Produktion

Stefan Ruzowitzky: "Schönes, fettes Gefühlskino"

Der Oscar-prämierte Regisseur und Drehbuchautor feierte gestern Weltpremiere mit "Narziss und Goldmund". Seine nächste Regiearbeit "Hinterland" ist bereits in der Postproduktion. Mit Blickpunkt:Film sprach er u.a. über sein Konzept zu den beiden Filmen.

03.03.2020 13:23 • von Heike Angermaier
Stefan Ruzowitzky (Bild: Matthias Nareyek/Getty Images für Sony Pictures)

Der Oscar-prämierte Regisseur und Drehbuchautor Stefan Ruzowitzky ist am 12. März mit der Hermann-Hesse-Adaption Narziss und Goldmund" in den Kinos. Seine nächste Regiearbeit Hinterland" ist in der Postproduktion. Mit Blickpunkt:Film sprach er u.a. über sein Konzept zu den beiden Filmen.

Die Verfilmung von Hermann Hesses Erzählung ist schon länger angedacht. Wann sind Sie eingestiegen?

Stefan Ruzowitzky: Man überlegt schon seit Jahrzehnten, sie zu verfilmen. Ich schrieb vor etwa fünf Jahren ein neues Drehbuch. Die Finanzierung gestaltete sich nicht so einfach. Mit den zahlreichen Länderförderungen ist es nun eine komplexe Finanzierungsstruktur, um es euphemistisch zu sagen.

Was war das letztendlich überzeugende Konzept?

SR: Ein Hauptproblem der Adaption dieser Geschichte einer Freundschaft ist, dass in Hesses Erzählung Narziss, eine der zwei Hauptfiguren, nur am Anfang und am Ende vorkommt. Man hätte Handlungselemente dazu erfinden können, was ich nicht wollte. So erschien mir die Rückblendenstruktur eine kluge Lösung. Über sie konnte man auch die tiefgründigen Dialoge von Narziss und Goldmund, an denen mir viel lag, über den ganzen Film verteilen.

Wie sind Sie mit dem wechselnden Tonfall zwischen ernsthaften Glaubensdrama und weltlicher Lebenslust umgegangen?

SR: Die Grundidee war, aus der Erzählung nicht ein kontroverses Arthousedrama sondern einen Publikumsfilm zu machen, was auch Hesses Erzählung und ihrer Wirkungsgeschichte entspricht und von unserem Verleih Sony unterstützt wurde. Diesen Kontrast herauszuarbeiten, war eine schöne Aufgabe für mich als Filmemacher. Ich wollte den Übergang aus der rigiden, düster-farblosen Welt des Klosters in die des üppigen, farbenfrohen Lebens schildern. Hesse bzw. der Film zeigen diese Welt durch die Augen des Künstlers Goldmund, das heißt das Rot des Klatschmohn erscheint nochmal leuchtender, die Frauen noch schöner als in Wirklichkeit. Unser Anspruch war, nicht einen Film über das Mittelalter zu machen - da hätte ich als ehemaliger Student der Geschichte einen anderen gemacht - sondern über Hesses Mittelalter.

In Goldmunds Sicht sind die Wiesen im Film entsprechend paradiesisch mit Blumen ausgestattet.

SR: Da, wo es nicht genug echten Klatschmohn oder Raps gab, haben wir ihn digital ergänzt, die Farben aufgedreht - nach der Devise Klotzen und nicht Kleckern. Mir war aber wichtig, dass der Film kein Mittelalter-Bilderbogen wird. Das Buch ist sehr philosophisch, und ich habe mich jedes Mal gefreut, wenn ich das ein oder andere bedeutende Hesse-Zitat einer Nebenfigur, einer Bauernmagd oder einem Klosterschüler in den Mund legen konnte. Jeder Hesse-Fan hat seine Lieblingsstelle, die er gerne sehen würde. Aber eine Verfilmung ist immer auch eine persönliche Interpretation und ich muss meine Prioritäten setzen bei allem Respekt und Liebe zur Vorlage. Manches kann man nicht eins zu eins übernehmen, weil es heute anders verstanden wird. Bei der Rebekka-Szene etwa denkt ein heutiges Publikum unweigerlich an den Holocaust. Und Hesses Konzept von der freien Liebe, die nur für den Mann galt, kann man heute nicht mehr so bringen. Ich habe die Frauenfiguren viel stärker gezeichnet.

Sie arbeiteten bei "Narziss und Goldmund" mit einer tollen Besetzung von den Haupt- bis zu den Nebenrollen. War es schwierig, alle zu bekommen?

SR: Mit unserer Besetzung bin ich sehr glücklich! Elisa Schlott beispielsweise ist eine echte Entdeckung. Es war nicht so leicht, alle zu bekommen. Viele der Rollen sind kleine bzw. Gastrollen. Matthias Habich war nur zwei Tage da, Sunnyi Melles einen Tag. Ich wollte unbedingt Kida Khodr Ramadan haben, für den sein kleiner Part als Mönch eine größere Sache war, weil seine Tochter das Buch gerade in der Schule gelesen hatte und er stolz war, in einer Adaption deutscher Literatur mitzuspielen. Unsere Mönche kamen wie damals von überall her, Khida eben aus Neukölln, Andre Hennicke aus Sachsen, andere aus Österreich.

"Narziss und Goldmund" war auch insofern aufwändig, weil an vielen verschiedenen Locations gedreht wurde, alle Jahreszeiten abgebildet wurden. Wie haben Sie es gemacht?

SR: Wir haben kurz vor Weihnachten in Südtirol die Szenen gedreht, in denen Goldmund im Schnee ausgesetzt wird und Jannis Niewöhner - wirklich - barfuß durch den eisigen Fluss waten muss. In anderen Szenen haben wir Kunstschnee bzw. digitalen Schnee benutzt. Das war zwar kostenintensiv, aber unser Konzept war eben, ein ganzes Leben, eine ganze Welt zu erzählen, und dazu gehört eben auch Frühling, Sommer, Herbst und Winter abzubilden.

Als Filmemacher haben Sie eine enorme Bandbreite an Themen und Formen zwischen Dokumentarfilm, Drama und Thriller...

SR: Mit "Narziss" möchte ich schönes, fettes Gefühlskino machen! Andere Filme von mir sind wahnsinnig schnell geschnitten, manche sehr brutal, Fälscher" durchgehend mit wackeliger Reportagekamera erzählt. Ich verschreibe mich bei jedem meiner Filme einem bestimmten Konzept. Hier haben wir aus allen Rohren geschossen, um das Herz des Zuschauers, der Zuschauerin zu treffen, damit er, sie sich in unsere Hauptfiguren verliebt und mit ihnen deren Gefühlschaos durchlebt. Ist das Kitsch? Bei Hesse bzw. im Film passieren auch schreckliche Dinge, Menschen sterben, machen Fehler, scheitern - aber die Figuren verzweifeln nicht, werden nicht zynisch oder bitter, sondern kämpfen weiter. Das ist ein Weltverständnis, das mir nahe ist. Als Filmemacher kann man mit dem Leben gar nicht anders umgehen, sonst müsste man mit dem Filmemachen nach der ersten Enttäuschung aufhören.

Nach "Narziss und Goldmund" realisieren Sie nun einen Krimi, der in den Zwanzigern spielt. Inwieweit hat sich die Fertigstellung von "Narziss" mit der Produktion zu "Hinterland" überschnitten?

SR: Das war eigentlich anders geplant, die Postproduktion hat sich etwas verzögert.

Weswegen?

SR: Das betrifft nicht nur "Narziss": Bei aufwändigeren, teureren Filmen gibt es immer viele Leute, die mitreden wollen. Ich würde mir wünschen, dass Produzenten, Verleiher, Redaktionen das nicht bei jedem allerkleinsten Detail tun, sondern den Wert einer starken Regie-Handschrift würdigen. Ich bin ja kein Überraschungsei, man kann sich meine Filme ansehen, ich habe meinen Stil und ich halte mit meiner jeweiligen Vision im Vorfeld nicht hinter dem Berg. Dabei wünsche ich mir ja starke Produzenten, die meine Arbeit laufend hinterfagen und mich ermahnen, wenn ich von der gemeinsam entwickelten Vision abzuweichen drohe.

Wie ist der Status von "Hinterland", dessen Optik sich vom Filmexpressionismus inspirieren lässt?

SR: Wir sind im Schnitt und der ist gar nicht so einfach, weil man im Hintergrund nur Blue Screen-Blau sieht, die endgültigen Bilder erst im Laufe der kommenden Monate entstehen werden. Die Hintergründe, die auf Fotografien von historischen Wiener Straßenzügen basieren und im Stil von "Das Cabinet des Dr" bearbeitet wurden, gab es zwar teils schon im Vorfeld, aber es funktionierte oft nicht, die Schauspieler beim Dreh darin einzupassen, weil die Verzerrungen eben keiner realen Perspektive entsprechen. Für uns ist auch der Schnitt, die Postproduktion, ein Learning-by-Doing-Prozess. Die Passagen, die sehr weit fortgeschritten sind, sehen fantastisch aus, so wie man es noch bei keinem anderen Film gesehen hat! Wir wollten nicht noch einen historischen Film mit den sattsam bekannten, noch erhaltenen historischen Locations drehen.

Ist "Hinterland" eher ein Genre- oder ein Arthousefilm?

SR: Meine Filme bewegen sich ja fast immer zwischen Genre- und Arthousefilm. "Hinterland" ist ein Thriller, das Hauptaugenmerk liegt aber auf dem Bewusstseinszustand unseres Helden, der aus dem Ersten Weltkrieg zurück nach Wien kommt und sich nicht mehr zurecht findet, an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Erzählt wird das im Rahmen eines Krimi. Das zugrundeliegende Buch von Hanno Pinter gefiel allen, und auch unsere erneut tolle Besetzung ließ sich davon begeistern.

Haben Sie Lust nach "8 Tage" noch eine weitere Serie zu realisieren, breiter zu erzählen?

SR: Ich habe einige Anfragen bekommen, zu Serien und Spielfilmen. Deutsche wie internationale Projekte sind darunter. Aber dieses Jahr muss ich auch endlich Urlaub nehmen. Mir macht das Drehen irre Spaß, aber wenn man zu viel dreht, verliert man womöglich die Freude daran. Das wäre für mich der Supergau. Prinzipiell bleibe ich ein großer Fan des Kinofilms, in dem man die Geschichten ökonomisch erzählen und auf den Punkt bringen muss.

Haben Sie sich bereits für ein Projekt entschieden?

SR: Ich spreche mit den Produzenten über die Stoffe und bin dabei herauszufinden, ob wir das Selbe wollen. Ich bin in der luxuriösen Situation, dass ich auswählen kann, in welches Projekt ich mein Herzblut investiere. Das braucht aber Zeit. Damals zum Beispiel, als mir Die Fälscher" vorgeschlagen wurde, sagte ich erst "nein" und habe mich erst später in den Stoff verliebt.

Das Gespräch führte Heike Angermaier