Festival

KOMMENTAR: Berlin bleibt eine Reise wert

Aller Anfang ist schwer, und die Erwartungen waren zu hoch gesteckt. Noch läuft die Jubiläumsberlinale, noch sind die Bären nicht vergeben. Dass es ein schwacher Jahrgang war, darf man schon sagen, dass das nicht an der neuen Leitung liegt, auch.

28.02.2020 07:48 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Aller Anfang ist schwer, und die Erwartungen waren zu hoch gesteckt. Noch läuft die Jubiläumsberlinale, noch sind die Bären nicht vergeben. Dass es ein schwacher Jahrgang war, darf man schon sagen, dass das nicht an der neuen Leitung liegt, auch. Wie hätten Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek die Berlinale auch aus dem Stand neu erfinden sollen. Am Ende stehen die Filme zur Verfügung, die zur Verfügung stehen, die anderen gehen nach Cannes oder Venedig, Toronto oder Telluride oder waren schon in Sundance. So gab es doch eine Fülle von Entdeckungen zu machen, weil das Filmfestival Gottseidank noch nicht auf das kleine, publikumsferne Arthouse-Festival zusammengeschnurrt ist, das sich viele Kritiker der vorherigen Leitung wünschen würden. Den sympathischen Feelgood-Film zur Eröffnung mag man gerne durchgehen lassen, schließlich gilt es, die Gönner und Förderer in Politik und Wirtschaft zu bespaßen, das haben auch frühere Opener gezeigt. Dass Carlo Chatrian ein feines Gespür für den Sinn für Wagnis und Innovation hat, dass er die Länder-Kinematographien gut kennt, besonders die Italiens, das zeigen kleine Meisterwerke, wie die Filme von Giorgio Diritti oder den D'Innocenzo-Brüdern, und verkannte wie das von Matteo Garrone. Auch ein Film wie Qurbanis "Berlin Alexanderplatz" wird bleiben und den Berlinale-Neustart in guter Erinnerung bewahren. Dass Chatrian Filme sucht, die Empathie und Mitmenschlichkeit, Diversität und Individualität feiern, lässt hoffen für weitere Ausgaben unter seiner künstlerischen Leitung. Dass seine Sympathie auch großem Publikumskino wie Pixars Onward" gehört, zeigt, dass er sich den Hunderttausenden verpflichtet fühlt, die ein Kinofest feiern wollen, und nicht nur der verstimmten Großkritik, die letzte Zuflucht im Ohr der kunstsinnigen BKM gefunden hat. Natürlich würden sich Verleiher und Filmtheaterbetreiber wünschen, dass mehr Filme laufen, die auch eine Auswertung im Kino erfahren. Aber vielleicht ist die Berlinale schon Vorreiter der Abkoppelung der Festivals vom regulären Kinogeschehen. Allein Europa produziert und fördert über die Maßen Filme, die unüberschaubar viele Festivals füllen und gut ohne reguläre Auswertung auskommen können. Der angeschlossene EFM hat wohl auch schon turbulentere Jahre gesehen, auch wenn der eine oder andere kleine Deal groß gemeldet wurde. Mit Cannes und Venedig wird Berlin auch weiterhin nicht wie gewünscht konkurrieren können. Wenige der gezeigten Filme wird man dort verzweifelt vermissen. Für den immer verwaisten, im Umbau begriffenen Potsdamer Platz können die Festivalmacher nichts. Das half vielleicht als Entschuldigung bei den wenigen, wenig beklatschten Stars. Berlin bleibt in jedem Fall eine Reise wert und seine Berlinale auch. "It is what it is", hat man Al Pacino in The Irishman" gesagt. Auch der wollte nicht hören.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur