Kino

KOMMENTAR: Die Corona-Chroniken

Ein Virus kennt keine Moral. Das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 hält nun auch Europa und Deutschland in Atem. Dass die deutsche Wirtschaft hart getroffen werden wird, ist schon jetzt absehbar. Ob auch die Kinos schwere Kollateralschäden erleiden, hängt von den Entscheidungen der Behörden vor Ort ab.

12.03.2020 07:30 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Ein Virus kennt keine Moral. Das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 hält nun auch Europa und Deutschland in Atem. Dass die deutsche Wirtschaft hart getroffen werden wird, ist schon jetzt absehbar. Ob auch die Kinos schwere Kollateralschäden erleiden, hängt von den Entscheidungen der Behörden vor Ort ab. Es ist noch gar nicht lange her, dass wir staunend die Bilder einer völlig verwaisten Millionenstadt gesehen haben: Im chinesischen Wuhan riefen sich die Menschen von Hochhaus zu Hochhaus Mut zu. Da galt der neue Virus noch als ferne Bedrohung. Nun ist er überall angekommen und wird umso stärker wahrgenommen, je besser die medizinische Versorgung vor Ort ist. Mit äußerster Beunruhigung blicken alle nach Italien: Ein ganzes Land steht dort unter Quarantäne. Das öffentliche Leben ist praktisch zum Erliegen gekommen, jeder Gang auf die Straße muss gerechtfertigt sein. Restaurants schließen um 18 Uhr, alle Schulen, Universitäten, Kinos, Konzertsäle und sonstige Freizeiteinrichtungen sind bis auf weiteres geschlossen. Die RAI sendet immerhin verstärkt Kinderprogramm für die daheim Kasernierten. Österreich hat seine Grenzen zu Italien so gut wie dicht gemacht und gleichzeitig strenge Vorschriften erlassen, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Veranstaltungen über 100 Menschen sind untersagt; Kinos verkaufen pro Saal nur noch 99 Tickets und lassen weiträumig Platz zwischen den Besuchern frei.

Hierzulande wird noch mit Maß auf die Gefährdung reagiert. Noch gibt es nur die Empfehlung des Bundesgesundheitsministers, Großveranstaltungen zu meiden und Veranstaltungen über 1000 Besucher möglichst nicht durchzuführen. Das föderale System in Deutschland sorgt dafür, dass die Länder für die Umsetzung dieser Empfehlungen zuständig sind. Bayern und NRW haben dies bereits getan, in anderen Ländern wird punktuell entschieden. Sportevents finden vor leeren Rängen statt, Messen, Kongresse, Konzerte und sonstige Veranstaltungen werden reihenweise abgesagt. Noch sind Deutschlands Kinos kaum betroffen von den Einschränkungen. Auch den Zahlen vom Wochenende sind Besucherrückgänge (noch) nicht anzusehen.

Im Gegenteil, Die Känguru-Chroniken" markieren den besten Start eines deutschen Films in diesem Jahr und den zweitbesten Starts eines Films nach dem von Good Bye, Lenin!" für X-Verleih. Noch wollen Deutschlands Filmfans nicht nur zuhause vor Netflix und Amazon Prime ausharren oder demnächst Disney+ einen Einstieg nach Maß ermöglichen. Die Sorgen der Kinos, für die gerade ein Zukunftsprogramm gestartet wurde, verblassen natürlich vor den Sorgen um die Gesundheit der Alten und Schwachen, die dem neuen Virus nicht so einfach trotzen. Dennoch hofft die Branche weiter auf Entscheidungen mit Augenmaß, damit nicht 2020 den Beginn einer neuenKinokrise im digitalen Zeitalter markiert.