Festival

Berlinale Tag 3: Dem Menschen die Freundschaft

Bär, gestatten: Kuh! Kuh, gestatten: Bär! Die 70. Berlinale hat ihr erstes Highlight: Kelly Reichardts Anti-Western "First Cow" ist das Werk einer Meisterin des modernen Kinos. Philippe Garrel dagegen eckte an mit seiner Education sentimentale, "Le sel des larmes", die das Publikum klar spaltete.

23.02.2020 10:40 • von Thomas Schultze
Berlinale-Highlight: "First Cow" mit John Magaro (Bild: Berlinale)

Jeder Tag auf einem Festival ist ein neues Abenteuer. Jeden Tag darf man sich einlassen auf neue Welten, neue Figuren, neue Ideen. Nie weiß man genau, was einen erwartet. Man lässt sich einfach treiben von den vorgegebenen Startterminen. Nicht selten fragt man sich in einer der zahllosen Warteschlangen, in denen man sich unweigerlich befindet: Für welchen Film stehe ich eigentlich gerade an? Die Antwort ist irrelevant, irgendein Titel, der einen auch nicht weiterbringt, immer wieder ein Regisseur, mit dessen Werk man noch nicht vertraut ist. Man würde ja so oder so weiter in der Schlange bleiben. Man muss einfach neugierig bleiben. Und hat das seltene Privileg, mit offenen Augen sehen zu dürfen, sich einfach einzulassen, einfach zu entdecken - im Grunde das Gegenteil einer normalen Kinoerfahrung, die doch immer geplant und vorbereitet ist; man hat eine Wahl für diesen oder jenen Titel getroffen und verbindet Erwartungen. Wer geht schon noch in Kino und löst ein Ticket für einen beliebigen Film, von dem man noch nie gehört hat?

Wenn man auf einem Festival einen Film von Kelly Reichardt sieht, lässt man sich auch auf ein Abenteuer ein. In diesem Fall nicht so sehr, weil man nicht wüsste, was einen erwartet, sondern weil sich die 55-jährige Filmemacherin mit ihren nunmehr acht seit 1994 entstandenen Filmen einen Ruf gemacht hat als visionäre Filmemacherin mit einem ganz eigenen Blick auf Menschen, die in Amerika verloren gehen. Wenn sie einen neuen Film macht, dann merkt man auf, weil man mit einer völlig neuen Erfahrung rechnen kann, mit einem Blick, den man so selbst wohl nicht gehabt hätte. First Cow" ist eine solche bereichernde Erfahrung, die Verfilmung des Romans "The Half Life" ihres wiederholten Mitstreiters Jonathan Raymond, mit dem sie auch das Drehbuch schrieb - der mit Abstand beste Film bisher im Wettbewerb der 70. Berlinale, ein Anti-Western im besten Sinne, der den Zuschauer zurückträgt an die Anfänge der Besiedlung des amerikanischen Westens, 20 Jahre früher noch als Reichardts wohl bekanntester Film, Meek's Cutoff" aus dem Jahr 2010, der Siedler im Jahr 1845 auf dem Orgeon Trail folgt. Und doch erzählt "First Cow" keine Geschichte über Pfadfinder, Fallensteller oder Revolverhelden, und auch keine Geschichte über endlose Weiten und die Urbarmachung des Landes. "Dem Vogel ein Nest, der Spinne ein Netz, dem Menschen die Freundschaft" - dieses Zitat von William Blake steht vor dem Beginn des Films. Und genau davon erzählt er schließlich auch, ungewöhnlich liebevoll und zärtlich.

Reichardt wählt das engste denkbare Filmformat, weil die Welt der Menschen, die sie zeigt, nicht unendlich ist und frei, wie man sich das vom Wilden Westen in seinen traditionellen Breitwandbildern vorstellen mag, sondern klein, eng, ungemütlich und geprägt von schierem Überleben. Für unnötige Romantik ist kein Platz in diesem Film, der mit einem Blick in die Gegenwart beginnt, bevor er schwenkt ins frühe 19. Jahrhundert. Eine junge Frau macht beim Spaziergang mit ihrem Hund - die beiden erinnern wohl nicht zufällig an die Titelhelden von Reichardts Wendy and Lucy" von 2008 - in einer Böschung am Fluss eine Entdeckung, einen menschlichen Totenkopf. Als sie die Knochen freigelegt hat, offenbart sich der Blick auf zwei Skelette, die Hände haltend nebeneinander liegen. Fortan folgt die Kamera dem Koch Cookie, der sich auf den Weg befindet zu einem Außenposten in einem unwirtlichen Teil von Oregon. Mit den hoffnungsvollen Gemeinden in einem John-Ford-Film, Brutstätten eines aufstrebenden demokratischen Amerika, hat dieses Nest mit seiner Ansammlung von Außenseitern und von der Gesellschaft Vergessenen nichts zu tun. Eher erinnert man sich an "McCabe and Mrs Miller" erinnert: Es regnet, es ist immer nass und matschig, die Hütten sind notdürftig zusammengezimmert. Wie es riechen mag, will man gar nicht wissen. Hier tut sich Cookie mit einem Chinesen zusammen, der schon die Welt gesehen hat (London! Die Pyramiden!) und nun sein Glück im Westen zu finden versucht. Gemeinsam wollen sie mit frisch gebackenen Krapfen ein bisschen Geld machen. Die Milch dazu stehlen sie allnächtlich bei der einzigen Kuh weit und breit, die sich der britische Verwalter der Kolonie hat liefern lassen. Das ist so lange erfolgreich, bis der Verwalter auf die Delikatessen der beiden Freunde aufmerksam wird und sie anstellt, exklusiv für ihn einen Kuchen zu backen.

Reichardts zeigt immer nur so viel wie nötig, ihre Bilder sind sparsam und ökonomisch, und doch erzählt sie so viel, durch Anspielungen, Dinge, die am Bildrand geschehen, oder durch Auslassungen, die immer wieder mehrere Lesarten ermöglichen. Es ist ein Film über den Beginn Amerikas, die Brutalität des Kapitalismus, ein weiblicher Blick auf Männer und eine Männerfreundschaft, die so ungewöhnlich ist, dass sie zu einem der elegischsten letzten Bilder eines Westerns diesseits von Peckinpahs "Pat Garrett jagt Billy the Kid" führt in einem wunderbaren Film, der wunderbar korrespondiert mit dem gar nicht mal so unähnlichen The Sisters Brothers" von Jacques Audiard, der seine zwei männlichen Helden dasselbe Terrain bereisen lässt. Aber wie Reichardt ihre Figuren durch eine Welt schickt, die einem Roman von Cormac McCarthy entnommen sein könnte, so karg und reduziert auf ihre Essenz ist sie, ohne jemals Gewalt in den Mittelpunkt zu rücken, das ist ganz unverkennbar ihre Handschrift - die Handschrift einer meisterhaften amerikanischen Regisseurin. "First Cow" mag seine Weltpremiere im September in Telluride gehabt haben. Die Tatsache, dass Alberto Barbera diesen wunderbaren Film nicht für Venedig ausgewählt hat, mag darauf verweisen, dass Carlo Chatrian ihn schon damals für die Berlinale ins Auge gefasst hatte. Eine gute und richtige Wahl.

Die Geister scheiden sich indes an dem neuen Film des französischen Altmeisters Philippe Garrel. Le sel des larmes" ist der 28. Film des 71-Jährigen, wie schon der Vorgänger, Im Schatten der Frauen", geschrieben von Garrel zusammen mit Jean-Claude Carriére und Arlette Langmann, die Geschichte eines haltlos durch sein Leben liebenden jungen Mannes, die im Hier und Jetzt spielt, aber doch immer wie ein Blick zurück wirkt, ein Blick auf vergangene Liebschaften, auf unaufgearbeitete Konflikte, auf Bedauern über verpasste Gelegenheiten und Fehler, die sich nicht mehr richten lassen. Manche werden beklagen, es handle sich um eine Altherrenfantasie mit überholtem Weltbild, in der sich die Männer die Frauen nehmen, wie sie wollen, und die Frauen sich über ihre Männer definieren. Das könnte gelten, wenn Garrel nicht so hart ins Gericht ginge mit seiner Hauptfigur, dem von Logann Antuofermo in seiner ersten Filmrolle gespielten Tischler Luc, der ein Junge ohne Eigenschaften ist, immer nur seiner Eingebung folgt, aber keinen rechten Plan hat, was ihm im Leben wichtig sein könnte. Er kommt aus der Provinz nach Paris, um sich bei einer Eliteschule zu bewerben und macht der entzückenden Djemila in den Hof. Danach kehrt er in den Betrieb des liebevollen Vaters zurück, gespielt von André Wilms, Held vieler Kaurismäki-Filme, und lässt sich wieder mit einer alten Schulfreundin ein. Sie wird von Luc schwanger, was ihn nicht hindert, ihr den Rücken zu kehren, als er die Stelle in Paris bekommt, wo er sich auf eine Beziehung mit der feurigen Betsy einlässt, das erste Mädchen, das er selbst wirklich liebt. Weil er aber so ungefestigt ist und jeder Konfrontation aus dem Weg geht, lässt ihn auch die Vergangenheit nicht los. Es ist eine ganz eigentümliche Education sentimentale, die Garrel hier zeigt, in tollen Schwarzweißbildern und mit romanhaftem Off-Kommentar, elliptisch erzählt mit vielen Leerräumen und einem abrupten Ende, das den Zuschauer urplötzlich aus dem Kino entlässt, seltsam unbefriedigt, aber auf ganz eigenartige Weise erfüllt von dieser so unbeteiligt erzählten Geschichte, die, im Schatten der Frauen, mehr übers Leben erzählt, als man zunächst wahrhaben will.

Thomas Schultze