Festival

Berlinale Tag 6: Ein guter Tag mit Bad Tales

Hochinteressant, provokant ist der zweite italienische Film im Wettbewerb, "Bad Tales". Eine schlimme Geschichte greift auch der gelungene US-Indie "Never Rarely Sometimes Always" auf, ist aber dezent in seinen Mitteln wie auch der regelmäßige Berlinale-Gast, Hong Sang-soo, der Szenenapplaus erntete.

26.02.2020 10:17 • von Heike Angermaier
"Favolacce" ist der zweite starke Film im Wettbewerb (Bild: Pepito Produzioni/Amka Film)

Der zweite Film der römischen Brüder Damiano und Fabio D' Innocenzo, ihr erster "La Terra dell' Abbastanza" lief im Panorama vor zwei Jahren, macht seinem internationalen Titel "Bad Tales" alle Ehre. Sie erzählen in "Favolacce" eine böse, schlimme Geschichte, ein Schauer-Märchen aus der Vorstadt. Dort leben Familien, in denen die Erwachsenen frustriert sind und deren kaum beachtete Kinder den Sex-Talk ihrer Eltern nachahmen. Das ist der Stoff von vielen Komödien oder Sozialdramen. In ihrem ätzenden, grotesken Drama zwischen Komödie und Tragödie spitzen ihn die Macher aber viel mehr zu. Sie lassen die Kids während der brütend heißen Sommerferien zum äußersten greifen. Hier kann das Lachen einer Figur blitzschnell zum Heulen oder zu purer Aggression umschlagen. Auch als Zuschauer weiß man kaum, wie man reagieren soll, zwischen Verwunderung und Schock. Elio Germano, der bereits im ersten italienischen Wettbewerbsbeitrag Volevo nascondermi" sein Können eindrücklich demonstrierte, tut es hier erneut, er ist regelrecht furchterregend als einer der Väter. Aber auch seine KollegInnen einschließlich und insbesondere der Kids überzeugen im Ensemblefilm. Durch die Anti-Coming-of-Age-Geschichte führt ein Erzähler, der mit einer schlechten Nachricht beginnt, dass ein Baby von seinen jungen Eltern getötet wurde, die sich anschließend selbst umbrachten. "Bad Tales" endet entsprechend, ist aber so irritierend, originell und ja, gut und gut gemacht, dass er für einen Bären in Frage kommen könnte. Man darf gespannt sein, was dem talentierten Regieduo als nächstes einfällt.

Eine "richtige" Coming-of-Age-Geschichte erzählt Eliza Hittman in ihrer dritten Langfilmregiearbeit Never Rarely Sometimes Always", die bereits in Sundance gewürdigt wurde und auch in Berlin sehr gut aufgenommen wurde. Im Zentrum steht die 17-jährige Autumn aus Pennsylvania, die feststellt, dass sie schwanger ist, das Baby aber nicht behalten, auch nicht adoptieren lassen will, wie ihr die Beratungsstelle nahelegt. Da sie in ihrem Heimatort die Genehmigung ihrer Eltern braucht, um abzutreiben, fährt sie mit dem Bus nach New York, begleitet von ihrer Cousine. Die US-Indieregisseurin erzählt feinfühlig und in aller Ruhe von ihrer Reise, schildert genau, fast dokumentarisch das Prozedere in der Klinik, vor der christliche Gruppen gegen Abtreibung demonstrieren. Zum Prozedere gehört ein Fragebogen, bei dem mit den titelgebenden Worten geantwortet werden muss. Erst da wird endgültig deutlich, dass Autumn auch missbraucht wurde. Das Schweigen der Protagonistin genügt. Hittman walzt die Tragik nicht aus, sondern schildert lieber die Vertrautheit der Freundinnen. Es ist ein leises Drama, aber dafür umso kraftvoller, auch als Plädoyer für die Selbstbestimmung der Frau. Die Kamera von Hélène Louvart (die übrigens auch den Wettbewerbsbeitrag Todos os Mortos" fotografierte) ist immer nah oder sehr nah an den beiden Hauptdarstellerinnen Sidney Flanigan und Talia Ryder, die man sich nach diesen Performances merken sollte.

Außerdem feierte am Dienstag noch ein häufiger Berlinale-Gast Premiere im Wettbewerb, Hong Sang-soo mit einer weiteren leichtfüßigen, melancholischen Komödie, in der es sogar während der Pressevorführung Szenenapplaus gab. Seine Heldin - gespielt wie schon oft in seinen Filmen von Kim Min-hee, die für On the Beach at Night Alone" mit dem Silbernen Bären prämiert wurde - hat ihre Jugend hinter sich, ist aber noch jung und besucht nach Jahren Freundinnen bzw. Bekannte, die weiter raus, aufs Land gezogen sind. Sie bewundert deren Aussicht auf die Berge, ihre Wohnungen, plaudert mit ihnen über Beziehungen, Geld, Alltägliches und isst mit ihnen. Keine 80 Minuten dauert "Domangchin yeoja" bzw. "The Woman who ran", in dem über Männer geredet wird, sie aber nur als Störung der entspannten Treffen auftreten, etwa in der eingangs erwähnten herrlichen Szene, in der ein Nachbar klingelt, um zu bitten, die streunenden Katzen doch nicht zu füttern. Keiner der Frauen ist wirklich zufrieden mit ihrem Leben, auch die Hauptfigur, die von ihrer engen Beziehung schwärmt, könnte die Frau, die Mann und Kind davonlief, die im ersten Treffen erwähnt wurde, sein.

Heike Angermaier