Festival

Berlinale Tag 2: Das harte Brot

Nach dem verhaltenen Auftakt am Donnerstag suchte die Berlinale auch am zweiten Tag noch nach einem Groove. Beeindruckend war das Künstler-Biopic "Volevo nascondermi"; für Laune beim (Familien-)Publikum sorgte Pixars "Onward: Keine halben Sachen".

22.02.2020 09:57 • von Thomas Schultze
Starke Bilder, starker Hauptdarsteller: "Volevo nascondermi" (Bild: Berlinale)

Natürlich schauen alle genau hin, was anders ist, was neu ist, was vertraut geblieben ist bei der Berlinale unter neuer Führung. Nun wären Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian die Ersten, die darauf bestehen würden, dass es gar nicht ihre Absicht war, die Berlinale neu zu erfinden. Und bei der einen oder anderen kleineren Änderung wäre es auch nicht gewiss, ob sie nicht auch unter Dieter Kosslick so gekommen wäre. Dass das Pressezentrum aus dem Berlinale Palast ausgelagert werden musste beispielsweise, weil die Berlinale in den Räumlichkeiten, die mittlerweile ganz im Zeichen des neuen Hausherren steht, dem Cirque de Soleil, nur noch geduldeter Gast für die Dauer des Festivals. Sofern man nicht zu den Einkäufern gehört, die sich nach der Schließung des Cinestar, wo eine Vielzahl der Marktvorführungen (wie auch Publikumsscreenings) stattfanden, mit völlig neuen Verhältnissen arrangieren müssen, stellt man als langjähriger Besucher aber doch fest, dass die meisten Wege die alten geblieben sind. Die Veränderungen erkennt man erst auf dem zweiten Blick, wenn man genauer hinblickt. Der Teufel steckt im Detail. Das Einführungslogo ist aufgehübscht worden, offenbar natürlich auch für das 70. Jubiläum. Die erste Schiene der Pressevorführungen um 9 Uhr morgens, die in den letzten Jahren fast ausschließlich den künstlerisch fordernderen Filmen gehört hatte, wird anders bespielt, jetzt durchaus mit gefälligeren Titeln aus dem Berlinale Special. Allerdings, und das hatte ja schon die Auseinandersetzung mit dem Wettbewerbsprogramm im Vorfeld angedeutet, ist der Wettbewerb insgesamt eine forderndere Veranstaltung geworden, streng und nüchtern, wie man das schon von Carlo Chatrians Selektion in Locarno kannte.

Was wiederum eine vielleicht auch nötige Entwicklung ist, um die so unübersichtlich gewordene Berlinale zu entschlacken, ihr ein neues Zentrum zu geben, mit dem Wettbewerb als unbestechlichen, nur nach künstlerischen Maßstäben ausgewählten Kern des Festivals, um den die anderen Reihen kreisen und ihre jeweilige Wirkung entfalten sollen. Das ist nachvollziehbar. Dann aber müssen die Filme überzeugen, die es in diesen Kreis von titeln geschafft haben, die um die Bären konkurrieren. "El prófugo" ("Der Eindringling"), der erste Wettbewerbsfilm, den es für die Presse zu sehen gab und der am Freitag zur besten Galazeit seine Weltpremiere feierte, tat es schon einmal nicht unbedingt. Die zweite Regiearbeit der Argentinierin Natalia Meta basiert auf dem in ihrem Heimatland kultisch verehrten Horrorroman "El mal menor" von C.E. Feiling und beginnt vielversprechend, stets die Balance haltend zwischen Realität und albtraumhafte Fantasie: Passiert das, was man sieht, tatsächlich oder findet es nur in der Fantasie von Inés statt, einer jungen Frau, die als Synchronsprecherin für Exploitationfilme arbeitet und mit ihrer ausgebildeten Stimme zu den Stützen eines ambitionierten Chors zählt. Gleich in den ersten Szenen, in denen ein Urlaub mit ihrem neuen Freund in einer Tragödie mündet, etabliert Meta ein Szenario der Unsicherheit: Mit Fortschreiten der Handlung beginnt Inés ihre Stimme und damit auch den Halt in ihrem Leben zu verlieren. In ihr reift die vielleicht ja nur paranoide Überzeugung, von einem nicht weiter benennbaren Eindringling attackiert zu werden. Leider verdichtet sich das, was zunächst als cleveres Vexierspiel beginnt, nie zu einer greifbaren Bedrohung. In dem Bemühen, dem Publikum mit jeder neuen Szene wieder den Boden unter den Füßen wegzuziehen, verliert sich der Film in Beliebigkeit, spannungslos und erschöpft. Als feministische Variation von Thrillerthemen über Identität und Selbstbestimmung, wie sie Polanski oder De Palma immer wieder meisterlich bearbeitet haben oder jüngst François Ozon in "Der andere Liebhaber" genussvoll trashig auf die Spitze trieb, ist "El prófugo" einfach zu unentschlossen.

Mehr zu bieten hatte "Volevo nascondermi" von dem italienischen Regisseur Giorgio Diritti, über den selbst Carlo Chatrian bei der Programmpressekonferenz gesagt hatte, er sei nicht wirklich mit dessen Werk vertraut gewesen. Erstaunt ist man von der visuellen Wucht und der kunstvollen Montage dieser Künstlerbiographie, die dem Genius des Malers Antonio Ligabue auf die Spur kommen will, dessen Leben ein einziger Leidensweg ist, bis der psychisch gestörte und in völliger Armut lebende Außenseiter von einem anderen Maler entdeckt, erstmals wie ein menschliches Wesen behandelt und gefördert wird: Doch die Befreiung durch die Kunst und der Ruhm Ligabues als künstlerische Sensation sind flüchtig. Fasziniert und erschüttert folgt man dem impressionistischen Film mit seinen aus der Zeit gefallenen Bildern aus der Po-Ebene, ungeschlacht und wuchtig wirkt er, dann aber doch ganz zärtlich und kunstvoll zusammengesetzt, mit assoziativen Montagen, die in Sekunden Brücken schlagen von einer erbärmlichen Kindheit in der Schweiz hin zum Eremitenleben in Italien, wo er die Sprache nicht spricht und in einer verfallenen Baracke vegetiert, von Momenten der Beschwingtheit, wenn Ligabue seine Sprache als Maler entdeckt, und vorübergehendem Wohlstand hin zu gewaltsamen Ausbrüchen und Selbstpeinigung und den letzten Tagen im Armenhaus im Jahr 1965. Man muss denken an Julian Schnabels Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit" mit Willem Dafoe, nicht zuletzt auch, weil "Volevo nascondermi" ebenso ein Showcase für seinen Hauptdarsteller - der großartige Elio Germano, der auch im zweiten italienischen Wettbewerbsbeitrag in Berlin, "Favolacce", eine Hauptrolle spielt. Aber mehr noch ist es eine Kaspar-Hauser-Geschichte, die Giorgio Diritti erzählt, weshalb Werner Herzogs Jeder für sich und Gott gegen alle" die eigentliche Referenz ist für diese eindringliche Arbeit, die einem den Künstler Ligabue näherbringt, den Menschen Ligabue aber trotzdem ein Rätsel sein lässt. Entscheidend ist, dass Diritti einen den Menschen sehen lässt - etwas, was Ligabue viele Jahre seines oft qualvollen Lebens nicht zugestanden war.

Schön, dass es zumindest gestern auch noch ein Gegengewicht zu den heftigen Themen des Wettbewerbs gab: Als Special Gala feierte der neue Film von Pixar-Weltpremiere, Onward: Keine halben Sachen" von %Dean Scanlon%. Schmunzeln merkte ein Kollege in einer der Schlangen an, in denen man einen beträchtlichen Teil seines Tags verbringt, dass es ihn wundern würde, wenn "Onward" in der Kinoauswertung nicht mehr Tickets verkaufen werde, als alle anderen Filme der Berlinale zusammen. Was natürlich vor allem etwas aussagt über die Kommerzialität des 22. Films der nunmehr von Pete Docter geführten Disney-Tochter: Der erste Pixar-Film, der jemals im Frühjahr gestartet wird, hat all die Zutaten, die für einen großen Publikumserfolg spricht. Weshalb aber auch angemerkt sein darf, dass es sich bei "Onward" nicht um einen der Pixar-Klassiker handelt, den man dereinst in einem Atemzug mit Findet Nemo", "Oben", "Wall-E", Alles steht Kopf" oder Coco" nennen wird, den atemberaubenden künstlerischen Triumphen des Produktionshauses. Eher steht der Film in der Tradition des vorangegangenen Films von Dan Scanlon, Die Monster Uni". Der Regisseur mag es sichtlich, Geschichten über das ganz normale amerikanische Leben mit seinen Riten und Institutionen in fantastischen Kulissen zu erzählen.

War "Die Monster Uni" seine Version eines Schulfilms, so ist "Onward" eine Familienkomödie, angesiedelt in einer all-amerikanischen Vorstadt. Nur dass es hier keine Menschen gibt, sondern Elfen leben, die ihre Welt des Zaubers und der Wunder hinter sich gelassen und sich in die Hände des technologischen Fortschritts begeben haben. Um die Suche nach den eigenen Wurzeln, um die eigene Identität geht es in dieser Coming-of-Age-Geschichte, in der zwei Brüder, Ian und Barley Lightfoot, im Original gesprochen von den beiden Marvel-Kollegen Tom Holland und Chris Pratt, zu einem großen Abenteuer aufbrechen und auf dem Weg die Magie in ihrem Leben entdecken. Ein bisschen braucht man, bis man sich in die Welt des Films eingefunden hat, auch weil die Prämisse ein bisschen kompliziert: Ians noch vor seiner Geburt gestorbener Vater hat seinen Söhnen ein Geschenk hinterlassen, das den Brüdern am 16. Geburtstag des schüchternen und unsicheren Ian präsentiert wird. Ein geheimer Zauber mit entsprechendem Stab soll dafür sorgen, dass sie ihren Vater noch einmal einen Tag lang sehen können. Doch das Experiment schlägt fehl. Nur der halbe Vater ist, vom Unterleib abwärts, sichtbar. Und nun müssen die Brüder in einem Rennen gegen die Zeit einen magischen Stein finden, um den Zauber rechtzeitig zu komplettieren und wenigstens ein bisschen Zeit mit dem Vater zu verbringen. Es braucht also ein bisschen, bis "Onward" seinen Rhythmus findet und die Geschichte dahin geführt wird, wo der Titel sie haben will: vorwärts. Aber wenn das Abenteuer mit seinen zahlreichen Verweisen auf die Mythologie Tolkiens und Fantasy-Rollenspiele erst einmal läuft, dann entwickelt sich ein auch entwaffnend emotionaler Film, der Humor und Herz an Stellen findet, wo man sie zunächst vielleicht nicht erwarten würde. Was nicht das Schlechteste ist, auch wenn es nicht einer der Besten von Pixar ist.

Thomas Schultze