Kino

KOMMENTAR: The end of the world as we know it

Die Lage ist ernst. Wie aussichtslos sie ist, hängt in nicht unbeträchtlichem Maße davon ab, wie lang der aktuell angeordnete Shutdown andauern wird.

19.03.2020 08:12 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Die Lage ist ernst. Wie aussichtslos sie ist, hängt in nicht unbeträchtlichem Maße davon ab, wie lang der aktuell angeordnete Shutdown andauern wird. Die Folgen für das komplette Leben, wie wir es bis vor zehn Tagen noch als selbstverständlich empfunden haben, werden beträchtlich sein, natürlich nicht nur für die Unterhaltungsbranche, aber selbstverständlich auch für die Sektoren Film und Fernsehen, über die verlässlich zu berichten unser täglich Brot ist. Welche Rolle der Kinobesuch spielen wird, wenn die akute Gefahr der Coronapandemie eingedämmt ist, lässt sich nicht einschätzen.

Dass die Menschen in den Wochen oder vielleicht Monaten die Lust am Kino verlieren könnten, erscheint mir unwahrscheinlich. Die Frage wird vielmehr sein, ob es angesichts der zu erwartenden wirtschaftlichen Härten möglich sein wird, die Existenz der Kinos zu sichern. Angst ist verständlich, wir befinden uns in einer Situation, in der sich die Menschheit noch nie befunden hat. Besonders schwer wiegt, dass in allen Krisen der letzten 100 Jahre das Kino stets der Ort war, in dem man Zerstreuung suchte, Zuflucht vor den Härten, mit denen man gerade fertig werden musste. Dass diese Rolle in Tagen des Shutdowns den Streamingdiensten und SVoD-Angeboten zufallen wird, mag schmerzen, ist aber immerhin ein Trost für die Menschen, die hoffentlich Zuhause ausharren. Die Entscheidung von Universal, drei seiner aktuell laufenden Kinotitel mit fast sofortiger Wirkung ins Home-Entertainment zu schicken und damit im Handstreich das Auswertungsfenster außer Kraft zu setzen, setzt einen Präzedenzfall, über den man in ein paar Monaten intensiver sprechen werden muss. Aus wirtschaftlicher Sicht ist dieser Schritt nur logisch: Diese Titel - "Der Unsichtbare", "The Hunt" und "Emma" - sind für die Kinoauswertung jetzt ohnehin tot. Später wird man sie sicherlich nicht mehr einsetzen können, wenn all die verschobenen Titel an den Start gehen. Und dass Trolls World Tour" die reguläre Kinoauswertung angesichts geschlossener Säle und Ausgangssperren komplett umgeht, trägt auch eher dazu bei, das Übermaß an aufgehobenen Kinohits nicht noch mit einem weiteren Film zu belasten. Das Ende des Kinos sind diese Schritte nicht.

Zumindest sind sie längst nicht so bedrohlich wie die Aussicht darauf, dass sich der Shutdown tatsächlich so lange (oder länger noch) hinzieht, wie nunmehr selbst Donald Trump befürchtet: Wie wir - und damit meine ich uns alle - bis Juli oder August unter diesen Umständen weitermachen können, lässt sich gerade nicht so recht ausmalen. Ich gebe Ihnen keine Durchhalteparolen mit - dafür habe ich selbst zuviel Sorge vor dem, was kommt.

Aber ich weiß auch, dass wir gemeinsam alles unternehmen müssen, dass die Pandemie unter Kontrolle kommt. Und freue mich darauf, endlich wieder ins Kino zugehen.

Thomas Schultze, Chefredakteur