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Berlinale Tag 9: "There Is Evil"

Am letzten Tag der Berlinale ging man niedergeschmettert aus dem Kino, ob des dokumentarischen Essays über Krieg und Massenvernichtung "Irradiés" und des Episodendramas über ein System, in dem niemand unschuldig bleiben kann, "There Is no Evil".

29.02.2020 11:10 • von Heike Angermaier

Mohammad Rasoulof, der trotz Verurteilung im Iran weiter Filme produziert und inszeniert, zuletzt wurde er für seine Regiearbeit A Man of Integrity" 2017 in Cannes prämiert, beschäftigt sich in "Sheytan vojud nadarad" bzw. "There is no evil" trotz des Titels mit dem Bösen. Es ist zu Anfang nur nicht offensichtlich, auch wenn einem bei der auch leise humorvollen Schilderung des Alltags eines gutmütigen Mannes, der Frau und Tochter abholt, mit ihnen einkaufen geht, sich um die Mutter kümmert, bisweilen mulmig wird. Erst am Ende der ersten und stärksten Episode wird mit einem Paukenschlag klar, warum die Hauptfigur zum Schlafen Tabletten nimmt. Er arbeitet im Gefängnis, ist ein Rad im Getriebe des Vollzugs der Todesstrafe. Dass es daraus kein Entrinnen gibt, demonstrieren eindrücklich die weiteren drei Episoden. Auch wer sich weigert, sich wehrt, wie der junge Rekrut in der zweiten Episode, der nicht bei der Tötung eines Verurteilten mitmachen will, kann dem System nicht entkommen. Ihm selbst gelingt sogar die Flucht zu den Klängen von "Bella Ciao", aber jemand Anderes wird dafür mit dem Tod bestraft werden... Die deutsche Koproduktion ist ein starkes Stück engagiertes, auch mitreißendes, parabelhaftes Kino.

Ein flammendes Essay gegen Krieg, Massenvernichtungswaffen und Völkermord legt der aus Kambodscha stammende Filmemacher Rithy Panh mit "Irradiés" vor. Er montiert Archivmaterial von den Verheerungen des Ersten und Zweiten Weltkriegs, des Vietnamkrieges und - wie bereits in mehreren vorherigen dokumentarischen Arbeiten - denen des Khmer-Regimes in Kambodscha auf drei Screens in der Art einer Videoinstallation nebeneinander und unterlegt sie mit poetischen, fragenden Texten von ihm, Schriftsteller und Verleger Christophe Bataille und Agnès Sénémaud sowie einem klassisch-modernen Score unterlegt. Die Texte kreisen auch um die Schuldgefühle der Überlebenden, die Erinnerung der nachfolgender Generationen. Eine Butoh-Performance unterbricht bzw. erscheint im Hintergrund und spiegelt als künstlerische Aufarbeitung die kaum erträglichen Bilder der Leichen- oder Skelettberge im KZ und in den Killing Fields, der durch Atombombe oder Giftgas verursachten Verletzungen. Das Archivmaterial zeigt auch die Maschinerie dahinter, etwa die Herstellung von Zyklon B, die Experimente. Niederschmetternd.

Engagiert, aber klar für ein breiteres Publikum konzipiert, präsentiert sich "Police", die letzte Berlinale Special Gala, in der Anne Fontaine ("Coco Chanel") mit den französischen Stars Virginie Efira, Omar Sy und später auch Gregory Gadebois von ganz normalen Polizisten, ihrem Alltag, ihr Privatleben, erzählt. Die drei bekommen den Auftrag, einen Flüchtling zum Flughafen zu eskortieren, der in sein Heimatland, wo ihm der Tod droht, abgeschoben werden soll. Zu Anfang erinnert der Film an poliezei", später wird er zugespitzt auf eine Art Kammerspiel im Auto, in dem die drei darüber diskutieren, ob sie dem Mann die Flucht ermöglichen sollen.

Heute Abend wird bekanntgegeben, wer im insgesamt als eher schwach und durchwachsen beschriebenen Wettbewerb, der wegen dem neuen Leitungsduo und der Jubiläumsausgabe allerdings auch ganz besonders kritisch beäugt wurde, die Bären bekommen wird. First Cow" und Never Rarely Sometimes Always" kamen besonders gut an, aber, ob das auch bei der Jury um Jeremy Irons so war, wird sich herausstellen.