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Berlinale Tag 4: Märchen und Stadtgeschichte

Christian Petzold überzeugt erneut im Wettbewerb - mit einem Märchen, das hauptsächlich in Berlin spielt und ein neuer Favorit im Bärenrennen ist. Matteo Garrone erzählt ein klassisches, italienisches Slapstick-Kasperletheater im Special.

24.02.2020 11:18 • von Heike Angermaier
"Undine" verzaubert im Wettbewerb (Bild: Piffl)

Christian Petzold überzeugt erneut im Wettbewerb - mit einem Märchen, das hauptsächlich in Berlin spielt, leichtfüßig anfängt und zur Tragödie wird. Matteo Garrone erzählt ein klassisches, italienisches, aber auch grausames Slapstick-Kasperletheater im Special.

"Undine", Christian Petzolds fünfter Beitrag im Wettbewerb der Berlinale ist wie zuletzt "Transit" ein Favorit im Bärenrennen. Seine beiden Hauptdarsteller aus der Anna-Seghers-Geschichte, Paula Beer und Franz Rogowski, lässt er hier eine Liebesgeschichte erleben, die märchenhaft, tragisch und wunderschön ist. Dass Petzold in "Undine" den titelgebenden Mythos nicht nur andeutet, wird gleich zu Anfang klar, wenn die Titelheldin ihrem Freund unverblümt sagt, sie müsse ihn töten, wenn er sie verlässt. Dabei sitzen die beiden im Außenbereich eines Cafés in Berlin Mitte, fast gegenüber vom Museum, in dem Undine, die als Historikerin arbeitet und Besuchern anhand Modellen souverän von der Stadtgeschichte erzählt. Meisterhaft, wie Petzold das Geschehen im konkreten Heute, in der Wirklichkeit ansiedelt und wie selbstverständlich den Mythos hineinerzählt. Ihm und seinen bewährten Kameramann Hans Fromm gelingen märchenhafte Bilder in aufwändigen Sequenzen unter Wasser, wenn Industrietaucher Christoph einem Wels begegnet oder er mit Undine zu tanzen scheint. Bereits das erste Zusammentreffen der beiden Protagonisten ist eine denkwürdige Szene, die gar auf Slapstick zurückgreift und mit einem zerbrochenem Aquarium endet. So wurde wohl noch keine Liebesgeschichte begonnen. Und man will nicht, dass die Geschichte, die tragische Dimensionen annimmt, nach 90 Minuten endet. Es sind 90 Minuten, in denen unglaublich kunstvoll und ökonomisch erzählt wird. Dank der ausgezeichneten Texte, Dialoge und Diskurse, die einfach, aber poetisch und konkret sind, der präzisen Montage von Bettina Böhler, (der einige Szenen zum Opfer fielen, wie Rogowski in der Pressekonferenz ironisch betrauerte) und dem entsprechenden Ton- und Musikeinsatz und natürlich dem Spiel seiner Darsteller, für die Petzold eine elegante Choreografie enwarf. Auch die weiteren Darsteller können überzeugen, Jacob Matschenz und Maryam Zaree.

Es sind 90 Minuten, die überraschen, verzaubern, berühren, ja auch informieren über die von wenigen Mächtigen bestimmte (Architektur-)Geschichte Berlins. Im Zentrum steht aber die Geschichte der Titelheldin, einer Frau, die um ihre Liebe kämpft, mit ihrer Bestimmung ringt. "Undine" ist ein Film, in dem Wunder passieren, in dem alles stimmt. Unbedingt preiswürdig.

Auch Matteo Garrone, dessen "Pinocchio" gestern Premiere im Special feierte, nimmt sich eines Märchens an. Allerdings erzählt er es alles andere als ökonomisch, es wirkt fast wie ein Gegenentwurf zu Petzolds Film. Garrone erzählt es wie sein "Märchen der Märchen" als üppiges, überbordendes Ausstattungskino. Er bleibt nahe an der Vorlage von Carlo Collodi, die bereits vielfach, u.a. als Disney-Animation verfilmt wurde, erzählt die Abenteuer der Holzpuppe, die ein Junge werden will, als historisches Kasperletheater, lässt den Titelheld und die Tiere, denen er begegnet, wie Grille, Fuchs und Kater, von Menschen spielen, denen er beeindruckende Masken und Kostüme verpasst und deren Schauspieler hier herrlich dick auftragen dürfen. Zu komischem und unterhaltsamem Effekt. Er hätte seine satirische, deftige, manchmal grausame Geschichte straffen können. Aber Roberto Benigni ist perfekt in der Rolle von Pinocchios Vater und Schöpfer. Sein liebenswerter, auch nerviger Chaplin-Tramp und der junge Hauptdarsteller sorgen dafür, dass der Zuschauer nicht nur ob des Gebotenen staunt, sondern auch mitfühlen kann.

Wie "Undine" beschäftigt sich der zweite Wettbewerbstitel des Tages, das brasilianische Drama "Todos os mortos" mit der Geschichte einer Stadt, hier Sao Paulo, in der auch die beiden Regisseure leben. Caetano Gotardo und Marco Dutra, die hier erstmals gemeinsam inszenieren, aber bereits gemeinsam an Filmen gearbeitet haben, zeichnen damit auch die vom Kolonialismus bestimmte Geschichte der Nation nach, die Mischung der Kulturen, der Religionen. Sie siedeln ihren Film 1899 an, als die Sklaverei seit zehn Jahren abgeschafft war und eine Republik gegründet worden war. Ehemals reiche, weiße Großgrundbesitzer, die aus Europa stammen, sind zwar ärmer geworden, leben in der Stadt in kleineren Wohnungen, sind aber immer noch die herrschende Klasse, während die ehemaligen, aus Afrika stammenden Sklaven sich weiter als Hausangestellte, Hilfsarbeiter verdingen. Rassismus, Ungleichheit sind geblieben. Wie die Filmemacher deutlich machen und in ihrem historischen Setting immer wieder die Gegenwart durchbrechen lassen - so findet ein Familienpicknick etwa mit Blick auf das moderne Sao Paulo statt - und damit das Geschilderte auch auf die heutige, brasilianische Gesellschaft beziehen. Gotardo und Dutta konzentrieren sich in ihrer nach wichtigen Feiertagen des Jahres strukturierten Erzählung auf vier Frauenfiguren, die von den titelgebenden Toten heimgesucht werden bzw. ihre Wurzeln wieder entdecken. Die Tochter eines ehemaligen Kaffeeplantagenbesitzers, die den Verstand verliert, sieht die toten Sklaven aus ihrer Kindheit. Die ehemalige Sklavin beginnt ihre aus Angola stammende Religion wieder zu praktizieren. Auch die Musik spiegelt verschiedene Epochen, Herkunft und Stile. Erstes und letztes Musikstück - vorgetragen von den Figuren - ist ein Lied, das von Generation zu Generation weiter gegeben wurde. Ein Film, der den Zuschauer fordert.

Heike Angermaier