittelbarer Zuschüsse verbleibenden Grundkosten geöffnet werden. Zugleich sollten Kinos bereits geplante Modernisierungsmaßnahmen durchführen und sich innovativ aufstellen können, um nach der Krise gestärkt an den Start gehen zu können.

Folgende Änderungen im Programm sollten vorgenommen werden:

- Finanzierung von 80 % der nach dem Kurzarbeitgeld und weiterer unmittelbarer Zuschüsse nachgewiesenen Grundkosten

- Kein Eigenanteil

- Anerkennung von Eigenleistungen (auch im Sinne der Weiterbeschäftigung eines Teils der Mitarbeiter*innen)

- Beschleunigte Antragsbearbeitung

- Vorabauszahlung der Förderung (keine Zweckentfremdung der Förderungen; Rechnungen für förderfähige bzw. bewilligte Maßnahmen werden nachgereicht)

b. Deutliche Aufstockung des BKM-Kinoprogrammpreises im Jahr 2020 und/oder Entwicklung einer innovativen Programmförderung

Während der Schließung müssen die Kinos ihr Publikum über social media und online weiter betreuen und Aktionen anbieten. Wenn die Kinos wieder geöffnet werden, muss in Marketing und Programm investiert werden.

3. Maßnahmen der Länderförderer

a. Deutliche Erhöhung Kinoprogrammpreise oder Ausschüttung von Referenzgeldern

Aufrechterhaltung und Ankurbelung des Geschäfts sowie innovativer Publikumsbetreuung/-Begleitung auch während der Schließung

b. Flexibilisierung der Länderförderprogramme für Kinos

Ermöglichung der kontinuierlichen Antragstellung und Bewilligung der Länderförderprogramme

Vorabauszahlung der Förderung (keine Zweckentfremdung der Förderungen; Rechnungen für förderfähige bzw. bewilligte Maßnahmen werden nachgereicht)

Stundung und in besonderen Fällen Erlass von Rückzahlungsansprüchen

c. Beteiligung am Zukunftsprogramm Kino

Ziel: kein Eigenanteil der Kinos bei Modernisierungen

4. Maßnahmen der Filmförderungsanstalt FFA

Stundung offener und Aussetzung kommender Filmabgabezahlungen

Stundung der Tilgungszahlungen

Kinoreferenz- und -projektförderung

Anerkennung von Eigenleistungen (auch im Sinner der Weiterbeschäftigung eines Teils der Mitarbeiter*innen)

Beschleunigte Antragsbearbeitung (insbesondere auch der Referenzförderung)

Vorabauszahlung*

5. Bildung einer Taskforce

Ansprechpartner*in/-stelle für die Branche

Ziele

Analyse der Corona-Pandemie-bedingten wirtschaftlichen Folgen

Beratung der Verbände und Unternehmen zu Hilfsprogrammen

Analyse von Förderlücken und Suche nach geeigneten Lösungen

Erarbeitung von Lösungen zur Wiedereröffnung der Betriebe und Fortsetzung von Produktionen in Abstimmung mit Gesundheitsunternehmen

Besetzung:

Vertreter von BKM, FFA, Filmreferenten und Länderförderer;

beratend die Vertreter*innen der Hauptbetroffenen Sparten im Präsidium der FFA (Kino, Kreative, Produktion, Verleih)