Kino

"Guter Content alleine reicht nicht!"

Ebnet der rasant wachsende Contentbedarf vor allem der großen Plattformen europäischen und deutschen Produzenten den Weg zu den sprichwörtlichen "Goldenen Zwanzigern"? Bei einer Diskussionsrunde auf Einladung von Greenberg Traurig fiel die Antwort sehr differenziert aus.

26.02.2020 17:16 • von Marc Mensch
Oliver Berben, Stefan Lütje, Marcus Ammon, Carlo Dusi, Brian Pearson und Laura Zentner diskutierten über die Rolle der Plattformen (Bild: Greenberg Traurig)

Es entbehrt womöglich nicht einer gewissen Ironie, womit Stefan Lütje, Leiter des Bereichs Medien und Partner in der Branchengruppe Medien, Technologie und Telekommunikation die Gäste von Greenberg Traurig zu Beginn einer Podiumsdiskussion adressierte. Habe man sich vor einigen Jahren noch gefragt, ob alte Modelle zerstört würden, drehe sich die Debatte aktuell vor allem um die Frage, welche Plattform welche schlucken könnte.

Nun, das "alte Modell", es existiert (und floriert) unter anderem in Form des Kinos nach wie vor - auch wenn jährliche globale Rekordumsätze nicht gänzlich darüber hinwegtäuschen können, dass der Wettbewerb um die Besucher härter geworden ist. Die größte Disruption fand bislang auf der Ebene des physischen Home-Entertainments statt - und wie die Zukunft des Fernsehens aussehen könnte, war auf der Berlinale seinerseits Thema diverser Debatten.

Indes drehte sich die Runde bei Greenberg Traurig weniger um den Wettbewerb der großen Plattformen an sich - tatsächlich fiel der ansonsten beinahe unvermeidliche Begriff der "Streaming Wars" kein einziges Mal. Sondern es wurde vielmehr ausgelotet, in welcher Lage sich die Produzenten befinden, insbesondere natürlich die deutschen, die mit Constantin-Vorstand Oliver Berben prominent auf dem Panel vertreten waren.

Und wo Brian Pearson (Head of EMEA Co-Productions and Acquisitions bei Netflix) mit seiner einleitenden Keynote zunächst schon auf dem besten Wege schien, tatsächlich das Bild der sprichwörtlichen "Goldenen Zwanziger" zu zeichnen, die da auf die Produzenten zukämen, illustrierte Berben durchaus, dass nicht alles automatisch Gold ist, was glänzt. Zumindest dann nicht, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Zwar wählte Berben nicht ähnlich drastische Worte, wie dies nahezu parallel wenige Berlinale-Meter weiter Studio-Babelsberg-CEO Charlie Woebcken tat (wir berichteten). Allerdings verwies Berben durchaus darauf, dass man dringend ein Anreizsystem benötige, das langfristig verlässlich und nicht alle paar Jahre erheblichen Änderungen unterworfen sei. Ein Appell, der sich weniger an die Länder, als vielmehr den Bund richtete - und der leider beileibe nicht neu ist.

Auf eine noch längere Tradition kann das geflügelte (und im Prinzip durchaus zutreffende) Wort vom Content als "King" zurückblicken, doch Berben relativierte an dieser Stelle. Nicht Content sei King, sondern nur "Good Content" - und auch dies reiche nicht per se aus. "Streamer schauen auf das Gesamtpublikum, auf das Umfeld - und selbst guter Content kann nicht der Richtige sein, um neue Abos zu generieren. Was gesucht ist, sind Inhalte, die herausstechen!" Netflix habe - wie dies schon Pearson in seiner Keynote betont hatte - eindeutig bewiesen, dass man mit lokalem Content erfolgreich sein könne, weit über die Landesgrenzen hinaus. Indes bestehe die große Herausforderung darin, zu prognostizieren, was das sprichwörtliche "nächste große Ding" sei.

Dass dabei kein Supercomputer in L.A. helfe, unterstrich Pearson, wobei man der launigen Bemerkung durchaus gegenüberstellen darf, dass Netflix in früheren Jahren durchaus nicht allzu sehr bemüht war, Übertreibungen hinsichtlich der Rolle, die Algorithmen zum Beispiel für "House of Cards" tatsächlich spielten, zu relativieren. In Berlin stellte Pearson indes fest: "Daten helfen, kein Zweifel. Aber sie sind eben nur ein Teil des Bildes. Man muss genug Mut und Instinkte aufbringen, um in unbekanntes Terrain vorzudringen." Am grundsätzlichen Produktionsengagement von Netflix soll es jedenfalls nicht scheitern, wie Pearson mit einem kleinen Seitenhieb gegen die (nicht anwesenden) direkten Mitbewerber anmerkte: "Es tut mir ja leid, den einen oder anderen enttäuschen zu müssen", erklärte er angesichts von Investitionen von über einer Milliarde Euro für die Lizenzierung und Produktion europäischen Contents in diesem Jahr, "aber das ist keine kurzfristige Blase, das wird noch mehr werden!"

Apropos "Mitbewerber": Sowohl Marcus Ammon (SVP Fiction und Entertainment bei Sky Deutschland) als auch Carlo Dusi (EVP Commercial Strategy, Scripted bei Red Arrow International) wollten nicht über ein Konkurrenzverhältnis gegenüber Netflix & Co. sprechen - sie sähen vielmehr neue (potenzielle) Partner. Nicht umsonst werden Sky und Netflix in einem Paket angeboten - und auch die Partnerschaft mit HBO bezeichnete Ammon als klare "Win-Win-Situation". Ansonsten blicke er im Prinzip nicht darauf, was andere machten: "Sky macht sein eigenes Ding - und das erfolgreich."

Wie der Markt in zwei Jahren aussehen wird? Darauf konnte erwartungsgemäß keiner der Anwesenden eine Antwort geben, zu schnell dreht sich momentan das Rad. Die Situation sei im Grunde "beängstigend und aufregend zugleich", wie Dusi betonte. Die Herausforderung liege darin, die eigene Rolle zu identifizieren. Größe, ergänzte Berben, sei in jedem Fall entscheidend - und er appellierte an die Auftraggeber, eine allgemeingültige Wahrheit zu erkennen: Nur wer Produzenten an den Umsätzen beteilige, stelle sicher, dass nicht das Günstigste, sondern das Beste am Ende herauskomme.

Ammon schließlich sprach noch ein Thema an, dem gerade auch bei dieser Berlinale viel Aufmerksamkeit zukam: Die Herausforderung, das richtige Talent zu finden - denn der "Run" sei so groß wie nie zuvor. Wobei sowohl Berben als auch Pearson recht pragmatisch mit dem Problem auch des Fachkräftemangels umgingen. "Es ist völlig richtig, dass wir momentan nicht genügen gute Leute haben - aber dann lasst sie uns ausbilden!", so Berben, der feststellte, dass es eine "tolle Zeit" sei, um in dieser Branche zu arbeiten. Noch ein wenig weiter ging Pearson, der feststellte: "Sind wir ehrlich, solche Probleme wünscht man sich doch beinahe! Denn stellen Sie sich doch einmal vor, wie das Gegenteil aussähe!" Damit, dass der Mangel an Personal und Infrastruktur leichter zu beheben ist, als eine fehlende Nachfrage, könnte er am Ende durchaus recht haben...