Kino

The Artist was present

Bei der "Body of Truth"-Premiere im voll besetzten City Kino München war auch die serbische Performance-Künstlerin Marina Abramovic anwesend. Außerdem eine zweite der vier Protagonistinnen des Films.

12.03.2020 13:18 • von Jochen Müller
Regisseurin Evelyn Schels, Katharina Sieverding und Marina Abramovic bei der Premiere von "Body of Truth" (Bild: Kurt Krieger/NFP/Filmwelt)

In Anwesenheit der serbischen Performance-Künstlerin Marina Abramovic fand gestern im voll besetzten City Kino München die Premiere von Body of Truth" statt. Anwesend war auch eine zweite der vier Protagonistinnen des Films, die deutsche Fotografin Katharina Sieverding, die in ihrer Arbeit, die um faschistische Strukturen gestern und heute kreist, stark das Selbstporträt einbezieht. Die anderen Künstlerinnen, denen Evelyn Schels (Georg Baselitz") in ihren eindrucksvollen Porträts starker Frauen eine Stimme gibt, sind die international renommierte Foto- und Filmkünstlerin Shirin Neshat (Women without Men"), die als Exil-Iranerin in New York lebt, und die israelische Video- und Installationskünstlerin Sigalit Landau, erstes nachgeborenes Kind einer Familie von Holocaust-Opfern, die in ihrer Arbeit den Kriegsalltag im Nahostkonflikt aufgreift.

Allen gemeinsam sind ihre von gesellschaftlichen Konflikten bestimmten Biografien, oft verbunden mit der Erfahrung von Unterdrückung und Entfremdung. Verwundungen, die ihre Kunst prägten und von jeder auf ihre Art, oft in extremer Körperlichkeit, zu einem künstlerischen Ausdruck finden, der provoziert und zur Auseinandersetzung, zum Dialog fordert. Allen gemeinsam ist, wie es Shirin Neshat im Film formuliert, die Verletzlichkeit und gleichzeitige Stärke, die Frauen auszeichne.

Wie sehr sie den Dialog mit dem Publikum für ihre Arbeit brauche, erzählte Abramovic beim anschließenden Q&A einem begeisterten Auditorium. Erst die Zuschauer befähigten sie überhaupt zu ihrer Performance, gäben ihr die notwendige Energie. Sie probe nie, würde sich privat niemals den oft schmerzhaften Ritualen unterziehen. Über ihre Arbeit gibt es bereits den Dokumentarfilm "The Artist is present", der 2012 den Panorama-Publikumspreis gewann. "Body of Truth" feierte seine Festivalpremiere beim Filmfest Hamburg, seine internationale Premiere bei DOC New York.

Ohne Publikum muss die Künstlerin von Weltrang allerdings auch bei ihrer Inszenierung der Oper "7 Deaths of Maria Callas" an der Bayerischen Staatsoper auskommen. Alle Aufführungen wurden Corona-bedingt abgesagt, die Premiere am 11. April findet vor leeren Rängen statt - wird aber live auf Staatsoper.tv übertragen.

So wehte denn auch ein Hauch von Melancholie durchs City Kino, eine Ahnung von Verlust, wenn möglicherweise in Zukunft immer weitere Veranstaltungen gecancelt werden. Was man besessen hat, merkt man ja bekanntlich oft erst, wenn es verloren ist. Wie groß der Wunsch nach gemeinsamem Erleben im Kino, nach dem Teilen von Erfahrungen und Emotionen ist - das ließ die Stimmung im City Kino vermuten. Ein kleiner Lichtblick in düsteren Zeiten, der Vorfreude weckte auf volle Kinosäle in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft ...

Abramovic, international als Kriegerin der Kunst gefeiert, ergriff ganz zum Schluss noch einmal das Mikrofon, bedankte sich beim Publikum für sein Erscheinen und rief ihm zu: "Ihr seid alle Krieger!"

Marga Boehle