Kino

Markus Goller: "Stoppt alle Drehgenehmigungen!"

Während die Corona-Krise in Deutschland auf ihren Höhepunkt zusteuert und die Regierung immer stärker soziale Kontakte einschränkt, werden weiterhin Dreharbeiten durchgeführt. Regisseur Markus Goller ("25 km/h") richtet deswegen einen dringenden Appell an Politik, Behörden und Branche.

20.03.2020 10:02 • von Jochen Müller
Markus Goller (Bild: Universum (Walt Disney))

"Unfassbarerweise wird in unserem Land, in dem seit vorgestern auch offiziell die Lage 'ernst' ist und jeglicher sozialer Kontakt vermieden werden soll, in dem an allen Fronten dafür gekämpft wird, dass der Virus, der Covid-19 verursacht, weniger hart zuschlagen kann, in dem alle dazu angehalten sind, verantwortungsbewusst mit dieser Ausnahmesituation umzugehen, vernünftig zu sein für das Wohl von uns allen und von jedem Einzelnen... ja, unfassbarer Weise wird trotzdem in manchen Studios und Locations in diesem Land noch gedreht.

Teams von 70-100 Leuten arbeiten auf engstem Raum zusammen, Schauspieler umarmen sich, küssen sich, Requisiten gehen durch Hände, Maskenbildner, Garderobieren, Tonassistenten im Vollkontakt mit den Schauspielern. Drehen zwingt dazu, sich zu berühren. Drehen zwingt dazu, sich zu verbinden. Drehorte sind ein idealer Hub und ein Fest für jeden Virus. Und nach getaner Arbeit gehen alle nach Hause und treffen auf ihre Liebsten oder Freunde.

Ich bin kein Experte, aber das macht nach allem, wie ich die Lage im Land und auf der Welt gerade kennenlerne, einfach keinen Sinn. Wir sollen doch zu Hause bleiben. Wir sollen uns nicht treffen. Wir sollen doch jegliche Ansammlung von Menschen meiden und verhindern. Warum also, frage ich, warum wird dann noch gedreht?

Ich wende mich hier an Euch, an alle Politiker, an alle Entscheider, Gesundheitsämter und Behörden:

Bitte stoppt SOFORT alle Drehgenehmigungen in Deutschland!

Wenn nicht von den Behörden sofort der Riegel vorgeschoben wird, befinden sich alle ProduzentInnen, die gerade drehen, in einem absoluten moralischen und existentiellen Desaster.

Stoppen sie den Dreh, dann hat das existentielle wirtschaftliche Konsequenzen, die alleine bei den Produktionen haften bleiben, weil kein Rettungsschirm jemals für genehmigte Arbeit, sprich Drehs aufgehen wird. Dazu bräuchte es ein offizielles Drehverbot, das es zwar teilweise gibt, nicht aber z.B. auf privatem Gelände, was für Studios meistens zutrifft.

Drehen sie weiter, weil sie einfach mit dem Rücken an der Wand stehen und den wirtschaftlichen und vielleicht damit einhergehenden menschlichen Ruin vor Augen haben, dann handeln sie entgegen jeglicher gesellschaftlicher Verantwortung und gefährden jeden Einzelnen und unser großes Ganzes.

Was für eine unfassbare Situation.

Das Dilemma hier ist zusätzlich, dass jeder Filmschaffende, der sich mit gesundem Menschenverstand gegen einen derartigen Dreh stellt, schlichtweg verantwortlich für das große Ganze wird. Was macht man in einer solchen Situation?

Und selbst wenn es zu einer Ausgangssperre kommen sollte, sind Filmschaffende wohl Arbeitnehmer, die zu ihrer Arbeit pendeln müssen, ob sie wollen oder nicht. Solange die Drehs vom Staat und den Behörden genehmigt sind.

Das kann einfach nicht sein.

Ich bitte Euch alle, alles in Bewegung zu setzen, damit diese Misere im Sinne unser aller Verantwortung und Gesundheit sofort gestoppt und verändert wird, und entweder jegliche Drehgenehmigungen sofort entzogen werden, oder einfach ein offizielles Drehverbot ausgesprochen wird. Sofort. Für uns alle.

All das, was wir jetzt brauchen, gemeinsam, miteinander Lösungen zu finden, gemeinsam sich gegenseitig zu stärken, einer für alle, alle für einen einzustehen, all das, was jetzt wichtig ist, wird hier sonst mit Füßen getreten.

Es ist die Zeit, um die Welt neu zu definieren. Lasst es uns leben und vorleben. Und Verantwortung für alle ist schon mal eine gute Basis.

Danke, Markus Goller"